Winter Journal

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Paul Austers Autobiographie Winter Journal habe ich sehr gern gelesen. Ohnehin gehört Auster zu meinen Lieblingsschriftstellern, von dem ich zwar nicht jedes einzelne Buch unter Genieverdacht stelle, aber die, die mir gefallen haben, haben mir ganz ausgezeichnet gefallen. Und so ist es auch mit dieser ungewöhnlichen Autobiographie, aus mehreren Gründen.

Da ist zunächst die Perspektive (zweite Person Singular), er spricht von sich als würde er sich selbst über sich erzählen. Eine Erzählperspektive, die mich bei Hotel Angst ziemlich irritiert hat, empfand ich hier als absolut flüssig und passend. Vielleicht, weil ich Winter Journal auf Englisch gelesen habe. Möglicherweise funktioniert diese Perspektive auf Englisch besser als im Deutschen?

Dann der Aufbau, Auster folgt keiner typischen Chronologie, sondern sortiert seine Erinnerungen thematisch. Etwa nach Krankheiten/Unfällen oder Wohnungen, in denen er lebte, nach Geschlechtskrankheiten, Lieblingsessen und -getränken. Innerhalb dieser Themen wird’s dann wieder chronologisch und er wählt willkürlich, ob und was er beispielsweise über seine Zeit in der jeweiligen Wohnung erzählt. So erfährt man zwar immer, in welchem Alter er dort lebte, aber nur manchmal kommen besondere Ereignisse hinzu, etwa das Erlebnis mit dem Klavierstimmer in Paris. Kleine Geschichten, die ihm vielleicht besonders im Gedächtnis blieben oder die er für besonders erzählenswert hielt. So erschließt sich sein Leben nicht als zeitliche Abfolge verschiedener Ereignisse, sondern in Fragmenten, die sich ganz von selbst zu einem Bild fügen. Diese fragmentarische Struktur machte das Buch für mich besonders interessant, vielleicht auch weil ich ein Fan von Listen und Collagen bin. Ich ließ mich gern auf diese Erzählweise in Wellen ein (meine Assoziation dazu war das Meer), in Wellen geht es vor und zurück in seiner Vergangenheit, vor und zurück.

Besonders berührend fand ich die Sequenzen über seine Mutter, von der er, zwischen Liebe und Last hin- und hergerissen, erzählt, und über seine zweite Ehefrau, die Schriftstellerin Siri Hustvedt. Über sein eigenes Leben schreibt er selbstironisch, meist uneitel. Kaum erwähnt er seine Bücher, seine Erfolge, obwohl er oft über das Schreiben selbst erzählt. Viel mehr als sich lobt er seine Frau, seine große Liebe. So erfährt man denn auch von ihr und ihrer Familie sehr viel, von ihrer Herkunft, ihren Traditionen; gerade im letzten Drittel hat man das Gefühl, eine Doppelbiographie zu lesen. Kein Wunder, wenn man so lange verheiratet ist, fast die Hälfte des Lebens, da verwachsen die beiden Biographien, umschlingen und durchdringen einander.

Auster begann Winter Journal kurz vor seinem 64. Geburtstag:

„You think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all beginn to happen to you, in the same way they happen to everyone else.“

Er bemerkt die Anzeichen des Alterns. Überhaupt sind Krankheit und Tod bestimmende Themen. Der Tod alter Menschen, der sinnlose Tod mitten im Leben durch Ausrutschen, der glückliche, schnelle Tod, der langsame, quälende. Auch bei seinen Krankheiten geht Auster recht schonungslos bei der Beschreibung vor. Krankheit und Tod, fast klingt es, als würde Auster von den kommenden Jahren nicht viel mehr als das erwarten, wenn man die letzten Worte liest:

„You have entered the winter of your life.”

Das klingt für mich deprimierend, obwohl Auster voll Dankbarkeit für all das Gute ist, das ihm in seinem Leben widerfuhr. Als habe er ein Fazit ziehen wollen, ein oft glückliches, erfolgreiches Leben, mehr kann man nicht verlangen. Auch erstaunt mich, dass er es empfindet, als trete er nun in den Winter seines Lebens ein, ich hätte 64 Jahre eher für ein herbstliches Alter gehalten. Ob es nur daran lag, dass er während der Wintermonate an Winter Journal schrieb oder fühlt er sich wirklich schon in der letzten Phase seines Lebens?

Ein bisschen schade fand ich, dass es keine Fotos aus seinem Leben gibt, auf dem Einband ist ein recht junger gutaussehender Auster zu sehen, das war‘s. Ich mag es, wenn Biographien Fotos enthalten, von der Familie, als Kind, bei irgendwelchen Reisen, Ereignissen oder einfach nur – im Falle von Auster passend – beim Schreiben. Aber gut. Keine Fotos. Das attraktive Schriftstellerpaar Auster/Hustvedt gehört ohnehin sicher zu den besser fotografisch dokumentierten Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Insgesamt finde ich Austers Winter Journal sehr empfehlenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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25 Antworten zu Winter Journal

  1. Dina schreibt:

    Danke für die überzeugende Vorstellung, liebe Petra – das Buch hole ich mir! Ich habe fast alle Bücher von Auster und Hustvedt und freue mich ganz besonders auf dieses.
    Liebe Grüße zu dir aus Norfolk
    Dina

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Dina, ich freue mich sehr, dass dich meine Besprechung überzeugen konnte! Ich denke, als Fan von Auster und Hustvedt wird man die Autobiographie auf jeden Fall lesen wollen und hoffentlich auch genießen : ) Liebe Grüße aus dem herbstlichen Südwesten Deutschlands!

