Der Mann, der die Wörter liebte

Gerade las ich Der Mann, der die Wörter liebte von Simon Winchester zu Ende – sehr lesenswert! Zum einen handelt es sich um die Doppelbiographie der beiden Männer, die maßgeblich an der Entstehung des Oxford English Dictionary (OED) beteiligt waren, zum anderen erfährt man eine Menge über die ungeheure Arbeit, die die Zusammenstellung eines Wörterbuchs macht. Die Geschichte ist spannend wie ein Roman, die FAZ nannte das Buch gar ‚einen geistesgeschichtlichen Thriller‘. So weit würde ich allerdings nicht gehen, unter einem Thriller, geistesgeschichtlich oder nicht, verstehe ich eher eine Handlung, bei der ein drohendes Übel abgewendet/aufgeklärt werden soll. Hier hingegen geht es ja um die Entstehung einer sehr guten Sache.

Im Vorwort wird die erste Begegnung zwischen Dr. James Murray, dem Herausgeber des OED, und einem seiner produktivsten Mitarbeiter – alle machten das übrigens freiwillig und es waren ihrer Tausende – geschildert. Denn Dr. W.C. Minor war nicht, wie Dr. Murray vermutet hatte, ein wohlhabender Arzt, der sich in seiner Freizeit intensiv mit der englischen Sprache befasste, sondern der Insasse der Straf- und Irrenanstalt Broadmoor. Diese erste Begegnung hat sich zwar so nie zugetragen, sondern geht auf die Legendenbildung eines Journalisten zurück, sie veranschaulicht aber ganz gut die überaus ungewöhnliche Situation. Minor ermordete aus Verfolgungswahn einen unschuldigen Mann und verbrachte ab seinem 38. Lebensjahr den Rest seiner Zeit (er wurde 85) in verschiedenen Anstalten. Die längste Zeit saß er in Broadmoor ein, wo er unter dem Direktor gewisse Freiheiten bewilligt bekam, da er – von seinen Wahnvorstellungen abgesehen – ein überaus gelehrter, kultivierter Mann war. So bewohnte er zwei Räume, von denen einer im Laufe der Jahre zu einer Bibliothek gedieh. Aus dieser konnte sich Minor bedienen, um seine detailreichen Wortlisten, Definitionen, Fundstellen etc. an Murray zu senden, der mit seinem Mitarbeiterstab das umfassendste Wörterbuch der englischen Sprache erstellte. Beide sollten die Fertigstellung der zwölf Bände mit 414 825 definierten Wörtern Ende 1927 nicht mehr erleben, Murray starb 1915, Minor 1920.

Winchester schildert, was Minor zustieß, wie er möglicherweise seinen Verfolgungswahn entwickelt hat und wie er nach dem Mord in Broadmoor lebte. Er erzählt natürlich auch die Geschichte Murrays, aber vor allem die der Entstehung des Wörterbuchs. Ich fand das alles sehr interessant und gut geschrieben. Empfehlenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Der Mann, der die Wörter liebte

  1. leopoldsleselampe schreibt:

    Hallo, das ist ja spannend. Das OED hat mich fast die ganze Schulzeit über begleitet (ist zwar schon lange her, aber unvergessen). Aber die Frage nach seiner Entstehung habe ich mir nie gestellt. Danke für die Empfehlung. Grüße. Leo

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Gern, lieber Leo! Das Buch ist schon älter, von 1999 glaube ich. Ich hatte es mal meinem Liebsten mitgebracht, dem es auch sehr gefiel, aber ich las es erst viel später. Lohnt sich aber wirklich, der Autor, ein Journalist, hat fleißig recherchiert. Liebe Grüße!

  2. mrscoffee schreibt:

    Danke für diesen hinweis. Das buch kommt sofort auf meine Wunschliste. Viele grüße mrscoffee

  3. perlengazelle schreibt:

    Sprache find ich hochspannend, ebenso Verbrecher – scheint eine ideale Kombination zu sein. Muss ich lesen. Danke für die Vorstellung!

  4. Klausbernd schreibt:

    Liebe Petra,
    ich habe dieses Buch mit großem Genuss vor etwa zwei Jahren gelesen und wollte es auch erst auf meinem Blog loben, aber irgendwie kam etwas anderes dazwischen. Toll, dass du dieses Buch vorgestellt hast, das jedem „Buchfreak“ sicher sehr erfreuen wird.
    Mit lieben Grüßen vom wieder heißen Norfolk
    Klausbernd

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das freut mich, lieber Klausbernd, dass dir das Buch auch gefallen hat. Ja, man kommt nicht immer zu allem, aber das macht ja nichts. Es ist ja auch gut, wenn etwas dazwischen kommt und nicht alles nach Plan und vorhersehbar abläuft. Liebe Grüße!

  5. Dina schreibt:

    Ich finde das Buch toll und besonders schön finde ich diese Rezension!
    Liebe Grüße Dina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s