Reise um mein Zimmer

Was tun, wenn man sechs Wochen lang sein Zimmer nicht verlassen darf? Heutzutage würde man möglicherweise viel lesen, im Internet surfen, zum Twitter-Star werden, alle Fotos auf Facebook posten oder staffelweise irgendwelche Serien ansehen. 1790 gab es außer lesen wenig zu tun. Man konnte natürlich auch schreiben. Genau das tat Xavier de Maistre, der wegen eines Duells sechs Wochen unter Hausarrest gestellt wurde. Das Ergebnis war die 1794 veröffentlichte Reise um mein Zimmer. Eine amüsante und empfehlenswerte Reisebeschreibung, die sich kein bisschen verstaubt liest.

Ausgerechnet Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Zeit also, da Reiseliteratur und Entdeckungsreisen eine ihrer Blütezeiten erlebten und die Leserschaft nach immer neuen Berichten über exotische Länder, aufregende Expeditionen, fremde Völker und ihre Sitten gierte, beschrieb de Maistre diese neue Art zu reisen und versucht, sie seinem Lesepublikum schmackhaft zu machen. Schließlich erspart man sich bei einer Zimmerreise, allein mit der eigenen Fantasie als Reiseleiterin, alle Schwierigkeiten, schlechtes Wetter und Risiken. Das Ganze ist außerdem kostenlos und gut gegen Langeweile. Er musste es ja wissen.

De Maistre war übrigens keinesfalls häuslich aus Leidenschaft oder ein Mensch, der Abenteuer ängstlich mied. So fuhr er beispielsweise mit einem Heißluftballon, der jedoch alsbald in einen Wald stürzte, und lebte in Aosta, St. Petersburg und Paris. Umso bemerkenswerter ist sein Loblied auf die Reise ums Vertraute, die zugleich eine Reise um seine Erinnerungen, seine Innenwelt ist. Denn er beschreibt nicht einfach nur sein Zimmer und dessen Möbelstücke als Sehenswürdigkeiten, es geht vor allem um seine Gedanken, die er sich zum Beispiel über sein Bett macht (als Bühne menschlicher Freuden und Tragödien, Geburt, Eheglück und Tod) oder über seinen Spiegel (als vollkommenstem Gemälde, das stets die äußere Wahrheit wiedergibt, ohne die innere zu enthüllen), und um Erinnerungen, die er mit bestimmten Dingen verbindet. Seine Reisebeschreibung zeigt, dass es beim Reisen nicht unbedingt darum geht, in möglichst ferne, fremdartige Gefilde vorzudringen, dass es nie allein um die Eindrücke geht, die wir aufnehmen, oder das Fremde, das wir kennenlernen. Denn alle Wahrnehmungen lösen in uns Empfindungen, Gedanken und Assoziationen aus, sodass wir immer auch und vor allem uns selbst besser kennenlernen. Dabei können wir dem Neuen, Unerwarteten in unserer nächsten Umgebung genauso gut begegnen wie überall sonst.

De Maistre fand erstaunlich schnell und überraschend viele Nachahmer, was Bernd Stiegler in seinem lesenswerten Buch Reisender Stillstand. Eine kleine Kulturgeschichte der Reisen im und um das Zimmer herum belegt. Stiegler bietet darin einen Überblick über die verschiedenen „Zimmerreisen“ (ein Begriff, den er etwas weiter fasst, schließt er doch auch Reisen durch die Hosentasche, ein Zelt oder eine Schublade ebenso ein wie eine Reise durch Paris) und erkennt darin einen Ausdruck des Übergangs von der „äußeren Existenz“ des 18. Jahrhunderts zum Rückzug ins (menschliche) Innere des 19. Jahrhunderts. [S. 99f.]

Wem de Maistres Zimmerreise gefallen hat, könnte auch Gefallen an Stieglers Untersuchung finden.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

21 Antworten zu Reise um mein Zimmer

  1. Maren Wulf schreibt:

    Danke für diese schöne Besprechung! Den De Maistre hatte ich vor langer Zeit schon einmal auf meiner Leseliste, aber wieder völlig aus den Augen verloren. Jetzt aber wirklich!🙂

  2. buchpost schreibt:

    Schön, müsste man unbedingt mal wiederlesen. Ist schon lange her. Einen schönen Abend. LG Anna

  3. Xeniana schreibt:

    Ich bedanke mich auch für dies schöne Besprechung und setze es auf meine Leseliste. Oder auf meine Wunschliste zu Weihnachten:) LG Xeniana

  4. perlengazelle schreibt:

    Zimmerreisen – welch originelle Idee. Habe noch nie davon gehört. Danke für die Vorstellung!🙂

  5. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Ich hab ihn letztes Jahr, als ein geplanter Wochenendausflug ins Wasser fiel, gelesen – das war der perfekte Ersatz!

  6. buchwolf schreibt:

    Liebe Petra, danke für den Hinweis auf die beiden Bücher. Scheinen beide höchst lesenswert zu sein!
    lg, Wolfgang

  7. Liebe Petra,

    Du empfiehlst immer ganz außergewöhnlich interessante und schöne Bücher! Nicht nur, dass Du mir neulich Proust noch ein wenig schmackhafter gemacht hast mit Deinen fabelhaften Beschreibungen (bin übrigens gerade am Lesen…), auch dieses Werk hat nun erneut meine große Neugier geweckt, denn schließlich bin ein ausgesprochener Fan meiner eigenen vier Wände. Ja, mein Refugium inspiriert mich auch ungemein, ich meditiere quasi täglich in den Dingen, und so habe ich irgendwann damit begonnen, einen Zyklus von Gedichten zu kreieren, der den Titel „Stilles Zimmer“ trägt…

    Herzlichst Constanze

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Herzlichen Dank für deinen Kommentar, liebe Constanze! Ich freue mich sehr, dass ich dir schon das ein oder andere Werk schmackhaft machen konnte. Eine inspirierende Umgebung ist für mich auch sehr wichtig beim Schreiben. Das kann in unserer Wohnung sein oder irgendwo anders, dann am liebsten mit Blick aufs Meer, das ich hier leider vermisse … Aber auch die eigenen vier Wände, die Gegenstände, Erinnerungsstücke, Bilder, Bücher üben immer wieder neu einen Einfluss auf mich aus, wenn ich schreibe oder nachdenke. Ich glaube, in einem kargen oder puristisch eingerichteten Raum würde mir viel fehlen … Liebe Grüße!

  8. buechermaniac schreibt:

    Liebe Petra

    Wenn man nur um sein Zimmer reisen kann liegt doch das Sprichwort nahe: „Warum auch in die Ferne schweifen, sieh das gute liegt so nah.“ Könnte doch glatt von de Maistre sein, oder?😉

    LG buechermaniac

  9. Lakritze schreibt:

    Und wieder was für die Liste. Ich mag Beispiele dafür, daß es nicht viel mehr braucht als den eigenen Kopf, um in der Welt herumzukommen.

  10. arnoldnuremberg schreibt:

    Abgesehen davon, dass ich gerne in meinem Zimmer herumreise – ebenso wie hin und wieder auch andernorts -, mag ich die Formulierung, „Fantasie als Reiseleiterin“.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s