  2. zeilentiger schreibt:

    Da bekommt man doch gleich Lust zum Lesen! Die angesprochene Irritation allerdings kann ich bestens nachvollziehen. Mich hatte es bereits bei den Brooklyn Follies gestört und danach wurde es noch ärger: diese fast penetrant ausgearbeiteten Protagonisten im Winter ihres Lebens, bei der man das Gefühl hatte, da arbeitet sich ein Mann in den Fünzigern hingebungsvoll an einem Thema ab, das ihn so sehr eigentlich noch gar nicht persönlich betrifft.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ach, war bei den Brooklyn Follies auch …? Das hab ich doch auf Englisch gelesen, komisch, erinnere mich gar nicht mehr an die Erzählperspektive. Werde ich nachher mal nachschauen … Der Roman war aber nicht mein Auster-Highlight, gut, aber nicht genial. Genial fand ich Das Buch der Illusionen und Mr Vertigo. Unsichtbar gefiel mir ebenfalls. Kennst du die zufällig?

  3. juttabaltes schreibt:

    Danke für die Erinnerung! Winter Journal steht noch auf meiner Agenda und wird das nächste sein, das ich mir besorgen werde. Auster lese ich sowieso sehr gerne.

  4. buchstabenchaos schreibt:

    Paul Auster mag ich auch sehr gerne und Winter Journal muss ich mir auch mal zu Gemüte führen, aber vorher wollte ich seine Frau noch kennen lernen…;) Danke für die Vorstellung, du machst mir immer wieder Lust aufs Lesen!

  5. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Petra,

    danke für diese Rezension, die es mir ermöglicht hat noch einmal aus einer anderen Perspektive auf diesen Roman zu blicken. Ich habe mit „Winter Journal“ nicht viel anfangen können, vielleicht bin ich zu jung für die Lektüre gewesen. Insgesamt empfand ich den Roman als zu bruchstückhaft, mir ist überhaupt nicht klar geworden, in welche Richtung Auster mit seinem Text gehen wollte – für mich ist „Winter Journal“ weniger ein Roman über das Altern, als eine Selbstumkreisung. Geärgert habe ich mich über die seitenlangen Aufzählungen der bewohnten Wohnungen Austers, über die Sprunghaftigkeit der Erinnerungen … ich weiß nicht, irgendwie passten Text und ich einfach nicht zusammen.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Mara,
      ich habe deinen – übrigens sehr gut geschriebenen und argumentierenden – Verriss gelesen und war sehr gespannt, wie mir das Buch gefallen würde. Ich glaube, wenn man kein Faible für Fragmentarisches oder auch für Listen hat, wird man auf jeden Fall ein Problem mit dieser Autobiographie haben, die eben so gar nicht ein Schriftstellerleben abspult, wie man das von manchen anderen Biographien kennt.
      Ob’s ein Altersding ist, kann ich nicht beurteilen. Ich denke eher, dass die Punkte, die dir missfallen haben, mir gerade gefallen haben. Und Selbstumkreisung, ja, sicherlich, aber ist das nicht normal, wenn sich jemand an sein Leben erinnert? Er aber kreist ja nicht nur um sich, sondern beleuchtet auch die Biographien anderer, ihm nahestehender Menschen (seine Mutter, seine zweite Ehefrau). Dass er nicht sein komplettes Leben darbietet und vielleicht weniger von dem, was man erwartet hätte, fand ich zwar manchmal schade, aber er ist ja nicht dazu verpflichtet. Er hat schon sehr viel aus seinem Innern nach außen gekehrt, mehr wollte er wohl nicht erzählen.
      Ich mag auch „klassische“ Autobiographien, so hat mir die von Nabokov zum Beispiel sehr gefallen. Aber das hat man eben manchmal, dass man mit einem Buch einfach nicht warm wird. Magst du denn andere Bücher von Auster?
      Liebe Grüße
      Petra

  6. Stefan schreibt:

    Mich hast Du auch überzeugt. Ich habe einige Auster-Bücher bereits gelesen und das Winter Journal kannte ich bislang nicht. Es steht jetzt auf meiner Leseliste.
    Liebe Grüße aus dem Norden
    Stefan

