Bouvard und Pécuchet

Der Roman Bouvard und Pécuchet von Gustave Flaubert hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Vor allem die beiden reizenden Herren, die gemeinsam beschließen, ihr weiteres Leben ihren Studien und Interessen zu widmen – ein für mich überaus reizvoller Gedanke, sollte ich, wie Bouvard, einmal unverhofft zu Geld kommen – und daran leider scheitern.

Der beleibte, sinnenfrohe, extrovertierte Bouvard und der ernste, etwas verklemmte und eher ruhige Pécuchet lernen einander an einem heißen Tag in Paris kennen. Beide sind Büroangestellte und nicht sehr zufrieden mit ihrem Leben. Und obwohl sie so unterschiedlich scheinen, verstehen sie sich gleich ganz prächtig. Gegensätze ziehen sich an. Würde ich jetzt sagen, wenn ich nicht fürchten müsste, diesen Spruch in Flauberts Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit zu finden, dem Sottisier, das sich als Beiprodukt zu Flauberts jahrzehntelanger Recherche für diesen Roman ergab.

Im Laufe ihrer Bekanntschaft stellen sie fest, dass sie beide von einem Leben auf dem Lande träumen, davon, ihrem eintönigen Büroleben zu entfliehen und sich stattdessen ihren Interessen zu widmen, ihr Wissen und ihren Horizont zu erweitern. Überraschend kommt Bouvard zu einer Erbschaft und die beiden beschließen, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen und ziehen in ‚eine Art Schloss‘ in der Normandie.

Ach, es ist so allerliebst zu lesen, wie die beiden sich mühen, sowohl körperlich, indem sie sich in Gartenarbeit und Schlimmerem versuchen, als auch geistig, indem sie sich für dies und das interessieren, immer neue Themen für sich entdecken, Sammlungen anlegen und bei alledem doch irgendwie nicht so richtig weiterkommen. Dabei versuchen sie durchaus nicht allein über Bücher ihr Wissen zu vergrößern. Sie begeben sich auch auf kleine Reisen und suchen das Gespräch mit Gleichgesinnten. Aber irgendwie will es einfach nicht klappen, was sie auch anpacken, wofür sie sich auch interessieren, es läuft immer nach dem gleichen Muster ab: erste Erfolge, dann Misserfolge oder das Thema beginnt sie zu langweilen oder sie schaffen es nicht, über das erworbene Wissen hinaus zu denken und wenden sich einem neuen Thema zu. Dazu kommt, dass sie es sich peu à peu mit ihren Nachbarn verderben und immer mehr Geld verlieren, weil sie so gutgläubig sind und ständig übers Ohr gehauen werden.

Bei alledem hatte ich nicht das Gefühl, dass sich der Autor über die beiden lustig macht. Obwohl es sich hier um eine „Satire auf die menschliche Dummheit“ handeln soll. Zwar werden die beiden immer wieder von geldgierigen Menschen oder vermeintlichen Spezialisten veräppelt, aber sie blieben mir stets sympathisch. Eigentlich – und das kommt besonders im Kapitel zutage, wo sie sich bemühen, zwei halbverlotterte Kinder zu erziehen – sind sie fast zu gut für ihre Welt. Sie sind weder habgierig noch raffiniert, weder intrigant noch hinterhältig wie ihre Nachbarn. Zwischendurch mochte ich ihnen einen Rat geben, wenn sie mal wieder einem Scharlatan aufgesessen sind oder dem Falschen vertrauten. Die beiden leben ein bisschen wie unter einem Glassturz und sind jedes Mal aufs Neue enttäuscht, wenn die wirkliche Welt ihren Weg zu ihnen findet.

Ich war ganz enttäuscht, als das Buch endete, gern hätte ich den beiden noch weiter Gesellschaft geleistet. Wobei von einem echten Ende des Romans eigentlich keine Rede sein kann, denn er blieb unvollendet. Doch man weiß von Flauberts Plan, wie er hätte enden sollen: Die beiden wollten zusammenbleiben und wieder in einem Büro als Kopisten arbeiten. Vielleicht, weil sie dann wenigstens ihre Ruhe gehabt hätten.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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19 Antworten zu Bouvard und Pécuchet

  1. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    ich werde das Buch auf jeden Fall lesen. Es hört sich nach einem so harten Kampf des Lebens an und manchmal denke ich, auch ich führe diesen harten Kampf. Der Sinn des Lebens… wie furchtbar… ich wünschte, man bräuchte darüber nicht immer wieder sinieren…
    lg Susanne

  2. Susanne Haun schreibt:

    Kreuzel vergessen …

  3. nweiss2013 schreibt:

    Vielen Dank für diese Entdeckung – jedenfalls ich kannte das Buch noch nicht.

  4. Klausbernd schreibt:

    Liebe Petra,
    ich bin auch Flaubert-Fan, ich finde ihn gut zu lesen, äußerst unterhaltsam und wie ich das von den englischen Übersetzungen her beurteilen kann, hat er einen charmanten Stil.
    Schön, dass du diesen unbekannteren Roman hier vorgestellt hast, der doch sehr im Schatten von „Madame Bovary“ steht.
    Liebe Grüße aus Norfolk
    Klausbernd

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Klausbernd, du liest ihn auf Englisch? Gute Idee eigentlich … Die deutsche Übersetzung ist – so weit ich das beurteilen kann – aber auch sehr gut, zumindest gefällt mir der Stil ausnehmend gut. Ja, der Roman steht ein bisschen im Schatten der Madame, was schade ist, denn er ist ja keinesfalls schlechter. Liebe Grüße!

  5. haushundhirschblog schreibt:

    Danke, liebe Petra! Das ist wieder einmal eine Rezension von Dir, die mich sofort anspricht. Den Roman kenne ich nicht, aber mir gefällt schon jetzt, wie diese beiden Persönlichkeiten agieren! Das beschreibst Du so schön und mitfühlend und beinah verteidigend, dass ich sofort Lust verspüre, zu lesen!
    Und dann auch das:
    “ … von einem Leben auf dem Lande träumen, davon, ihrem eintönigen Büroleben zu entfliehen und sich stattdessen ihren Interessen zu widmen … “ das kenne ich auch persönlich sehr gut! 😉

    Herzlich, mb

  6. Ach, nachdem ich mir auf einen Kommentar auf deinem Blog hin „Madame Bovary“ in der Neu-Übersetzung zugelegt hatte – und völlig begeistert war – werde ich das Buch hier wohl auch unbedingt mal lesen müssen. LG Mila

  7. Verrätst du noch, welche Ausgabe du gelesen hast? Es gibt ja doch ein paar zur Auswahl…

  8. Lakritze schreibt:

    Was für die Liste. Oweh. .)

  9. jo, das sieht ja man nicht ganz unluxuriös aus. Also ich würd mich dann kurzfristig für ein Penthouse entscheiden, Besonders toll finde ist die Bibliothek da drin. Ausserdem gehört zum Häuschen insgesamt ja auch noch eine Library Lounge gehört. Bei freier Kost und (Penthouse-)Logis und entsprechendem Budget würde ich mich bereit erklären, dorten den Librarian zu geben, stundenweise…
    New York wär mal ein Traum, aber solange kann man ja Bilder kucken
    Liebe Grüsse, Kai

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