Zwei in einem: Zeitungsfrühstück, Folge 73

Foto: (c) Gerda Kazakou

Foto: (c) Gerda Kazakou

Herzlich willkommen zum Zeitungsfrühstück, meine Lieben! Das heute opulenter als sonst ausfällt, denn während unseres Urlaubs kamen zwei Ausgaben der Zeit an, von denen ich euch nun meine  Highlights aus den Zeitmagazinen und der Zeit vom 26. September und vom 2. Oktober 2013 serviere. Bon ap‘!

 

 

Der dreifache Martenstein

Das ist keine neue Eislauffigur, sondern bezieht sich auf das besondere Vergnügen, gleich drei Kolumnen von Harald Martenstein zu frühstücken. Zwei aus den Zeitmagazinen und eine aus der Literaturbeilage.

Beginnen wir mit seinen Gedanken „Über das sprachliche Erbe der Ära Merkel“. Darin vertritt Martenstein die These, „sozusagen“ sei das neue „irgendwie“. Dass X das neue Y ist, liest man ja öfter mal in Modezeitschriften, z. B. in einer Saison ist Weiß das neue Schwarz, in der nächsten ist Rot das neue Schwarz und in der übernächsten vermutlich Schwarz das neue … Viel schöner und amüsanter liest sich jedoch diese kleine subjektive Sprachuntersuchung.

Im nächsten Zeitmagazin findet sich Martensteins Kolumne „Über Schreiben als Beruf und die Moral des Fleischverzehrs“. Hier beschreibt er ein Phänomen, das alle Autorinnen und Autoren kennen dürften: Die Bitte um eine kostenlose Lesung, weil die ja schließlich Werbung für sie sei. Auch Martenstein ärgert sich über dieses unverschämte Ansinnen,  und das sehr gelungen.

Den Literaturbeilagen-Martenstein kann ich euch leider nicht verlinken, aber er ist schön bitterböse. Überhaupt lohnt es sich gewiss für alle, die gern lesen, sich die aktuelle Zeit mit der Beilage zu besorgen.

Gespräche mit Christa Wolf

Sehr lesenswert im Zeitmagazin vom 26.9. ist der Beitrag von Jana Simon über Gespräche mit ihrer Großmutter, der Schriftstellerin Christa Wolf. Dazu ist Anfang Oktober auch ein Buch erschienen mit dem Titel Sei dennoch unverzagt. Sicher interessant für alle, die Christa Wolf schätzen.

Gespräche mit „Mehmet“

Jörg Burger traf sich mit dem Mann, der „Mehmet“ war – erinnert ihr euch noch? Der kriminelle Jugendliche, der in die Türkei abgeschoben wurde? Ich erwartete, „Der Mann, der Mehmet war“ könnte nun so ein Rechtfertigungsding sein. Davon ist das Porträt im Zeitmagazin vom 2.10. allerdings weit entfernt!

Modelle und Antworten

Im Feuilleton der Ausgabe Nr. 40 versucht sich Thomas E. Schmidt darin, „Das Modell Junge Frau“ und mögliche Fallen für junge Frauen zu beschreiben. Ich fand den Artikel ein klein bisschen überflüssig, aber seine Kenntnis ist gut, um die Antworten von Iris Radisch und Nina Pauer im Feuilleton der Ausgabe Nr. 41 zu lesen, die sind nämlich sehr gut. Iris Radisch weist sehr richtig darauf hin, dass Zuschreibungen wie „Mädel“ oder „Mutti“, zwischen denen das mediale Frauenbild zu oszillieren scheint, „erstens noch immer unfassbar altbacken und zweitens von Männern gemacht sind“. Nina Pauer geht die Sache in „Botin der Zukunft“ von einer anderen Warte an und diagnostiziert, ebenfalls sehr richtig: „Der Jungmensch, nicht das Mädchen, ist der edle Wilde unserer Tage“. Leider sind die beiden Erwiderungen noch nicht online. Noch ein Grund, die aktuelle Zeit zu kaufen ; )

Kunst in der Kritik

Sehr anregend ist Hanno Rauterbergs Beitrag „In der Erfolgsfalle“. Rauterberg bedauert, dass heute ‚niemand mehr die Regeln über den Haufen werfe, weil es keine mehr gebe‘, dass die „Programmlosigkeit“ der zeitgenössischen Kunst „Ein Nichteinmischungspakt mit der Wirklichkeit“ sei, wenn Kunst mal kritisch sei, dann ‚renne sie ohnehin sperrangelweit geöffnete Türen ein‘.

