Zeitungsfrühstück, Folge 77

Herzlich willkommen zum Zeitungsfrühstück, meine Lieben! Heute gibt‘s am Zeitungsfrühstücksbüffet meine Highlights aus dem Zeitmagazin und der Zeit Nr. 47 vom 14. November 2013. Bon ap‘!

Foto: (c) Gerda Kazakou

Foto: (c) Gerda Kazakou

Très français

Das aktuelle Zeitmagazin steht diesmal ganz im Zeichen der deutsch-französischen Beziehungen, die Beiträge sind daher zweisprachig. Anlass: Es ist nun 50 Jahre her, dass der Élysée-Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich unterzeichnet wurde. Allerdings jährte sich das Ereignis bereits am 22. Januar, in Kraft trat der Vertrag am 2. Juli, aber besser spät als nie.

So macht sich denn auch Harald Martenstein in seiner Kolumne passende Gedanken zu den deutsch-französischen Beziehungen und seiner Frankophilie, dabei kommt er zu einem überraschenden Fazit.

Reiseführer für den Kopf

Leider noch nicht online ist Ronald Dükers Beitrag „Heute pilgern sie alle“ über  Reisebücher, die in der Anderen Bibliothek erscheinen. Darin geht es unter anderem um die Frage, ob es nun besser sei, sich selbst auf Reisen zu begeben oder darüber zu lesen. Aus Gründen der Faulheit, aus Angst vor unangenehmen Überraschungen ist es sicher bequemer, vom Leseplätzchen aus zu reisen. Aber der Abgleich eigener Vorstellungen mit der Wirklichkeit, die unerwarteten Eindrücke, die das echte Reisen bietet, können meiner Ansicht nach nicht ersetzt werden. Interessant in diesem Zusammenhang ist jedenfalls Pierre Bayards Buch Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist. Darin gesteht der Autor dem Lesen von Reiseberichten mindestens den gleichen Wert wie wirklichen Reisen zu, nehme man doch durch das Lesen den Ort in seiner ganzen Tiefe wahr. Zudem ermöglichten uns die imaginierten Orte, in unserem Inneren zu reisen und aufmerksam für fremde Kulturen und ihren Wert zu sein, so dass wir nach der Lektüre ebenso in der Lage sind, die angelesene Weltkenntnis weiter zu geben wie physisch Reisende. Stimmt. Und lesend zu reisen überbrückt auf jeden Fall sehr angenehm die Zeit bis zur nächsten richtigen Reise.

Geht Profit weiter vor Gerechtigkeit?

Das Feuilleton startet mit dem lesenswerten Beitrag „Der Preis war ganz niedrig“ von Stefan Koldehoff und Tobias Timm über die „Gurlitt-Sammlung“ und das widerwärtige Gebaren von Sammlern und deren Erben, wenn es um die Rückgabe von Raubkunst ging.  Auch die beiden Autoren sind der Ansicht, dass die Verjährungsfrist bei Raub- und Beutekunst nicht nach 30 Jahren enden sollte, zumal die Aufarbeitung dieser Verbrechen „nach dem Krieg jahrzehntelang vernachlässigt oder sogar verhindert wurde“. Online gibt es außerdem eine Auswahl einiger Bilder aus der „Gurlitt-Sammlung“ zu sehen sowie einen kurzen Beitrag mit einigen Zitaten des „Besitzers“.

Empfehlen statt verreißen

Seit gut 15 Jahren haben wir keinen Fernseher, eine Entscheidung, die wir nie bereuten. Es bleibt einem viel erspart, aber manchmal entgeht einem auch etwas. So kannte ich bislang nicht die „Buchtippgeberin der Nation“, wie Moritz von Uslar sie in seinem Artikel mit dem diskreditierenden Titel „Mehr Herz als Hirn“ nennt: Christine Westermann. Sie scheint eine sympathische Person zu sein, mir jedenfalls gefällt ihre Bescheidenheit und ihre Einstellung zu Verrissen. „Ich kritisiere ja nicht, ich empfehle Bücher.“ Schließlich wolle man doch als Leserin oder Leser die guten, nicht die schlechten Bücher kennenlernen. Dem kann ich mich nur anschließen, was meine eigenen Empfehlungen angeht. Nicht gelesen wird ja schon genug. Doch muss ich sagen, dass ich gut begründete Verrisse durchaus schätze. Jedenfalls ist es immer am besten, sich eine eigene Meinung zu bilden. Leider ist der Artikel noch nicht online.

Herzrhythmusstörungen

So hätte ursprünglich der Titel eines der großartigsten Romane der Welt lauten sollen, dessen erster Band vor hundert Jahren erschien. Marcel Proust entschied sich dann aber für Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Leider ist der lesenswerte Artikel „Ballett der Ärzte am Totenbett“ von Andreas Isenschmid noch nicht online. Dabei weckt er wieder Begehrlichkeiten, so gibt es wohl eine ledergebundene Gallimard-Ausgabe mit vielen Blättchen, die Proust und Céleste an die Druckbögen geklebt hatten. Passend nennt Isenschmid diese Ausgabe einen ‚prächtigen Adventskalender fürs Kind im Proustianer‘. Auch dieser Artikel ist noch nicht online.

