Biographisches lesen

Über Büchermaniacs Beitrag auf ihrem Blog lesewelle wurde ich auf die aktuelle Ausgabe des schweizerischen Kulturmagazins Du aufmerksam, das sich diesmal dem Schriftsteller Paul Auster widmet. Über den stolzen Preis von 15 Euro war ich zwar etwas erschüttert, aber was tut man nicht alles als Paul-Auster-Fan. Außerdem versprach ich mir von der Zeitschrift qualitativ hochwertige Beiträge und Analysen, etwa in der Art einer guten Biographie, wenn auch natürlich in Häppchen von verschiedenen Autorinnen und Autoren.

Das egozentrische Weltbild

Wie ihr wisst, lese ich gern (Auto)Biographisches, erst kürzlich Austers Winter Journal, das mir sehr gut gefallen hat. Autobiographien und Tagebücher üben einen besonderen Reiz auf mich aus. Selbst wenn man davon ausgehen kann, dass hier und da Ereignisse übergangen oder geschönt wurden, enthalten sie meiner Ansicht nach dennoch viel „Wahrheit“ über die Person, die sie schrieb. Zumindest ihre Sicht darauf, das macht den Reiz aus.

Es gibt Autobiographien, die versuchen, mit höchstmöglicher Objektivität (sofern man überhaupt objektiv über sich oder andere schreiben kann) das eigene Leben und die Gesellschaft zu sezieren. In diese Kategorie fallen für mich die Autobiographien von Simone de Beauvoir. So wird man Dali von Salvador Dali fiel mir schwer zu lesen, zu sehr Pose war mir der Autor. Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz faszinierten mich, weil sie in zuweilen schonungsloser Offenheit nicht nur den Diaristen, sondern auch viele Personen aus seinem Bekanntenkreis in neuem Licht zeigten. Manch Autobiographisches liest sich hochmütig, manches allzu bescheiden, manches sympathisch mit einem Schuss Selbstironie – Paul Austers Autobiographie las sich für mich so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Sicher und zu Recht stolz auf vieles, das er erreichte, aber nicht sich selbst überhöhend. Über manche Etappen oder Ereignisse seines Lebens hätte ich gern mehr erfahren, doch es ist sein Recht zu entscheiden, was er preisgeben möchte und was nicht.

Das Selbstbild bestimmt, wie die Autobiographie geschrieben wird. Und das muss sich nicht immer mit dem Bild decken, das die anderen von einem haben. Der konzentrierte Blick auf sich selbst, der Wunsch, ein bestimmtes Bild von sich für die anderen zu zeichnen, sich als Helden seiner Geschichte zu inszenieren, eröffnet die Möglichkeit, die eigene Geschichte noch einmal neu zu schreiben.

Allerdings ist nicht allein bei Autobiographien die Sichtweise entscheidend für das Erzählte. Gleiches gilt für Biographien. Bei einer Biographie erwarte ich, die Motivation zu finden, die eine Person dazu gebracht hat, bestimmte Dinge in ihrem Leben zu tun (oder zu lassen). Insbesondere bei Schriftstellern interessiert mich, wie bestimmte Ereignisse und Erlebnisse auf ihr Schreiben eingewirkt haben könnten. Leben und Werk lassen sich zwar trennen, aber das Leben des Autors oder der Autorin wird stets einen Einfluss auf sein oder ihr Werk haben, auf die Art zu schreiben, gewisse Vorgänge zu beschreiben, sich überhaupt mit bestimmten Themen zu befassen. Zwei unterschiedliche Autoren, die sich dem gleichen Thema widmen, werden nie dasselbe Buch schaffen, weil sie nicht denselben Erfahrungshintergrund teilen, dieselbe Biographie. Und schreiben zwei Autoren über dieselbe Person, werden sie eventuell ganz unterschiedliche Seiten der Persönlichkeit herausarbeiten oder zumindest die Person nicht auf dieselbe Weise beschreiben. Edmonde Charles-Roux’ Biographie über Coco Chanel ist von Empathie und Bewunderung geprägt, Hal Vaughans Perspektive auf die gleiche Person in Coco Chanel – Der schwarze Engel: Ein Leben als Nazi-Agentin dagegen von Angriffslust und Aufdeckungswille. So liest nicht nur jeder sein eigenes Buch, es schreibt auch jeder seinen ganz eigenen Text. Die Wahrnehmung der Welt spiegelt sich im Lesen wie im Schreiben.

Makel zum Mäkeln

Als ich in der Du las, hatte ich kurz zuvor Elsemarie Maletzkes wunderbare Biographie zu Jane Austen begonnen. Darin wird Jane Austen von der Autorin liebevoll-kämpferisch vom Staube des allzu Braven, Lieben befreit. Vielleicht fiel mir deswegen der ganz andere Blick mancher Autorinnen und Autoren auf Paul Auster und seine Familie in der Du auf. Ich hatte das Gefühl, man wollte gern sowohl Paul Auster als auch seine Ehefrau Siri Hustvedt von ihren Podesten schubsen. Der Drang zur Selbstdarstellung wurde hervorgehoben, die Harmonie der Familie – zumindest zwischen Auster, Hustvedt und ihrer Tochter Sophie – betont und als fast übertrieben geschildert. Im Gegensatz dazu musste selbstverständlich erwähnt werden, dass Austers Sohn aus dieser Dreieinigkeit auffallend herausfalle. Es gab Anspielungen auf die biographischen Parallelen zu Romanfiguren bei Auster und Hustvedt, die natürlich wieder auf die übertriebene Selbstdarstellung zielten. Manches las sich für mich, als neide man Auster und Hustvedt ihren Erfolg und versuche partout diverse Makel in ihrer Lebensweise oder ihrem Charakter zu finden. Ich denke, dass in jedem Charakter und jeder Lebensweise irgendwelche Makel zu finden sind, aber die Konzentration auf die Suche danach empfand ich als sehr unangenehm.