  7. Liebe Petra,
    ich habe das Buch schon auf meinem Stapel ganz oben liegen, nur noch die Novelle von Zelter will vorher gelesen werden – und nach Deiner Besprechung freue ich mich sehr drauf.
    Auster mag ich sehr, finde nicht alles gleich interessant, aber besonders die ersten Romane, beginnend mit der New York Trilogie und Mond über Manhattan und später dieser schmale Band mit dem Titel ‚Das rote Notizbuch‘ und zuletzt Sunset Park sind meine Favoriten. Das rote Notizbuch hab ich damals übrigens für ein ziemlich biografisches Buch gehalten – und nun bin ich schon sehr gespannt auf dieses Winter Journal.
    Maras wunderbarer Verriss (wirklich: habe selten einen besseren Verriss gelesen) hat mich dazu animiert, es zu kaufen und nun bin ich gespannt auf diese etwas andere Art der Biographie. Spannend an dem Buch finde ich übrigens die Rezeption, insbesondere in den Blogs. Einigen Verrissen oder negativen Kritiken oder Kommentaren stehen ein paar positive gegenüber.
    Liebe Grüsse, Kai

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Kai,
      ich hatte außer Maras prima Verriss noch einen positiven Kommentar bei Günter Keil gelesen (http://guenterkeil.wordpress.com/2013/10/01/paul-auster-winter-journal-literaturblog-guenter-keil/) und war ebenfalls erstaunt über die gegensätzliche Einschätzung. Aber das Beste ist ja immer, selbst zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Bin gespannt, zu welchem Urteil du kommen wirst, vielleicht bloggst du ja darüber?
      Mond über Manhattan fand ich auch besonders gut, es war das Erste, was ich von Auster las. Die sehr gerühmte New York Trilogie dagegen hat mich weniger gepackt, ich glaube, ich habe sie nicht mal zu Ende gelesen … Sunset Park fand ich auch gut. Überhaupt ist es doch erstaunlich, wie viele gute bis herausragende Romane der sehr produktive Paul Auster schon veröffentlicht hat. Fast wie Woody Allen, der ja auch fleißig Filme dreht, nicht nur gute, aber doch viele gute und einige geniale ; )
      Liebe Grüße!

  8. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    das Buch muss ich unbedingt haben und lesen…..
    Zur Zeit lese ich die Lily Dahl von Siri Hustvedt. Ich lese beide sehr gerne!
    Danke für den Hinweis, Petra, das Buch wäre wieder an mir vorbei gegangen, wenn ich nicht hier davon gelesen hätte.
    Liebe Grü0e und einen schönen Tag von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das freut mich sehr, liebe Susanne, bestimmt wird es dich auch ansprechen, wenn du beide gern liest. Liebe Grüße & ein schönes Wochenende!

      • Susanne Haun schreibt:

        Ganz sicher, Petra, ich habe gerade meine „Klopapierlange“ Amazon Wunschliste in 4 Listen aufgeteilt. So habe ich auch wieder den Überblick, was ich mir wünsche ….🙂
        Einen schönen Sonntag wünscht dir Susanne, die sich auf das Zeitungsfrühstück freut……

  9. Corinna schreibt:

    Hallo!
    Ich hatte von Paul Auster zunächst „nur“ die NY Trilogie gelesen (vor Jahren), da ging es mir wohl wie Dir, ich habe sie pflichtbewusst zuende gelesen, kann mich aber nur noch an ein sehr zähes Gefühl erinnern.
    Nach Deiner Rezension habe ich mir das Winter Journal dann (auf Englisch) gekauft und Anfang der Woche auf einer längeren Bahnfahrt gelesen. Ich bin völlig hingerissen und habe beim Lesen auch das ein oder andere Tränchen verdrückt (ich bin halt eine alte rührselige Heulsuse😉

    Ganz vielen Dank für den Tip, ich werde mich dann wohl doch noch an andere Auster-Bücher wagen, bisher habe ich ja seine Frau für das Genie in der Familie gehalten…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Corinna, ich freue mich sehr, dass du Auster noch eine Chance gegeben hast und dir das Buch gefiel : ) Siri ist nicht das einzige Genie der Familie, wobei ich dann außer „Was ich liebte“ die anderen Bücher auch schon nicht mehr ganz so genial fand, da gibt’s bei Paul noch weitere Geniestreiche. Meines Erachtens ; ) Liebe Grüße!

  10. karfunkelfee schreibt:

    Ich habe das Buch im letzten Jahr gelesen. Sehr langsam, weil ich einige Sätze darin so gut fand und weil mir das Buch Paul Auster als Menschen und Autor nahe brachte. Ich war schwer beeindruckt von der Qualität seiner Liebe zu seiner Frau. So eindringlich, weil kein Romanstoff, sondern Leben und Wirklichkeit. Das Ende erschien mir auch eher melancholisch zurückblickend, wenn auch voller Dankbarkeit. Zwar noch Herbst, gefühlt ja, mit 64 Jahren, doch bei einem solchen jahreszeitlich viel und oft bewegten Leben, frage ich mich, wie lang Paul Austers gefühlter Winter dauern könnte?Vielleicht meint er sich am Anfang eines langen Winters. Das würde ich mir jedenfalls wünschen, denn ich möchte gern noch mehr Bücher von ihm lesen.🙂

    Liebe Samstagsgrüße und vielen Dank für die Rezension, die mein Leseempfinden insgesamt bestätigt und noch erweitert,

    -die Karfunkelfee

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