Frauen in Literatur und Kunst

Interview mit Britta Jürgs vom AvivA Verlag

Wenn man uns fragen würde, welche zehn Autorinnen und Autoren oder auch Künstlerinnen und Künstler wir für herausragend halten, welche würden wir nennen? Fallen uns da nicht eher Männer als Frauen ein? Das ist kein Wunder, denn Frauen sind in Literatur und Kunst zum einen noch nicht so lange sichtbar wie ihre männlichen Kollegen, zum anderen wurden die Kunst- und Literaturkanons ihrerseits von Männern erstellt. Wir sind also entsprechend konditioniert. Umso besser, dass es Verlage wie den AvivA Verlag gibt. 1997 hat Britta Jürgs ihn gegründet. Das Ziel des Verlags ist auf dessen Homepage gut auf den Punkt gebracht: „AvivA-Bücher erweitern die Weltkarte im Kopf um herausragende Frauen in Kunst und Literatur.“ Ein Gespräch mit Britta Jürgs über ihren Verlag, ihr Programm, Buchmessen und eine Katastrophe.

Britta Jürgs im Gespräch mit Petra Gust-Kazakos für Philea’s Blog, Foto: © Britta Jürgs

Britta Jürgs im Gespräch mit Petra Gust-Kazakos für Philea’s Blog, Foto: © Britta Jürgs

Was bedeutet eigentlich der Verlagsname AvivA?

Britta Jürgs: Aviva ist ein hebräischer Frauenname und bedeutet Frühling. Für mich steht der für den thematischen Schwerpunkt auf Frauenthemen und -biografien und für die Wiederentdeckung jüdischer Autorinnen der Zwanziger Jahre.

Wie kamst du zu der Idee für den Verlag bzw. das Verlagsprogramm? War es deine Absicht, den männlich geprägten Literatur- und Kunstkanons weibliche entgegenzusetzen?

Britta Jürgs: Ich wollte ursprünglich einfach die Bücher machen, die es so nicht gab: z. B. Porträtbände zu Künstlerinnen und Schriftstellerinnen verschiedener Kunstbewegungen, wie Surrealismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit (wobei mir die Querverbindungen zwischen Kunst und Literatur immer ganz wichtig waren). Und da ich mich selbst schon während meines Studiums sehr für die Literatur der Weimarer Republik und die Exilliteratur interessiert habe, habe ich auch gemerkt, wie viel es da noch zu entdecken gibt. Vor allem bei den Schriftstellerinnen. Diese Entdeckungen und die eigenen Leidenschaften teilen und andere dafür begeistern zu wollen, ist sicherlich der Hauptbeweggrund. Aber natürlich möchte ich damit auch zu einer Erweiterung und größeren Vielfalt des herkömmlichen Kanons beitragen.

Welche Reaktionen sind typisch, wenn du über deinen Verlag und deine Ziele sprichst? Gibt es typisch weibliche bzw. typisch männliche Reaktionen?

Britta Jürgs: Das lässt sich gar nicht auf einen Nenner bringen, auch auf keinen geschlechtsspezifischen, dazu sind doch einfach die Interessen zu unterschiedlich. Obwohl sich natürlich nicht verleugnen lässt, dass es vielleicht doch mehr interessierte Leserinnen als Leser gibt. Obwohl das je nach Buch variiert. Die Undercover-Reportage aus der Psychiatrie von Nellie Bly, Zehn Tage im Irrenhaus von 1887, bei AvivA zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen, stößt beispielsweise auf viel größeres Interesse bei Lesern als beispielsweise der Roman Das weiße Abendkleid von Victoria Wolff.

Hast du das Gefühl, in Buchhandlungen und Feuilletons mit den Verlagstiteln gut vertreten zu sein?

Britta Jürgs: Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Buchhandlungen, die sich für unser Programm engagieren, aber eigentlich genügt das trotzdem noch nicht und ich würde mir noch mehr Buchhandlungen wünschen, die z. B. auch mal ein Schaufenster oder eine Veranstaltung machen. Damit, ein Buch im Regal stehen zu haben, ist es ja nicht getan. Ob nun im Buchhandel oder auch in Blogs wie dem deinen, ich glaube an Mundpropaganda und Buchempfehlungen.

