Das Paradies der Damen

Pfingstrosen4Diesen Roman Emile Zolas von 1882 habe ich sehr gern gelesen. Meine Ausgabe stammt aus der Edition Ebersbach, übersetzt von Hilde Westphal. Zolas Roman schwelgt in einer Welt, als Kaufhäuser noch neu, aufregend und wahre Paläste waren, Horte aller möglichen Güter aus allen Teilen der Welt, gewaltige Wunderkammern für alle Schichten der Bevölkerung. Mich hat diese Auferstehung einer längst vergangenen Kaufhauswelt sehr fasziniert.

In der Hauptsache geht es um die junge, verarmte Denise, die mit ihren Brüdern aus der Provinz nach Paris kommt und gleich vom Zauber des Kaufhauses „Paradies der Damen“ gefangen ist. Zunächst wohnt sie bei ihrem Onkel, dessen Geschäfte immer schlechter gehen, denn alle Welt will nur noch in den prächtigen Kaufhäusern kaufen, die mit ihrer Masse an Waren ganz andere Rabatte gewähren können als die traditionellen kleinen Geschäfte, die sich auf Stoffe, Regenschirme, Hüte etc. konzentrieren. Denise nimmt eine Stelle im „Paradies der Damen“ an, doch die anderen Verkäuferinnen sind ihr schlecht gesonnen, machen sich lustig über sie und erfinden Lügengeschichten. Denise verlässt das „Paradies“, aber sie wird zurückkehren und ihren Weg machen.

Eine der Stärken des Romans ist vor allem die Beschreibung des Mikrokosmos Kaufhaus aus allen möglichen Perspektiven. Aus der des Besitzers Octave Mouret, der mit seiner Vision und seinen innovativen Ideen sowohl die Anziehungskraft seines „Paradieses“ als auch dessen Umsatz Jahr um Jahr zu steigern weiß. Ein Schwerenöter, der außer mit Damen der Gesellschaft auch gern mit seinen Verkäuferinnen tändelt. Bis Denise ihn abweist. Dann die Perspektive der Verkäuferinnen und Verkäufer, die praktisch im Kaufhaus leben. Sie haben dort Schlafkammern, sie können dort essen und sie arbeiten hart vom frühen Morgen bis zum Abend in einer strengen hierarchischen Ordnung. Die Schwierigkeiten der kleinen Geschäfte, die nicht länger neben dem Kaufhaus bestehen können, das im Wortsinne die Läden verdrängt oder sich einverleibt, um immer weiter zu wachsen. Dann die verschiedenen Typen von Käuferinnen – denn in diesem Roman geht es in erster Linie um Frauen, um ihre Lust am Einkaufen und die Tricks, wie man ihnen ein besonderes Einkaufserlebnis, einen Kaufrauch gar, bieten kann. Man kann die Liebesgeschichte oder auch manche Darstellung ein wenig sozialkitschig finden, das hat mich aber nicht gestört, denn es geht um mehr: um Ideen und Geldgeber, um Konkurrenz und soziale Hintergründe, um Liebeleien und Tratsch und nicht zuletzt um Entwicklung, deren erfolgreichste diejenige ist, die nicht dem Alten hinterher jammert, sondern sich Neuem sinnvoll anzupassen weiß und sogar Verbesserungen einbringt.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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24 Antworten zu Das Paradies der Damen

  1. buchpost schreibt:

    Liebe Petra, schon wieder setzt du mir einen Titel auf die Wunschliste Tssthssste. Danke für deine Anregungen, die ich immer mit Vergnügen lese. Prosit und happy new year. Anna

  2. puzzleblume schreibt:

    Es scheint in gewisser Hinsicht an Aktualität nicht viel verloren zu haben.
    Ich hatte in meiner Jungerwachsenenzeit eine Phase intensiver Liebe zu Gerorgett-Heyer-Romanen, die zwar meist etwas früher handelten, aber doch des öfteren schon die Kaufhäuser als in gehobenen Kreisen verpönte aber gern besuchte Abenteuer der Damen beschrieben. Dein Buchtipp müßte eine späte, aber gute Ergänzung „von der anderen Seite“ sein.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das könnte ich mir auch vorstellen, liebe Heide. Vor allem macht das Buch Sehnsucht nach einer Art von Kaufhaus, das nur noch höchstens in unseren Kindheitserinnerungen existiert. Liebe Grüße & ein gutes Neues : )

