Atlas inspirierender Orte

AmMeerSeit kurzem schmückt ein feiner Band meine Regalreihen mit der Reiseliteratur: Der Atlas inspirierender Orte von Stephan und Wiebke Porombka. Die Porombkas verorten und beschreiben in einer Art kultur- und geistesgeschichtlichem Reiseführer eine Vielfalt an Stätten, Gebäuden und Gegenden, die zu inspirieren vermögen. Darunter die offensichtlichen wie Badewanne, Bett, Kaffeehaus oder auch das stille Örtchen, Orte in der Natur wie Wald, Park oder am Meer, Orte, die wir vielleicht nicht in erster Linie mit Inspiration verbinden würden, wie Friedhöfe oder Gefängnisse. Wir finden Orte, die für das Unterwegssein stehen wie Flughäfen, genauso wie Orte, die Ankunft bedeuten, so das Hotel und die oft ersehnte Insel, für die man gelegentlich reif ist. Aber auch moderne Orte der Inspiration fehlen nicht, beispielsweise die vielzitierte Garage als Keimzelle technischer Innovationen oder der Cyberspace für die kleine Flucht im Alltag, die inspirierende virtuelle Begegnungen ermöglichen kann.

Jedem Kapitel sind diejenigen Orte mit genauer geographischer Angabe vorangestellt, die im Kapitel näher betrachtet werden. Den Anfang machen Plätze in Metropolen. Wir erfahren, wie Georges Perec durch Notieren von allem, was er an der Place Saint-Sulpice sah, eine Schule des Sehens absolvierte und für seine Leserschaft erfahrbar machte. Am Beispiel der großen Bücherliebhaber und -kenner Alberto Manguel und Umberto Eco wird gezeigt, wie die Bibliothek vom Bücherhort zum Brutkasten für neue Gedanken und Geschichten werden kann.

Beim Lesen des Bandes wächst nebenbei auch die Bücherwunschliste. So wurde im Kapitel über Gärten ein Buch von Robert Harrison genannt, das ich mir gleich notierte (in Garten. Ein Versuch über das Wesen der Menschen geht es um Gärten aus allen Epochen und Kulturen, klingt gut). Im Kapitel über Kaufhäuser wurde ich an ein Buch erinnert, dessen Titel ich mir immer notieren wollte: Das Paradies der Damen von Émile Zola. So, nun ist es notiert. Dieses Kapitel eröffnete mir außerdem einen neuen Blick auf Kaufhäuser, zumindest auf jene von einst, die der Kundschaft eine Bildungsreise in nuce boten, weil dort alles zu sehen war, was die Welt damals zu bieten hatte. Ein überaus reizvolles Konzept. Vielleicht hätten die Kaufhäuser von heute weniger zu kämpfen, wenn sie es wiederaufleben ließen, statt nur zur Stellfläche für die ohnehin allgegenwärtigen Ketten zu mutieren.

Jedes Kapitel wird um intelligente Illustrationen von Steffen Hendel ergänzt. Keine großformatigen Fotos lenken von den klugen Gedankenspaziergängen zu den inspirierenden Orten ab. Unterwegs jede Menge liebe Bekannte, darunter Schriftsteller, Künstler, Musiker, Regisseure, aber auch fiktive Figuren wie der gemütliche Oblomow.

Stephan Porombka, Professor für Kulturjournalismus und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim, war mir bereits als Autor des hervorragenden und nützlichen Buchs Kritiken schreiben in bester Erinnerung.

Doch zurück zum Atlas inspirierender Orte: Ein wunderbares, auch inspirierendes Buch, das ich allen wärmstens empfehle, die sich für Reiseliteratur der besonderen Art interessieren.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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16 Antworten zu Atlas inspirierender Orte

  1. IngridW schreibt:

    Stephan Porombka ist mir bisher nur als Autor bzw. Herausgeber von Büchern rund um kreatives Schreiben bekannt (und wird von mir geschätzt). Deine Vorstellung des „Atlas inspirierender Orte“ liest sich sehr vielversprechend, und schon wird meine Wunschliste wieder etwas länger …

  2. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Liest sich sehr gut, und inspirierende Orte braucht man ja auch außerhalb Deines und anderer schöner Blogs!

  3. dasgrauesofa schreibt:

    Eine wunderbare Besprechung, die Du da verfasst hast. Und die NATÜLICH Auswirkungen hat auf meinen Buchwunschliste. Von Porombka habe ich auch den Band „Kritiken schreiben“ geradezu verschlungen und daraus vor allem gelernt, genauer hinzuschauen. Da passen ja nun die „inspirirenden Orte“, die ja manchmal tatsächlich vor unserer Nase liegen, ganz wunderbar dazu. Ich freue mich auf da Buch!
    Viele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, schön, liebe Claudia, dass ich dich dafür begeistern konnte! Zum Glück ist bald Weihnachten, da werden sich gewiss viele unserer Bücherwünsche erfüllen : ) Das Buch über Kritiken fand ich auch fantastisch. Liebe Grüße!

  4. Karo schreibt:

    Danke für diesen spannenden Tipp, liebe Petra! Ich krieg schon vom Lesen deines Textes allein Fernweh *seufz*

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Danke dir für deinen Kommentar, liebe Karo. Aber so mancher inspirierender Ort ist ja zum Glück auch von zuhause aus gut zu erreichen, etwa das Bett oder die Wanne, vielleicht lässt sich – gerade in dieser kalten Jahreszeit – damit das Fernweh ein klein wenig dämpfen und die Inspiration heraufbeschwören.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, du Arme : ( Ich hab’s ja ganz gern ein bisschen kühler, insofern leide ich eher im Sommer, wenn’s hier zur Sauna wird. Aber heute ist es wirklich wieder sehr brrrrr – und dabei hat der Winter noch gar nicht angefangen!

  5. nextkabinett schreibt:

    Hat dies auf Germanys next Kabinettsküche rebloggt und kommentierte:
    Ein ganz toller Tipp. Danke dafür, liebe Petra Gust-Kazakos. Ich bin unschlüssig, denn dieser Buchtipp gehört eigentlich ins Reiseministerium, doch auch hier in die ‚Buchhandlung Kleinbloggersdorf‘ …

  6. Maren Wulf schreibt:

    Oh, das klingt verlockend – vielen Dank fürs Ausgraben dieses Schatzkästleins!

  7. Dina schreibt:

    Diesen Beitrag hatte ich übersehen, gut, dass der verlinkt war1 🙂 Das Buch hole ich mir, vielen Dank für die Vorstellung , liebe Petra!
    Viele Grüße aus Cley
    Dina

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