Die Wahrnehmung in der Presse ist nicht schlecht, aber auch hier wundert man sich zuweilen, wann es klappt und wann nicht – und leider ist die Halbwertzeit, ab wann etwas beispielsweise nicht mehr besprochen werden kann, weil es zu „alt“ ist, immer kürzer. Und die AvivA-Bücher gehören leider normalerweise nicht zu denen, die automatisch in jedem Feuilleton besprochen werden müssen und auf die alle warten (schade eigentlich …). Da der Platz immer knapper wird, leiden natürlich oft die Bücher darunter, die man besprechen kann, aber nicht muss. Was natürlich nicht nur meinen Verlag betrifft. Es ist also bei der Wahrnehmung in der Presse ähnlich wie beim Buchhandel: für so einen kleinen Verlag wie AvivA gar nicht schlecht – aber es dürfte auch noch ein bisschen mehr sein. Da ist nach oben noch ein bisschen was offen.

Britta Jürgs mit der Autorin Florence Hervé und der Übersetzerin Josefine Haubold, die Nellie Blys Buch Around the World in 72 Days übersetzte, am AvivA-Stand, Foto: © Britta Jürgs

Britta Jürgs mit der Autorin Florence Hervé und der Übersetzerin Josefine Haubold, die Nellie Blys Buch Around the World in 72 Days übersetzte, am AvivA-Stand, Foto: © Britta Jürgs

Du bist auch auf Buchmessen mit AvivA präsent. Wo liegen deiner Ansicht nach die Hauptunterschiede zwischen der Leipziger und der Frankfurter Buchmesse?

Britta Jürgs: In Leipzig bekomme ich sehr viel Kontakt zum Publikum, das finde ich ganz großartig: Sowohl in Gesprächen auf der Messe als auch bei den tollen Veranstaltungen an wunderbaren Orten irgendwo in der Stadt. Ich finde nach wie vor auch die Präsenz in Frankfurt wichtig, aber Besucherinnen und Besuchern würde ich eher zu einem Besuch auf der Leipziger Buchmesse raten, wo mehr Platz für Entdeckungen ist.

Leider gab es vor gar nicht allzu langer Zeit ein weniger schönes Erlebnis, der Großbrand Anfang April in einem Außenlager der LKG Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft mbH. Zehntausende Bücher fielen dem Brand zum Opfer, darunter leider auch viele AvivA-Bücher. Was bedeutet das für dich?

Britta Jürgs: Das war wirklich eine ziemliche Katastrophe, denn zuerst sah es so aus, als ob mindestens 10.000 Bücher aus meinem Verlag vernichtet wären. Inzwischen konnten doch noch einige Bücher wieder saniert werden, andere dagegen sind verbrannt – doch ein Nachdruck ist trotz Versicherung leider aus Kostengründen gar nicht bei allen Titeln möglich, was nicht nur mich, sondern auch die Autorinnen und Herausgeber hart trifft.

Dein Verlag existiert seit 1997 – was sind deine schönsten Erlebnisse und deine größten Errungenschaften der letzten Jahre gewesen?

Britta Jürgs: Es gab natürlich sehr viele schöne Erlebnisse und tolle Begegnungen in diesen ganzen Jahren. Besonders gefreut hat mich, dass ich 2011 vom Netzwerk der BücherFrauen zur „BücherFrau des Jahres“ gewählt wurde.

Eine schöne Ehrung, besonders wenn man bedenkt, dass du den Verlag und alle damit zusammenhängenden Aufgaben in einer unglaublichen One-Woman-Show stemmst.

Britta Jürgs: Natürlich gibt es ab und zu Praktikantinnen oder andere Mitarbeiterinnen im Verlag, aber normalerweise mache wirklich ich den Verlag als Ein-Personen-Unternehmen, bin also für alles verantwortlich, von der Programmauswahl bis zur Umsetzung und Gestaltung. Das ist natürlich relativ viel, aber es gibt immer bestimmte Zeiten, wo das eine mehr im Vordergrund steht (Presse, Lektorat, Vertrieb, Layout) – oder eben das andere. Aber gerade diese Vielfalt macht meine Arbeit auch wahnsinnig spannend.

Ich danke dir herzlich für das Gespräch und wünsche dir noch viele begeisterte Leserinnen und Leser!