  3. Das war aber jetzt ein Fingerzeig, dass ich mich endlich mal intensiv mit Zola beschäftigen sollte. Au bonheur des dames kann man kostenlos aus dem Netz laden, eine deutsche Übersetzung von Arnim Schwarz ebenfalls http://gutenberg.spiegel.de/buch/1249/2
    Meistens stehe ich um diese Jahreszeit zu sehr unter Zeitdruck, um Literatur in einer mir wenig geläufigen Sprache zu lesen, aber das Thema fasziniert mich, denn ich bedaure sehr den Niedergang der Kaufhauskultur. Diese Konsumtempel haben ihren Glamour – leider – verloren. Dabei trauere ich weniger dem Konsum als dem schönen Schein hinterher.🙂
    Eigentlich wünsche ich mir ein friedliches Nebeneinander kleiner und großer Läden und könnte als Großstadtbewohnerin gut auf das Internet als Quelle verzichten. Wie ich es hasse, auf Lieferungen zu warten und dann eine „Sie- wurden-leider-nicht-angetroffen“-Lüge im Briefkasten zu finden!
    Aber es hilft alles nichts, wenn ich nur mal eben einen Schraubenzieher kaufen will, ist das Traditionskaufhaus entweder ganz oder zumindest die Heimwerkerabteilung endgültig geschlossen. Oder die Kurzwarenabteilung, wenn ich nur mal eine Nähnadel brauche. Oder die Computerabteilung. Wo sind die Angestellten geblieben, die mich jahrelang so gut beraten haben? Vor langer Zeit waren die großen Häuser für mich ein Kinderparadies. Wenn ich Landkind meine Tanten in der Stadt besuchte, fuhr ich stundenlang Rolltreppe rauf und runter, ließ mich zu Kakao und Kuchen im Erfrischungsraum (ich glaube, so hieß das damals?) einladen, und die hauseigene Kapelle (oder das Orchester?) spielte dazu Kaffeehausmusik. Alle schienen einer sinnvollen bezahlten Beschäftigung nachzugehen, niemand brauchte zu betteln.
    In der Vorweihnachtszeit gab es Märcheninstallationen und Schaufenster mit Modelleisenbahnen. Tempi passati.

    Jetzt bin wirklich ich mal gespannt, was Zola dazu zu sagen hatte. Der Titel dürfte wohl eher ironisch gemeint gewesen sein, sonst wäre er ja nicht sozialkritisch. Aber die Verkäuferinnen waren zumindest in Lohn und Brot …

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ach ja, wie gut erinnere ich mich auch an diese Art von Kaufhaus, eines davon war der hiesige Karstadt, sehr pompös, historische Fassade, riesige Treppen, ebensolche Aufzüge, wo ein Aufzugsmensch pro Stockwerk die zu erwartenden Waren herunerschnarrte. Ich glaube, es gab damals dort noch keine Rolltreppe. Und es gab Arkaden vor dem Kaufhaus, unter denen man auch bei Regen bequem die Schaufenster bewundern konnte. Überhaupt hatten früher sehr viele Warenhäuser hier Arkaden. Aber die wurden alle aufgegeben bzw. in das Gebäude integriert, um mehr Verkaufsfläche zu haben, sollen die Kunden doch nass werden, sei’s drum. Heute ist unser Karstadt modernisiert, hat Rolltreppen, Allerweltsauzüge, überhaupt ein Allerweltsantlitz bekommen und setzt auf Shop-in-Shop-Konzepte. Langweilig, uninspiriert. Allerdings noch viele gute Verkäufer, z. B. im Elektronikbereich. Die grandiose Lampenabteilung aber oder die Tierabteilung existiert schon ewig nicht mehr.
      Das von Zola beschriebene Kaufhaus scheint wirklich paradiesisch dagegen und er beschreibt auch wunderbar bildhaft und geradezu spürbar die verschiedenen Stoffe und sonstigen Waren. Liebe Grüße & ein gutes Neues : )

  4. hokuspokus77 schreibt:

    Das klingt nach unbedingt-lesen-muss. Danke Dir für die schöne Anregung und alles Gute für 2014.

