Zeitungsfrühstück, Folge 76

Seid willkommen zum 76. Zeitungsfrühstück, meine Lieben! Diesmal serviere ich am Zeitungsfrühstücksbüffet meine Highlights aus dem Zeitmagazin und der Zeit Nr. 46 vom 7. November 2013. Bon ap‘!

Foto: (c) Gerda Kazakou

Foto: (c) Gerda Kazakou

Schriftstellerschicksal

In seiner Kolumne erzählt Harald Martenstein diesmal von einer „Lesung mit allen Schikanen“: Untergebracht in einem Hotel, das in einem Industriegebiet lag, war er zur „Erbsenlesung“ eingeladen, wo ein Autor liest und das Publikum Erbsensuppe verzehrt. Putzige Idee eigentlich, nur dass der arme Martenstein hungrig bleiben musste (anscheinend bot das Hotel a. A. d. W. keine Möglichkeit zur Verköstigung), das Buch, aus dem er angeblich hätte lesen sollen, gar nicht dabei hatte, von unsensiblen Menschen während der Lesung mit Blitzlichtern irritiert wurde, wo das Mikro nicht tat, was es sollte, und die Verantwortliche von der Organisation keinerlei Einfühlungsvermögen zu besitzen schien.

Lesereisen – ich kann verstehen, warum sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller das antun, es sorgt für Bekanntheit, verkauft pro Lesung gleich ein paar Exemplare und gibt dem Publikum die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen. Aber Lesereisen haben eben auch ihre Schattenseiten: Schlechte bis keine Bezahlung, schließlich sei das doch Werbung, einsame Nächte in nicht immer guten Hotels, die Reiserei, die man selten wirklich als Reise genießen kann … Ganz schön mutig, was da manche auf sich nehmen.

Was es alles nicht gibt

Zur aktuellen Ausgabe der Zeit gehört diesmal auch ein Krimispecial – für Fans dieses Genres sicher ein Grund mehr, zum Kiosk zu eilen. Auch ist wieder einiges, was ich absolut lesenswert fand, noch nicht online, etwa das Interview mit dem Regisseur Claude Lanzmann über seine Filme, besonders seinen aktuellen „Der letzte der Ungerechten“. Oder auch die lesenswerte Rezension „Grotesk wie der Tod“ von Ijoma Mangold über den neuen Roman von Max Biller, „Im Kopf von Bruno Schulz“. Von Bruno Schulz hatte ich euch ja vor einiger Zeit sein wunderbares Buch „Die Zimtläden“ empfohlen.

Wem gehört die Kunst?

Online dagegen ist der hervorragende Artikel „Endlich sind sie wieder da!“ von Stefan Koldehoff und Tobias Timm über den jüngsten, wahrlich spektakulären Kunstfund in einer Schwabinger Wohnung. Die beiden Autoren schätze ich bereits für ihre Reportagen über die Beltracchi-Affäre, die ihre Recherchen zu einem Buch verdichtet haben (Falsche Bilder, echtes Geld). Überhaupt müsste dieser Kunstfund, der größtenteils wegen laufender Ermittlungen unter Verschluss gehalten wird, ein Paradies für Kunstfälscher sein. Denn zwar wissen wir nun, dass es um 1.400 verschollene Kunstwerke geht, aber wir wissen nicht, um welche genau es sich dabei handelt, nur dass viel bislang Unbekanntes dabei ist. Nun könnten Kunstfälscher à la Beltracchi „im Stile von“ malen und die Werke später als Teile der ominösen Gurlitt-Sammlung anbieten. Solange keiner genau weiß, was dazu gehörte, kann auch niemand die Echtheit beurteilen. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht.

Die nächste Frage, die sich aus dem – nennen wir es mal „zögerlichen“ Verhalten bei der Rückgabe von Kunst an ihre rechtmäßigen Besitzer bzw. deren Erben (und das mich zutiefst und leidenschaftlich empört) – ergibt, ist die, ab wann man Kunstraub eigentlich als verjährt betrachtet und warum. Eigentlich verjährt Kunstraub nach 30 Jahren. Ich verstehe nicht, warum er überhaupt verjährt. Etwas anders verhält es sich mit dem Kunstraub in der NS-Zeit. Die Washingtoner Erklärung von 1998, unterzeichnet von 44 Staaten, stellt internationale Regeln für das Auffinden und die Rückgabe der Kunstwerke auf und hatte bereits einige Rückgaben zur Folge. Doch längst nicht genug und vor allem: Warum musste es über 50 Jahre dauern, um überhaupt zu einer derartigen Erklärung zu kommen? Kalter Krieg mag ein Argument sein, aber die westlichen Staaten untereinander zeigten ebenfalls keinen großen Ehrgeiz, das Thema anzugehen. Übrigens sind Privatbesitzer aufgrund der üblichen Verjährungsfrist nicht verpflichtet, Raubkunst zurückzugeben. Das ist vielleicht auch das Prekäre bei der Gurlitt-Sammlung.

Wie ist es denn mit all jenen archäologischen Funden, die ja auch mitnichten in den Ländern, denen sie eigentlich gehörten, verblieben sind. Müssten diese Länder nicht auch ein Recht darauf haben, entweder die Funde zurückbekommen oder zumindest ein angemessenes Geld dafür? Das Akropolismuseum in Athen zeigt ja im 3. Stock sehr eindrücklich, wie viele Verzierungen des Parthenon „fehlen“. Raubkunst – ein Fass ohne Boden. Aber es fehlt der Wille, diese unguten Verstrickungen endlich aufzudröseln und sich konsequent um die Rückgabe zu bemühen. Zu viele Sammlungen, Privatbesitzer, Auktionshäuser und Museen auf der ganzen Welt sind in diese Machenschaften jüngerer und älterer Geschichte verstrickt und noch immer sind zu wenige bisher ernsthaft bereit, sich der Herausforderung zu stellen, das begangene Unrecht durch Rückgabe wieder gut zu machen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Zeitungsfrühstück abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Zeitungsfrühstück, Folge 76

  1. atelierlz schreibt:

    Lebendig gut und sehr informativ geschrieben. Danke.

  2. Xeniana schreibt:

    Dieses Mal bin ich noch gar nicht zum Lesen der „Zeit“ gekommen(sie liegt mahnend im Bücherregal). Zum Glück gibt es das Zeitungsfrühstück, das mich dann doch oft noch am selben Tag das Lesen nachholen lässt.

  3. Klausbernd schreibt:

    Liebe Philea,
    wieder sehr informativ und fein gemacht ist dein Zeitungsfrühstück. Vielen Dank.
    Mit lieben Grüßen aus Norfolk und eine frohe Woche dir
    Klausbernd

  4. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Danke dir, lieber Klausbernd! Dir, Dina & den Buchfeen auch noch eine schöne Restwoche & liebe Grüße!

  5. Alexander schreibt:

    Sehr schöner Beitrag. Ich muss gestehen, ich habe erst heute die Ausgabe vom 07. November einigermaßen lesen können. Deine Anmerkungen zum Thema Verjährung / Raubkunst finde ich gut. Lieber Gruß, Alexander

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s