Ich fand den Artikel insofern anregend, als ich mich fragte, wie das denn nun eigentlich ist: Prägt die Zeit die Kunst oder die Kunst ihre Zeit? Ist es nicht so, dass die Kunst, die aus den aktuellen und kürzlich vergangenen Ereignissen erwächst, diesen Geschichtshumus für ihr Erblühen benötigt, die Impulse verarbeitet und daran wächst? Denken wir an Dada, vorangegangen war die Erfahrung der Sinnlosigkeit durch den Ersten Weltkrieg (um nur mal ein Beispiel zu nennen) – was war da konsequenter, als sich weiter mit Sinnlosigkeit zu befassen und sie zur Kunst zu erheben? Nicht nur in der Kunst werden möglicherweise keine Tabus oder Regeln mehr gebrochen, auch unsere Zeit scheint abgestumpft, was Verbrechen und Katastrophen betrifft. Insofern spiegelt sich sehr wohl die Zeit in der Kunst. Versteht mich nicht falsch: Natürlich gibt es politische und sozialkritische Künstlerinnen und Künstler, aber im Artikel geht es um die angeblich unpolitischen Künstler wie Gerhard Richter.

So, das war’s für heute. Habt noch einen schönen Sonntag, meine Lieben!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Zwei in einem: Zeitungsfrühstück, Folge 73

  1. Philipp Elph schreibt:

    Gespräch mit „Mehmet“, abgelegt unter „Außer Spesen nichts gewesen“.
    Und dann wollte „Mehmet“ auch noch mit Beckstein sprechen (wobei B. plante, „M“ in der Türkei zu besuchen). Ich bin gespannt, wann „M“ bei Günther Jauch auftritt und in anderen Talkshows performen wird.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Tja, ich fand es auch etwas fragwürdig, wie wenig er über seine Situation und das Gewesene nachgedacht zu haben schien und nun auf diesen „Ich-war-mal-wegen-irgendwas-berühmt“-Zug aufspringen will. Aber ich fand es auch realistisch. Manche mögen aus ihrer Vergangenheit lernen, andere wiederum nicht.

  2. Xeniana schreibt:

    Ich war ganz glücklich über das Zeitungsfrühstück und bin es noch. (ich gebe zu ein wenig hatte ich es vermisst) Eine Grippe mit Fieber hat auch seine Vorteile., jedenfalls wenn der Gatte in der Lage ist die Kinderbetreuung zu übernehmen.Ich habe mir die zwei Zeitmagazine aus dem Schrank geholt und sofort zu lesen angefangen. Mit Tee und Wärmflasche einfach herrlich. Die Zeit zu lesen, ist für mich erst perfekt , zusammen mit deinem Zeitungsfrühstück:)

  3. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    schön wieder dein Zeitungsfrühstpck zu lesen und danke für den Hinweis auf den Artikel zur Gegenwartskunst. Es ist viel wahres daran und doch gibt es Marina Abramovic mit ihrem Manifest …
    Ich lege mich fest in meinem Material – mache nicht alles – bewahre mir meine Handschrift.
    Einen schönen Sonntag wünscht dir Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Da hast du vollkommen Recht, liebe Susanne, es gibt natürlich kritische Künstlerinnen und Künstler. Rauterberg wollte wohl darauf hinaus, dass manche sich das nicht trauen, um sich ihren Weg auf der Erfolgsleiter nicht zu beschweren.
      Sich die eigene Handschrift zu bewahren, den eigenen Stil, ist sicher das Beste! Liebe Grüße & dir auch einen schönen Sonntag!

  4. haushundhirschblog schreibt:

    Wie schön, liebe Petra,
    dass uns direkt nach unserem Urlaub hier bei Dir ein ZEITungsfrühstück erwartet hat. Zumal wir diesmal aufgrund vorhandener Zeit und der Literaturbeilage (das lassen wir uns beinah nie entgehen) die aktuelle ZEIT vorliegen haben.
    Ich hatte mich schon daran gewöhnt, die app der ZEIT mehrmals täglich online anzuklicken. Aber jetzt, nach langer Zeit das Papier wieder einmal in den Händen zu halten … ein Genuss!
    Herzliche Grüße und vielen lieben Dank,
    dm und mb

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Schön, dass ihr wieder da seid! Und wie praktisch, dass wir beinahe gleichzeitig im Urlaub waren, so haben wir gegenseitig kaum was verpasst, das könnten wir jetzt immer so machen ; )
      Ja, die Zeit ist mit der Beilage diesmal besonders interessant. Und so gemütlich, wenn es draußen herbstelt und drinnen schön warm ist. Liebe Grüße!

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