Die Entdeckung der Natur

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Kürzlich las ich ein wunderschönes Buch: Die Entdeckung der Natur. Etappen einer Erfahrungsgeschichte von Jürgen Goldstein. Das Buch hat es mir in mehrerley Hinsicht angetan. Es stammt es aus der Reihe „Naturkunden“ von Matthes & Seitz (aus der ich euch vor einiger Zeit das Buch über Krähen empfohlen habe) und ist wieder sehr schön gemacht. Leinengebunden mit moosgrünem Lesebändchen, auf dem Einband eine Berglandschaft in zarten Blau-, Grau- und Grüntönen. Im Innern eine elegante und lesefreundliche Lösung, um die eingefügten Zitate vom Fließtext abzusetzen, die Zitate nämlich sind in eben diesem Blaugraugrünton gehalten. Auch der Inhalt hochinteressant, 16 Kapitel über Menschen, die auf ihre Art die Natur, andere Länder, Landschaften, Pflanzen, Tiere etc. für sich entdeckt haben. Dabei zeigt Goldstein anhand ihrer Motive und Entdeckungen ihren Blick auf die Welt und zugleich die Einflüsse, denen sie zu ihrer Zeit ausgesetzt waren, und die sich in ihrer Perspektive spiegeln oder von denen sie sich durch ihre Aufgeschlossenheit befreien konnten.

Die Liste der Entdecker ist lang. Viele kennen wir, wenn auch nicht unbedingt in erster Linie als Entdecker: Petrarca, Kolumbus, Merian, Forster, Goethe, Lichtenberg, Humboldt, Chateaubriand, Darwin, Whymper, Fabre, Weike, Nansen, Levi-Strauss, Handke und Messner. Eine tolle Mischung. Maria Sibylle Merian, die selbst finanziert und selbständig nach Surinam gereist ist, Forsters Tahiti, Lichtenbergs Seereisen nach Helgoland – diese Kapitel haben mir besonders gefallen.

„Sobald Erlebnisse und Erinnerungen ihren sprachlichen Ausdruck gefunden haben, sind sie Teil einer Erfahrungsgeschichte, die Unmittelbarkeit und Reflexion miteinander zu versöhnen sucht.“ (S. 279)

Auch heute noch hält man die Luft an, wenn man von dem Tiger liest, dem Alexander von Humboldt bei einem kleinen Spaziergang begegnete, oder von der dünnen Schneebrücke über den Vulkan Rucupichincha, über den er mit seinen Gefährten ging, zum Glück ohne einzubrechen. Man leidet mit Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen, die trotz aller Strapazen nicht den Pol erreichten. Die Zeit scheint noch immer stillzustehen in jenem dramatischen Augenblick, als vier der Männer, die mit Whymper das Matterhorn bestiegen haben, durch einen dummen, furchtbaren Zufall in die Tiefe stürzen. Und es gibt viele, ganz undramatische, aber sehr ergreifende Passagen, etwa wenn die Merian ihre Eindrücke von Surinam beschreibt, ganz ohne zivilisationsarroganten Blick auf die Menschen dort, die sie bei ihrer Suche nach Raupen, Würmern, Insekten im Zustand der Verwandlung unterstützen, der sie so fasziniert. Oder die schon poetische Qualität von Forsters Beschreibungen und sein ebenfalls unvoreingenommener Blick auf die Tahitianer. Besonders rührend: Lichtenberg, der, was ich nicht wusste, eine stark verkrümmte Wirbelsäule hatte und zwergwüchsig war. Aber er besaß die Abenteuerlust, sich auf eine für seine Zeit nicht ungefährliche Seefahrt von Cuxhaven nach Helgoland zu begeben, die er immens genoss. Zu gern hätte er die Welt umsegelt wie die Forsters, doch dazu ist es nie gekommen.

Wer Freude an Reiseberichten und schön gemachten Büchern hat, ist mit diesem Buch bestens bedient!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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17 Antworten zu Die Entdeckung der Natur

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Wirklich ein sehr schön gemachtes und lesenswertes Buch, ich habe es vor geraumer Zeit ebenfalls besprochen.

  2. buchpost schreibt:

    Vielen Dank für eine im besten Sinn neugierig machende Besprechung. Klingt gar fein, dieses Buch. Abendliche Grüße Anna

  3. tobiaslindemann schreibt:

    Vielen Dank für Deinen Beitrag, das Buch steht bei mir seit Erscheinen ganz oben auf der Merkliste. Hab’s schon in der Buchhandlung betrachtet, wunderschön gemacht, aber da ich mir selten Bücher über 25 Euro leiste/leisten kann, werde ich wohl auf antiquarische Angebote oder eine Taschenbuchausgabe warten müssen.
    Herzlich
    T.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, lieber Tobias, es ist leider ziemlich teuer. Ich hatte das Buch meinem Vater zum Geburtstag geschenkt, er war auch ganz begeistert und hat es mir gleich ausgeliehen, als er durch war. Aber wenn man bedenkt, wie toll das Buch gemacht ist, ist der Preis wahrscheinlich angemessen. Wenn du noch ein bisschen wartest, findest du bestimmt eine gute 2nd-Hand-Ausgabe, derzeit bei Amazon ab knapp 29 Euren, vielleicht fällt der Preis ja noch. Ich hatte da und andernorts schon ein paar Mal Glück. Herzliche Grüße!

  4. Philipp Elph schreibt:

    Hab’s bisher nur durchgeblättert und stellenweise gelesen. Die illustre Liste der Entdecker bürgt für faszinierenden Stoff!

  5. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, danke fuer die schoene Buchvorstellung. Ich schreibe gleich mal einen Brief an den Weihnachtsmann.🙂 Lieben Gruss, Peggy

  6. karu02 schreibt:

    Nun habe ich es in Händen, das empfohlene Buch und bin begeistert. Danke für den Hinweis. Das Krähen-Buch hatte ich vorher schon selbst entdeckt, inzwischen gelesen, und kann Dein „schön-gemacht“ bestätigen.

  7. Pingback: Sonntagsleserin KW #22 – 2014 | buchpost

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