Schloss Gripsholm

Schloss Gripsholm ist ein schöner kleiner Roman von Kurt Tucholsky. „Eine Sommergeschichte“ nennt ihn der Autor. Vordergründig kommt die Geschichte federleicht daher, bietet allerdings mehr, als man von einer sommerlichen Lektüre erwarten würde.

Das Büchlein beginnt mit einem fiktiven Briefwechsel zwischen dem Autor und seinem Verleger „(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt“. Der Verleger bittet um Leichtes, „eine kleine Liebesgeschichte“, leicht verdaulich und ebenso leicht verkäuflich. „Die Sache ist nicht leicht“, findet der Autor und verhandelt um ein besseres Honorar. Den letzten Brief sendet er kurz vor seinem Urlaub in Schweden mit seiner Freundin Lydia, genannt „die Prinzessin“ (oder auch prosaischer mal „Alte“). Und nun scheint sich ganz ferien- und erwartungsgemäß wirklich eine kleine Sommergeschichte zu ergeben.

Schon der Einstieg ist famos, so typisch und wahrscheinlich der Briefwechsel, so wahrscheinlich dann vielleicht auch die folgenden geschilderten Ereignisse. Eine sachliche Romanze nicht ohne Sentimentalität und Liebenswürdigkeit. Dazu eine märchenhafte Handlung, in der außer einem Schloss (nämlich Gripsholm, wo die beiden unterkommen), einer „Prinzessin“ (Lydia), einem treuen Freund namens Karlchen, der die Liebenden in der Sommerfrische besucht, und einer Freundin Lydias, die nach Karlchen ebenfalls zu einem Besuch vorbeikommt, der in einer dezent geschilderten erotischen Sommereskapade kulminiert, auch eine Hexe vorkommt. Die wird zwar so nie genannt, aber als solche beschrieben. Neben all dem Ferientreiben gibt es nämlich eine sehr ernste, rührende Geschichte um ein kleines Mädchen, das in einem nahegelegenen Kinderheim von der Vorsteherin gequält wird. Das Mädchen vor dem weiteren Zugriff der sadistischen Tyrannin zu retten, wird dem Liebespaar zum Ziel. Dies und viele Seitenhiebe auf die Zeit und die Gesellschaft verleihen Schloss Gripsholm deutlich mehr Gehalt, als der Verleger gehofft haben mag.

Tucholsky war ein feiner Stilist. Das reicht von den authentisch wirkenden Briefen über Reisebeobachtungen, die uns heute noch aktuell erscheinen („die Welt hat eine abendländische Uniform mit amerikanischen Aufschlägen angezogen. Man kann sie nicht mehr besichtigen, die Welt – man muß mit ihr leben oder gegen sie“, S. 27), Beobachtungen der Liebe und ihrer Möglichkeiten und den dramatischen Ereignissen rund um das Kinderheim bis zu plattdeutschen Einschüben. All das ergibt eine wunderbare, sehr charmante Mischung, die neu, aber nicht „sachlich“ wirkt.

Interessant fand ich, dass auch der Erzähler verschiedene Namen verpasst bekommt, Lydia nennt ihn mal Peter, mal Fritzchen und meistens Daddy. Vielleicht eine Anspielung auf die vielen Pseudonyme, die Tucholsky selbst verwendete (Peter Panter, Theobald Tiger etc.)? Ebenfalls interessant ist die Widmung „Für IA 47 407“ – das war das Autokennzeichen seiner damaligen Freundin Lisa Matthias. Hier findet sich ein Foto von ihr und ihrem Auto. Tucholsky verbrachte übrigens tatsächlich einige Zeit in Schweden, sogar in der Nähe von Schloss Gripsholm.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Schloss Gripsholm

  1. Susanne Haun schreibt:

    Ich habe das Buch mit wahrer Freude gelesen und als Hörbuch gehört.
    Den fiktiven Briefwechsel zwischen Autor und Verleger ist heute so aktuell wie damals – ich habe ihn zu meiner großen Freude auch vorgelesen bekommen.
    Schön, liebe Petra, dass du dieses bemerkenswerte Buch hier vorstellst!
    LG von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Susanne, ich sehe gerade an den Kommentaren, dass dieses Buch durchaus von vielen gelesen und gemocht wurde/wird – das freut mich sehr! Den Briefwechsel fand ich auch sehr witzig und aktuell – wie auch so manche anderen Beobachtungen im Buch. Danke für deinen Kommentar & liebe Grüße!

