Berliner Kindheit um neunzehnhundert

Foto: © Petra Gust-Kazakos

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Walter Benjamins Kindheitserinnerungen sind literarische Preziosen, oft nur ein, zwei Seiten lang. Sie schimmern auf unter Titeln wie „Loggien“, Wintermorgen“, „Schmetterlingsjagd“ oder „Verstecke“ und bieten kleine Einblicke in das (Berliner) Leben um die Jahrhundertwende.

Wie aufregend es mit den frühen Telefonen gewesen sein muss! Obwohl das Telefon so „entstellt und ausgestoßen zwischen der Truhe für die schmutzige Wäsche und dem Gasometer in einem Winkel des Hinterkorridors [hing], von wo sein Läuten die Schrecken der berliner Wohnung vervielfachte“ [Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Fassung letzter Hand und Fragmente aus früheren Fassungen. Mit einem Nachwort von Theodor W. Adorno, Suhrkamp, S. 19]. Und wie einfallsreich das „Kaiserpanorama“, das einem auf kleinstem Raum eine Rundreise ermöglichte! Als Kind hat Benjamin Stücke dieses Kaiserpanoramas so intensiv wahrgenommen, dass ihm war, als habe er selbst „auf dem Pflaster, das von den alten Platanen des Cours Mirabeau verwahrt wird, voreinst gespielt“ [S. 15].

Benjamins Stil ist sehr bildreich, detailliert und erinnerte mich an Passagen aus „Tage des Lesens“ von Marcel Proust. Insofern kann ich mir vorstellen, dass er sicher besonders geeignet war für die Übertragung der Suche, von der er gemeinsam mit Franz Hessel zwei Bände übersetzte. Inzwischen habe ich mit der Suche angefangen, kurz nachdem ich die Berliner Kindheit beendet hatte, allerdings in einer von Luzius Keller revidierten Übersetzung, und siehe da: Benjamin war sprachlich und stilistisch die perfekte Überleitung!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Berliner Kindheit um neunzehnhundert

  1. nweiss2013 schreibt:

    Vielen Dank, liebe Petra, für diesen schönen Hinweis. Schon der Titel verleitet jemanden wie mich, der sich für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg interessiert, zum Weiterlesen.
    http://notizhefte.wordpress.com/2013/07/15/die-zeit-vor-dem-ersten-weltkrieg/
    Der Titel kommt auf meine Liste!

  2. Vor der Menora steht ein Tintenfass, oder?

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