Ich hatte mir das Heft nicht gekauft, weil ich mir die Aufdeckung irgendwelcher Skandale erhofft hatte, sondern weil ich Auster als Schriftsteller sehr schätze und mich seine Ansichten interessieren. Manche Beiträge fand ich sehr gelungen, etwa den Text von David Grossman, manche allerdings fand ich tendenziös und deshalb eher enttäuschend. Dennoch: Für Auster-Fans ist die Zeitschrift teilweise sehr lesenswert.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Biographisches lesen

  1. danares schreibt:

    „…teilweise sehr lesenswert.“ 🙂 Also, als Auster-Fan bin ich jetzt echt in einem Zwiespalt. Aber die Fotos scheinen ja ganz hübsch (wenn auch etwas gestellt) zu sein…

  2. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, ich habe mit Autobiografien auch sehr gemischte Erfahrungen gemacht. Irvings „The imaginary girlfriend“ hat mir gut gefallen. Ghandis Autobiografie musste ich jedoch weglegen, weil mir soviel Demut nicht ehrlich vorkam. Bei Personen der Zeitgeschichte tendiere ich deshalb zu Biografien, obwohl man, wie Du ja bereits angemerkt hast, auch hier keine absolute Objektivität erwarten kann. Die Coco Chanel Biografie interessiert mich ja auch. Aber welche? Liebe Grüße, Peggy

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Interessant sind sie beide, liebe Peggy, besser geschrieben ist die der französischen Autorin, die habe ich sehr gern gelesen. Vaughan allerdings hatte Zugang zu Material, das ihr damals nicht zur Verfügung stand. Liest sich aber alles sehr trocken und zäh. Obwohl es ein interessantes Thema war, habe ich mich eher durchgerungen … Liebe Grüße!

  3. Frau Blau schreibt:

    liebe Petra, nun steht ein neues Buch auf meiner Bücherliste: Austers Winter Journal – ich stimme mit dir überein, dass er einer der besten Schriftsteller unserer Zeit ist, auch wenn er manchmal zu viele Seiten mit Baseball füllt 😉 – danke für diesen Tipp- Siri Hustvedt lese ich ebenfalls gerne, wobei ich nicht alle Bücher von ihr wirklich gut finde … aber sie hat einen wunderbaren Stil entwickelt!
    Biographisches lese ich ebenfalls gerne, einer der besten Biographien, die ich las, war eine über Allen Ginsberg … es muss wahrlich eine Gratwanderung für denjenigen sein, der über einen anderen schreibt, das wiederum hast du wunderbar beschrieben!

    ich merke, dass ich viel zu selten auf deiner wunderbaren Seite bin, das muss sich wieder ändern, aber die Zeit … gell?!

    herzlich grüßt dich
    Ulli

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, liebe Ulli, diese Baseball-Begeisterung Austers teile ich auch nicht unbedingt : )
      Tja, die Zeit, die Zeit. In den letzten Wochen haben sich drei Blogs, die ich gern besuchte, aus Zeitgründen verabschiedet. Ich hoffe sehr, dass nun nicht das große Blogsterben ausbricht, das wäre wirklich schade. Aber ich verstehe die Leute, das Bloggen und bei anderen Schauen ist wirklich zeitaufwändig. Bislang empfinde ich es noch als Bereicherung. Jedenfalls freu ich mich immer sehr über deinen Besuch & deine Kommentare. Liebe Grüße!

  4. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Petra,

    über Auster haben wir ja nun schon ein paar mal diskutiert, ich befürchte er und ich werden nicht mehr warm. Die Texte seiner Frau dagegen lese ich sehr gerne.

    Ansonsten tue ich mir mit Biographien schwer, in jüngster Vergangenheit habe ich keine gelesen, an die ich mich nachdrücklich erinnern kann. Ich danke dir aber für deinen Hinweis auf Elsemarie Maletzkes Bücher, die ja auch über die Bronte Schwestern geschrieben hat. Ich habe gerade erst den dritten Teil von Knausgaards autobiographischem Romanprojekt ausgelesen, darüber war ich begeistert.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Mara, vielleicht ist es doch irgendwie ein Altersding. Ich kann mich erinnern, dass ich in meinen Zwanzigern nur Biographien las, wenn es um Schriftsteller ging, zu denen ich gerade ein Seminar besuchte. Erst mit Anfang, Mitte 30 kam ich so richtig auf den Geschmack. Ich glaube, es lag auch daran, dass mir die historischen Romane, die ich mal ein, zwei Jahre las, irgendwann auf den Wecker fielen. Plötzlich fand ich es wesentlich spannender, Berichte direkt von Zeitzeugen oder über diese Zeitzeugen zu lesen.
      Das mit dem autobiographischen Romanprojekt klingt interessant … Liebe Grüße!

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