  2. IngridW schreibt:

    Liebe Petra, ich habe das Buch vor vielen, vielen Jahren gelesen, und die Lektüre hat mir große Freude gemacht. Es muss auch schon ewig her sein, dass ich im Kino auch die Verfilmung mit Cornelia Froboes und Christian Wolff gesehen habe. Auch den Film fand ich damals sehr gelungen. Es wäre sicher interessant, ihn heute noch einmal zu sehen, um festzustellen, ob das damalige (jugendliche) Urteil noch Bestand hat…
    Herzliche Grüße, Ingrid

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Ingrid, wie schön! Den Film kenne ich (noch) nicht, es scheint sogar noch eine neuere Verfilmung zu geben. Mal sehen, ob wir die Filme über unseren DVD-Verleih bekommen können, mich würden die beide interessieren. Liebe Grüße!

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Das kleine mintfarbene Büchlein, auf dessen Cover der Titel „Schloss Gripsholm“ in einer romantisch wirkenden Schrift aus kleinen Rosenblüten und -blättern geschrieben steht, habe ich mir vor etlichen Jahren (rororo) während der Schulzeit gekauft. Für die Sommerferien, wie sich das für die Lektüre des Buches gehört … 😉
    Ich weiß noch, dass ich etwas ganz anderes erwartet hatte. Aber nach der Lektüre entschied ich mich für den Deutsch-LK.
    Danke für die Erinnerung daran, liebe Petra. Und besonders für Deinen feinen Artikel hier!
    Herzliche Grüße,
    mb

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe mb, das ist ja eine tolle Geschichte! Durch Tucholsky zum Deutsch-LK, das kann man ja fast werbetechnisch nutzen : ) Gerade lese ich Rheinsberg, auch so ein schmales Büchlein von ihm, es fängt schon wieder gut an! Liebe Grüße & einen kühlenden Abendwind!

  4. mickzwo schreibt:

    Besonders beeindruckt hat mich die Modernität dieser Menschen. Die hatten kein Multimedia und trotzdem können wir sie verstehen in ihren Nöten und den Wünschen und den Träumen. Ein großartiges Stück Literatur. Danke für den wunderbaren Artikel. LG, mick

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      VIelen Dank, lieber Mick! Ich finde es auch immer wieder faszinierend, wenn Bücher, die vor Jahrzehnten geschrieben wurden, aktuell bleiben. Das ist es, was für mich einen Klassiker ausmacht. Das finde ich übrigens oft bei Autorinnen und Autoren der „Neuen Sachlichkeit“, z. B. bei Vicki Baum oder Irmgard Keun (natürlich auch zu anderen Zeiten). Obwohl wir bei den 1920ern/30ern ja ganz bestimmte Bilder im Kopf haben (meine sind meist in Schwarz-Weiß mit Bubiköpfen, Perlenketten und Zigarettenspitzen), kommen uns die Probleme und Betrachtungen hochaktuell vor. Liebe Grüße!

  5. buchpost schreibt:

    Wie schön, von dir auf dieses Werk gestupst zu werden! Wir haben uns vor einer Woche Scloss Gripsholm und auch das ganz in der Nähe liegende Grab Tucholskys angeschaut. Ich kann mich nur noch ganz diffus an das Buch erinnern und freue mich auf eine Wiederbegegnung. LG Anna

  6. irrewirre schreibt:

    Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen und in guter Erinnerung behalten. Über die Widmung habe ich mir damals keine Gedanken gemacht, ist aber eine schöne Geschichte.
    Mein Exemplar finde ich aber auch besonders schön.🙂
    http://twitter.yfrog.com/0c61cej
    Daneben steht noch „Rheinsberg“, aus der gleichen Reihe.

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