Hier findet ihr das Gesamtprogramm des AvivA Verlags online. Und hier könnt ihr schon mal in das Herbst-Programm 2013 von AvivA schauen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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25 Antworten zu Frauen in Literatur und Kunst

  1. andrea schreibt:

    Bist du das mit den vielen BÜCHER(n)….siehst KLASSE aus …habe dich abonniert damit ich sehen kann was du SCHÖNes POSTest……sehr intererressant und INFORMATIV deine SEITE(n)hab einen schönen MITTWOCH und wenn du ZEIT hast lade ich dich zu meiner GEBURT(s)TAG(s)PARTY ein es ist genug für jeden da,,,,wirst du erscheinen???HERZliche GRÜßE sendet dir ANDREA:))

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Andrea – du hattest Geburtstag? Dann ganz herzlichen Glückwunsch! Die Fotos hier im Interview zeigen allerdings nicht mich, sondern die Verlegerin Britta Jürgs.

      • andrea schreibt:

        ach so…….SCHÖN liebe PETRA das du mich gefunden hast um mir liebe GRÜßE zum GEBURT(s)TAG dazulassen ich wünsche dir noch viel SPASS auf meinen SEITE(n)hab du einen schönen Donner-s-TAG und schreibe schön………HERZlichste GRÜßE sendet dir ANDREA:))

  2. buchpost schreibt:

    Ein interessanter Hinweis auf einen Verlag, den ich noch gar nicht so auf dem Schirm hatte. Dankeschön! Und ich habe mich gefreut, dass mehrmals Nelly Bly erwähnt wurde. Ihre Undercover-Reportage über eine Psychiatrie-Einrichtung „Ten Days in a Madhouse“ von 1887 ist unbedingt lesenswert. LG Anna

  3. KAINe Kolumnen schreibt:

    Ein ansprechendes Interview, liebe Petra! Ein anregendes Verlagsprogramm! Und ein sympathisches Verlegerinnenlächeln! AvivA behalte ich im Blick. Und die aktuelle Neuerscheinung steht schon auf meiner Bücherwunschliste.

    Eine geruhsame Nacht wünscht Karin

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das freut mich sehr, liebe Karin – wobei ich mir schon bei der Beschreibung des Verlagsprogramms dachte, dass da so einiges für dich dabei sein könnte : ) Hab einen schönen Sommersonnentag!

  4. dasgrauesofa schreibt:

    Vielen Dank für das tolle Interview! Ich werde gleich mal auf den Verlagsseiten herumstöbern.
    Viele Grüße, Claudia

  5. muetzenfalterin schreibt:

    Sehr spannend. Danke für dieses Interview.

  6. brunnenwaechterin schreibt:

    Gerade gestern erst hatte ich das Interview mit Deborah Kogan auf welt.de über die Männerdominanz in Literatur und Kultur gelesen. Da passt dein Artikel sehr gut zum Thema. Ein sehr schönes Interview mit einem Verlag, den ich bisher gar nicht kannte. Das Herbstprogramm hört sich jedenfalls vielversprechend an.

  7. Britta Jürgs schreibt:

    Herzlichen Dank hier auch noch einmal, liebe Petra, für das Interview! Und ich freue mich natürlich auch über all die netten Kommentare…

  8. haushundhirschblog schreibt:

    Herzlichen Dank für dieses feine Interview! Wir werden uns den Verlag sicher merken … !!
    Herzlich, dm und mb

  9. Tanja schreibt:

    Liebe Petra,
    bisher habe ich noch nichts aus dem Aviva Verlag gelesen. Auf mich wirkt Britta Jürgs sehr freundlich. Ihre Antworten auf deine Fragen, und das Foto mit B. Jürgs – worauf das Cover von WESTEND zu sehen ist, haben meine Neugier geweckt. Ich war auf der Verlagshomepage und habe bereits ein paar interessante Bücher entdeckt wie z.b. „schwarze Katzen / bunte Katzen“, oder „Around the World in 72 Days“. Wenn ich zuletzt nicht soviel für die bereits angebrochene Depeche Mode World-Tour 2013 ausgegeben hätte, würde ich sofort zuschlagen. Ich wünsche dem Verlag für die Zukunft alles Gute und viel Erfolg.

    Liebe Grüße 😉

  10. Lakritze schreibt:

    Das war spannend zu lesen; und schön, daß sich mutige Einzelne nicht verdrießen lassen –! Und jetzt folge ich mal den Links …

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