Das Buch vom Tee

„Medizin war der Tee zuerst, Getränk wurde er danach.“ So beginnt Kakuzo Okakuras wunderbares Buch vom Tee, das so viel mehr ist als ein Buch über Tee und seine Geschichte, nämlich eines, das auf kleinstem Raum am Beispiel des „Teeismus“ die japanische Kultur für den westlichen Blick verstehbar macht.

Kakuzo Okakura (1862 – 1913) stammte aus einer wohlhabenden Samurai-Familie, die in Yokohama, wo er geboren wurde, und Tokio lebte. Er studierte die chinesische Sprache und Kultur, dann die englische Sprache, entwickelte ein starkes Interesse für die westliche Kultur, reiste viel und schließlich erwuchs in ihm auch ein besonders Interesse für die Kultur seines eigenen Landes, die er würdigen und bewahren wollte. Das ging so weit, dass er seinen Posten als Direktor der Kunstakademie in Tokio aufgab, als diese ihm zu verwestlicht wurde. Ihm ist es zu verdanken, dass viele alte japanische Kunstwerke dem Verfall entgingen, in einem Verzeichnis festgehalten und instandgehalten wurden.

„Teeismus ist ein Kult, gegründet auf die Verehrung des Schönen inmitten der schmutzigen Tatsachen des Alltags. […] Die Philosophie des Tees ist nicht nur Ästhetizismus im Alltagssinne des Wortes, denn sie drückt zusammen mit Ethik und Religion unsere ganze Auffassung von Mensch und Natur aus“, heißt es auf der ersten Seite seines Buchs vom Tee. Die scheinbar banale Tätigkeit des Teetrinkens erschließt sich nach und nach als ästhetische Erfahrung, die alle Sinne ansprechen soll. Sie vereint Traditionen aus Religion, Kunst, Kunsthandwerk, Blumensteckkunst, Architektur, Kleidung und Philosophie. Nichts Überladenes gehört zu ihr, sie scheint eher schlicht und schön, berührend und entspannend.

Das Büchlein enthält kleine, augenzwinkernde Seitenhiebe gegen den westlichen Blick auf die östliche Fremdheit, aber es geht dem Autor nicht darum, Gräben zu vertiefen, sondern Missverständnisse zwischen den Kulturen abzubauen, nicht um die Verklärung der eigenen Kultur, sondern um Verständnis für sie und ihre Geschichte. Er weiß um die Verschiedenheiten zwischen Ost und West, deshalb beschreibt er die Schlichtheit des Teeraums im Gegensatz zur Ausschmückungslust im Westen, „wo das Innere des Hauses oft einem Museum gleicht“ (S. 43). Das wird nicht gewertet, es ist eben nur eine andere Auffassung von Ästhetik. Gegenüber dieser Dekorationslust bleibt der Teeraum einfach, sauber, vermeidet Wiederholungen („Wenn eine lebende Blume darin steht, ist ein Blumenbild nicht zulässig“, S. 45) und allzu viel Symmetrie, um einerseits Eintönigkeit zu vermeiden und andererseits die Phantasie anzuregen: „Nur der konnte wahre Schönheit entdecken, der im Geiste das Unvollendete vollendete.“ (S. 44)

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Inzwischen haben sich viele westliche „Teezeremonien“ entwickelt, man reicht Zitrone oder Sahne, Kandis, süße Stückchen, man trinkt Kräutertee aus medizinischen Gründen, Grüntee zur nachhaltigen Ermunterung und Eistee, um sich zu erfrischen. Allein oder mit Freunden, zu Hause oder in einem Café. Keine dieser Teerituale sind besser oder schlechter als das japanische. Und vielleicht sagen auch unsere Rituale ebenso viel über uns und unsere Kultur aus, wie es Kakuzo Okakura so wunderbar am Beispiel des japanischen Teeismus veranschaulicht.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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11 Antworten zu Das Buch vom Tee

  1. Tanja schreibt:

    Sage ich zu Olli: „Oh Phili hat wieder geschrieben!“
    Olli: „Aha!“
    Ich: „Das Buch zum Tee!“
    Olli: „Klingt irgendwie japanisch!“
    Tanja liest die ersten Zeilen…..
    Ich: „Oh ja!“
    Olli: „Echt?“
    Tanja grinst
    Olli: „Ja manchmal habe ich meine hellen Momente!“

    Liebe Petra,
    wir grüßen dich ganz lieb.

  2. Tanja schreibt:

    Danke, das wünschen wir dir auch!🙂

  3. Rabin schreibt:

    „Nur der konnte wahre Schönheit entdecken, der im Geiste das Unvollendete vollendete.“

    Allein für den Satz danke ich dir. Und auch für das Bild. Ich werde nach dem Buch Ausschau halten.🙂

  4. haushundhirschblog schreibt:

    Herzlichen Dank, liebe Petra, für diesen feinen, beinah duftenden Artikel, der selbst für überzeugte Kaffeetrinker ein wahrer Lesegenuss ist und Lust auf das Buch macht.
    Liebe Grüße von uns, dm und mb

  5. eifelzwerg schreibt:

    Oh ja, ein tolles Buch. Muss ich auch unbedingt mal wieder lesen.

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