Modeste Mignon

Beuvron_en_Auge1Modeste Mignon ist ein schöner kleiner Roman von Honoré de Balzac. Klein nur im Sinne meiner Ausgabe, sie stammt nämlich aus der Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Der Roman wurde 1844 veröffentlicht: erst als Fortsetzungsroman im Journal des Débats, dann als Buch in vier Teilen und 1845 schließlich die zweite Ausgabe als vierter Band von Balzacs Comédie humaine. Meine Manesse-Ausgabe wurde von Caroline Vollmann übersetzt und folgt der Erstausgabe.

Doch zum Inhalt: Modeste Mignon ist eine bildschöne junge Frau von zwanzig Jahren, sehr behütet, überaus belesen und intelligent. Sie lebt mit ihrer Mutter in der Normandie in der Nähe von Le Havre und wartet auf die Rückkehr des Vaters. Die Familie hat in der Vergangenheit etliche Schicksalsschläge erlitten: Charles und Bettina, die Eltern von Modeste, sind zwar glücklich verheiratet und bekommen vier Kinder, doch nur die beiden Töchter überleben. Nachdem Charles ansonsten unversehrt von seiner Gefangenschaft in Sibirien aus den Napoleonischen Kriegen zurückgekehrt ist, macht er ein Vermögen und die Familie lebt sehr gut. Doch zehn Jahre später wendet sich das Schicksal: Der Vater verliert sein Vermögen, verlässt seine Familie und will erst wieder zurückkehren, wenn es ihm gelingt, erneut ein Vermögen zu machen. Caroline, die Schwester Modestes, erliegt einem Verführer und stirbt sehr jung. Die Mutter, krank vor Kummer, erblindet. Nun leben Modeste und ihre Mutter in einem bescheidenen Chalet, gut bewacht von Charles treuem Freund und Angestellten Dumay. Die Tage sind ruhig, abends spielt man Whist. Und Modeste liest und liest. Dabei verliebt sie sich in einen Dichter aus Paris und beginnt mit ihm eine immer leidenschaftlichere Korrespondenz. Was sie nicht weiß: Nicht der große Dichter antwortet mit zunehmender Zuneigung ihren klugen, provozierenden Briefen, sondern sein Sekretär, der schöne Ernest.

Der Roman ist nichts für ungeduldige Leserinnen und Leser, denn Balzac lässt sich die nötige Zeit zum Erzählen, damit sich die komplexe Geschichte entwickeln kann. Die Exposition von Situation und Romanpersonal bekommt ausführlich Raum, ebenso die Entwicklung der Liebesgeschichte. So besteht ein größerer Teil des Romans aus dem Briefwechsel, in dem sich die Seelenverwandtschaft der beiden Liebenden zeigt. Schließlich folgt der sehr amüsante Teil, in dem die verschiedenen Gefühlsverwirrungen aufgedröselt werden und Modeste ihre Wahl unter mittlerweile drei Bewerbern um ihre Gunst trifft. Die Zahl der Bewerber steigt unter anderem, weil ihr Vater inzwischen tatsächlich ein Vermögen gemacht hat und Mignon als reiche Erbin noch begehrenswerter ist als allein durch ihre Schönheit und ihren Geist. Es gibt viele literarische Anspielungen, Überlegungen zur Ehe, zur Eheanbahnung und die Unterschiede in Frankreich und Deutschland, zu Liebe, zur Vernunft, Lesewut und zur Stellung der Frau. Mir gefiel der abwechslungsreich gestaltete Romanaufbau ebenso gut wie Balzacs Witz und seine Kritik an den damaligen Verhältnissen, die immer wieder durchscheint.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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18 Antworten zu Modeste Mignon

  1. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Ach…ich lese mich immer gerne eine Weile in einer Nation fest. So klebe ich derzeit noch an den Briten – aber bei dieser Vorstellung hätte ich Lust, gleich über den Kanal zu hüpfen (literarisch gesehen). Balzac – schon viel zulange her, dass ich ihn gelesen habe, die Modeste leider noch gar nicht. Danke für die ansprechende Rezension!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Mir geht es da ähnlich, derzeit lese ich „Das Paradies der Damen“ von Zola, die Franzosen gefallen mir gut : ) Ich freue mich, dass dir der Buch-Tipp zusagt. Und so ein Sprung über den Kanal, den kann man ja gut in beide Richtungen unternehmen.

