Kafkas Leoparden

Jüngst entdeckte ich in meiner Lieblingsbuchhandlung den kleinen Roman Kafkas Leoparden von Moacyr Scliar, den ich euch allerwärmstens empfehlen möchte! Schon die Ausgabe aus dem Lilienfeld Verlag ist ganz wunderschön anzusehen, Halbleinen, fadengeheftet, der Einband mit einer überaus passenden Arbeit der Künstlerin Norika Nienstedt geschmückt.

Der Roman kreist um einen rätselhaften Text von Kafka, den ich hier zitiere:

„Leoparden im Tempel

Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.“

Der Roman beginnt mit einem Bericht über die Festnahme des Jaime Kantarovitch, in dessen Taschen sich unter anderem ein von Kafka unterschriebener Zettel mit dem zitierten Text befand. Nun meldet sich der Cousin von Jaime zu Wort, der erzählt, wie nach der Archivöffnung der Geheimdienste aus der Diktaturzeit viele Dokumente ans Licht kamen, darunter auch jener Bericht. Und er erzählt die Geschichte, wie ihr gemeinsamer Großonkel Benjamin, genannt „Ratinho“ („Mäuschen“) zu diesem Zettel kam.

Was nun folgt, ist eine tolle Geschichte über den schüchternen Ratinho, der seinem sterbenden Freund Jossi einen Dienst erweisen möchte. Jener nämlich hat von Trotzki einen Geheimauftrag erhalten, den er aber nun aufgrund seiner Krankheit nicht mehr ausführen kann. Also soll Ratinho dies tun. Der liebe, etwas naive junge Mann, der vorher nie aus seinem jüdischen Dorf in Osteuropa herausgekommen ist, macht sich auf den Weg nach Prag. Leider geht während der Durchführung seines Auftrags so ungefähr alles schief, was schiefgehen kann. Unter anderem verliert er wichtige Papiere, die ihm dabei helfen würden, seinen Auftrag zu erledigen, die richtige Kontaktperson zu finden, einen Text zu dekodieren etc. So leitet sich Ratinho mit der ihm eigenen Logik selbst her, worin wohl der Auftrag bestanden haben mag, trifft auf Kafka, erhält in der Tat einen Text, der mysteriös scheint, und versucht sein Bestes, die Kommunisten zu unterstützen. Seine für seine Welt stimmige Logik macht seine Suche allerdings immer bizarrer – kafkaesk, ist man versucht zu schreiben. Das alles und noch viel mehr ist wunderbar und spannend auf knapp 124 Seiten erzählt.

Ich hatte noch nie von Moacyr Scliar gehört (ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wie man ihn ausspricht), der, wie ich nun dank Wikipedia weiß, „zu den anerkanntesten Schriftstellern Brasiliens“ zählt. Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch das Nachwort des Übersetzers Michael Kegler, in dem man mehr über den Schriftsteller und seine Werke erfährt. Jedenfalls: Nachdem ich den Roman gelesen und für grandios befunden hatte, kaufte ich mir gleich einen weiteren seiner Romane, Der Zentaur im Garten, auf den ich mich schon freue.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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18 Antworten zu Kafkas Leoparden

  1. Wie schön, dass Kafka so hieß und nicht anders. Mülleresk oder meieresk klängen doch nicht annähernd so mysteriös wie kafkaesk, ein Adjektiv, das aus der Literaturgeschichte nicht mehr wegzudenken ist.🙂

  2. zeilentiger schreibt:

    Das klingt ja mal toll!

    Ach, und wenn du herausfindest, wie der bemerkenswerte Name ausgesprochen wird: Fände ich auch interessant.😉

  3. schifferw schreibt:

    Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    Liebe Petra, hab Dank für diese Rezension dieses wirklich schönen Buches. Und da ich, wie man wohl schon bemerkt hat, das Programm des engagierten Lilienfeld Verlags sehr schätze, gebe ich sie gerne weiter… Gute Grüße,
    Wolfgang

  4. mickzwo schreibt:

    Danke für den Tipp. Habe das Buch auf meine leseliste gesetzt.
    LG, mick

  5. eulenausathen schreibt:

    Hast mich angesteckt. Lese ich jetzt auch und macht richtig Spaß. Ein Pageturner zur späten Stunde.

  6. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, das hoert sich wirklich sehr spannend und mysterioes an. Aber Du hattest mich ja bezueglich meiner Weihnachtswunschliste schon vorgewarnt…😉

  7. wholelottarosie schreibt:

    Es beeindruckt mich immer wieder, dass es ein Autor mit seinem Namen geschafft hat, in einem beschreibenden Wort, nämlich kafkaesk, unsterblich zu werden. Hat es eigentlich jemand vor- oder nach ihm geschafft? Meines Wissens nicht.
    Das für mich kafkaeskese (schreibt man das so?) Werk Kafkas ist für mich „Die Strafkolonie“.
    LG von Rosie

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Stimmt, liebe Rosie, mir fallen auf Anhieb auch keine weiteren Beispiele ein. Ich schrub mal irgendwo über Sätze von cäsaresker Länge, denke jedoch, dass das noch nicht so in den aktiven Sprachschatz meiner Mitmenschen eingesickert ist ; ) Liebe Grüße!

  8. buchwolf schreibt:

    Ja, Lilienfeld, ein Verlag, auf den man ein Auge haben muss. Danke für die Rezension. – Ich habe aus dem Verlag Hans Adler: „Das Städtchen“ gelesen (und ebenfalls rezensiert, wenn ich das hier erwähnen darf: http://buchwolf.wordpress.com/2012/01/02/adler-das-stadtchen/ ).

  9. Pingback: Mein Jahr in Büchern | Entdecke England

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