Da auch die schöne Hommage an Willy Brandt noch nicht online ist, zu finden im Dossier, empfehle ich einen Spaziergang zum nächsten Zeitungsladen, damit ihr in den Genuss der vielen guten Artikel kommt.

Habt noch einen schönen Sonntag!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Zeitungsfrühstück, Folge 77

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Danke für die Zusammenfassung und besonders für den Hinweis auf Christine Westermann, den Artikel über sie möchte ich unbedingt lesen, da ich ihre Einschätzungen immer sehr schätze! 🙂

  2. perlengazelle schreibt:

    Haarenau diese Artikel habe ich heute gelesen. Die ZEIT – meine Sonntagsmorgensfrühstückslieblingslektüre. Der Westermann-Artikel war der erste, nach dem ich griff. Ich mag sie, besonders ihre Interviews bei „Zimmer frei!“ Und ihre Buchempfehlungen machen neugierig.
    Die andere Bibliothek – Woher nehme ich nur all die Zeit, so viele Bücher nicht zu lesen? (Karl Kraus). 😉
    Wie überaus spannend mag es sein, den Spuren eines Reiseberichtes realiter zu folgen – es muss ja nicht gleich an den Südpol sein. Da reichen mir die Reiseberichte völlig, schön warm eingemummelt auf der Couch, mit Tee und Trüffel.
    Das Willy-Brandt-Dossier habe ich mir noch aufgehoben, für den Rest der Woche bis zur nächsten Ausgabe.
    LG perlengazelle

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist ja ein schöner Zufall, liebe Perlengazelle : ) Bei Südpolreisen würde ich auch passen, so faszinierend die Berichte und Fotos auch sind. Beim Dossier fand ich besonders im ersten Teil, wo die verschiedenen Stimmen zu Brandt zu Wort kommen, viele sehr berührende Stellen. Liebe Grüße!

  3. Stefan schreibt:

    Liebe Petra, wie immer ein schönes Zeitungsfrühstück, was ich meist am Abend genießen. Was Christine Westermann betrifft, so kannst Du beim WDR die Sendung nachschauen oder auch Live streamen: http://www.wdr.de/tv/frautv/sendungsbeitraege/2013/0926/buchtipps_westermann.jsp
    Liebe Grüße
    Stefan

  4. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    ich höre von immer mehr Menschen, die keinen Fernseher haben.
    Ich habe noch einen, wenn ich ihn auch speziel und sehr gezielt benutze. Ich schaue DVD’s im englischen Original und ich schaue gezielt Filme. Dokumentationen und Tagesschau verfolge ich an meinem Rechner.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag,
    Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Susanne, heutzutage kann man wirklich gut auf einen Fernseher verzichten. Wir schauen ja auch Filme, aber DVDs auf dem Laptop. Und wie du sagst, kann man am Rechner inzwischen alles Mögliche anschauen, das ist schon sehr praktisch und verleitet nicht dazu, wie früher, nach der Tagesschau irgendwie herumzuzappen und hängenzubleiben bei etwas, was man eigentlich gar nicht sooo schnafte findet. Finde ich gut, dass du so bewusst fernsiehst : ) Dir auch einen schönen Tag & liebe Grüße!

  5. atalante schreibt:

    Lehnstuhlreisen sind, wie Du so schön sagst, wunderbar um die Zeit zwischen zwei wirklichen Fahrten zu überbrücken. Von Bayards „Wie man über Orte spricht…“ möchte ich jedoch abraten, es sei denn man ist auf dem Gebiet völlig ahnungslos. Viel besser hat mir sein Buch „Wie man über Bücher spricht..“ über nichtgelesenen Bücher gefallen. Beide haben übrigens exakt das gleiche Schnittmuster, was mich auch etwas enttäuscht hat. Ob noch ein drittes Buch von ihm erscheint? Ideen gäbe es ja genug, z.B. „Wie man über Weine spricht, die man nicht getrunken hat?“

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Jetzt musste ich laut lachen, liebe Atalante, das war nämlich auch mein Gedanke, dass der Bayard ja noch endlos Bücher schreiben könnte, über Filme, die man nie sah, Opern, die man nie hörte, alle möglichen Dinge eben, die man nie getan hat.
      Ich fand allerdings, dass er das Schnittmuster doch ein bisschen verlässt und auch manch Interessantes zu Reiseberichten, denen er ja fast das Primat das Reisen einräumt, geschrieben hat. Aber wie du schon sagst, das erste Buch war wesentlich besser, deshalb habe ich das zweite auch nicht besprochen, weil ich es nicht uneingeschränkt empfehlen kann.

  6. wederwill schreibt:

    so eine schöne Idee mit dem Zeitungsfrühstück, habe es eben erst entdeckt.
    Liebe Grüße,
    Marlis

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