      • saetzeundschaetze1 schreibt:

        genau…ich kann ja wieder zurück zu den Briten. Das Paradies der Damen habe ich in gemischter Erinnerung – Zola weiß zwar, Geschichten zu erzählen, ist aber manchmal auch etwas „predigend“. Viel Vergnügen alleweil damit – ich denke, als Kapitalismuskritik ist der Roman war auch heute noch stimmig, andererseits erinnert er mich an die Besuche im LaFayette, damals für mich noch ein Wunderland🙂

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Ich bin auf der Hälfte ungefähr, noch gefällt es mir ganz gut, auch finde ich es in Teilen sehr aktuell und mir gefällt die Darstellung des Mikrokosmos Kaufhaus aus allen Perspektiven. Ich bedaure allerdings, dass es solche Wunderpaläste von Kaufhäusern heute wohl nicht mehr gibt, also zumindest nicht bei uns … Im La Fayette war ich noch nicht : )

  2. Trippmadam schreibt:

    Die Modeste Mignon kenne ich auch noch nicht, das ist jetzt ein Grund, meine etwas eingeschlafene Bekanntschaft mit Balzac zu erneuern. Das Paradies der Damen und anderes von Zola habe ich gelesen, bevor ich zum ersten Mal in Paris war. Bei meinem Besuch in Paris war ich überrascht, wie viel ich wiedererkannte oder zumindest wiederzuerkennen glaubte.

  3. puzzleblume schreibt:

    Oh, lange nicht gelesen. Ein schöner Buchvorschlag für kuschelige Abende auf dem Sofa.

  4. buchwolf schreibt:

    Wunderbar, Balzac in einer Manesse-Ausgabe zu lesen. Ich liebe diese kleinen Bändchen von höchster buchgestalterischer Qualität!
    lg, Wolfgang

  5. Xeniana schreibt:

    Ja wie Sätze und Schätze klebe ich auch in einer Region fest, glücklicherweise in Frankreich. Balzac wird in der Biografie über Proust von Haymann sehr oft erwähnt , so dass Balzac nun auch auf meiner Leseliste steht.
    Liebe Petra, schön das es dieses Blog gibt. Ich lese so gern hier. Ich wünsche dir einen guten Rutsch und ein reiches, schönes Jahr 2014 LG Xeniana

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ist die Biographie von Haymann gut? Es gibt ja noch diese gaaanz dicke von Jean-Yves Tadié, die allerdings einen stolzen Preis hat …
      Ganz herzlichen Dank für deine lieben Worte, über die ich mich sehr freue! Ich wünsche dir auch alles Liebe & Gute für 2014 *-*

      • Xeniana schreibt:

        Ja, ich finde sie sehr gut Vieles erschließt sich mir ganz anders und ich merke immer mehr, was ich alles nicht weiß. Von daher ist Tadie ein guter Tipp. Ich habe beschlossen erst mal auch mich mit Proust und seiner Zeit zu beschäftigen, sonst entgeht einem (mir ) wahrscheinlich ziemlich viel.
        LG Xeniana

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Da ist was dran, bei Proust lohnt sich das Drumherumlesen besonders, da er in seine ohnehin sehr dichten Texte eben auch viel aus und vor seiner Zeit hineingewoben hat, das uns vielleicht nicht mehr so geläufig ist.

      • Xeniana schreibt:

        Hab den Tadie bestellt…..schnell noch im alten Jahr, im neuen wollte ich bessern:)))

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ui, toll, da wünsche ich viel Spaß beim Lesen : )

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