  5. atalante schreibt:

    Schön, an diesen Klassiker durch Dich noch einmal erinnert zu werden. Ich hatte ihn kurz bevor ich mit meinem Blog begann als kostenloses Podcast-Hörbuch irgendwo gefunden und gehört, und es hat mich genau so fasziniert wie Dich.
    Zola, der für dieses Buch aufwendige Recherchen betrieben hat, stellt auf der Folie der Aschenputtel-Lovestory die Anfänge der Pariser Kaufhauskultur dar. Das war sein Hauptanliegen. Ich finde es ist ihm sehr gelungen. Er schildert nicht nur die Arbeits- und Lebensbedingungen des Personals, das z.B. seinen Lohn weitgehend, wenn ich das noch recht in Erinnerung habe, über die Verkaufsprovision erhielt, sondern auch wie über Präsentation und Dekoration die Kauflust angefacht wurde. Sehr modern wirkten diese Werbestrategien auf mich. Natürlich spielt auch die neue Kaufhausarchitektur mit ihren großen Schaufenstern eine Rolle, in einem lichtdurchfluteten Ambiente kauft es sich ganz anders als in den dunklen staubigen Boutiquen. All’ das lässt Zola seine Leser miterleben. Wirklich ein schöner Roman.
    Ich wünsche Dir für das neue Jahr viele neue Leseerlebnisse, die mindestens genau so schön sind.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ging mir auch so, liebe Atalante, dass ich die Werbestrategien sehr modern und heute noch durchführbar fand. Diese ersten Visionäre, die solche Warenparadiese erdachten, waren schon genial. Aber, wie es in einem früheren Kommentar heißt, würde auch ich mir ein friedliches Nebeneinander solcher großartigen Paläste und kleiner, wohlsortierter Boutiquen wünschen. Letztere finden sich ja, aber die Großartigkeit der Kaufhäuser ist – zumindest in dieser Stadt – nirgendwo sichtbar.
      Ich glaube, es war überhaupt das erste Buch, das ich von Zola las – hast du vielleicht noch einen weiteren Tipp?
      Auch dir ein wunderschönes neues Jahr mit vielen Mußestunden für schöne Lektüren!

  6. atalante schreibt:

    Das „Paradies“ war auch mein erster Zola, eine weitere Empfehlung habe ich also nicht. Anregungen bieten aber die Zola-Besprechungen auf dem Blog von Bonaventura.

  7. perlengazelle schreibt:

    Deine Rezension erinnert mich an das Kaufhaus meiner Jugend – das Kortum-Kaufhaus in Bochum. Verewigt in dem Film „Der große Bellheim“. Es gab keine Rolltreppen, statt dessen breite blank polierte Holztreppen. Man fühlte sich beim Heraufsteigen wie in einem Schloss. Und in jeder Etage gab Theken, an denen das Personal bediente. Undenkbar, sich selbst zu bedienen. Am wichtigsten für mich als Kind war im obersten Stockwerk die Bimbo-Box, ein Musikautomat mit einem Orchester aus Stofftier-Affen (die mit dem Knopf im Ohr), das sich (nach Geldeinwurf) zur Musik bewegte. Das zweitwichtigste war die Milchbar – dort bekam ich jedes Mal eine Erdbeermilch … und eine Bockwurst mit Senf.🙂
    Schön, dass du immer wieder Klassiker vorstellst!

  8. durchleser schreibt:

    Ein wunderbarer Roman! Übrigens gibt es auch heute noch in Paris diese „Paradiese“ für Frauen. Einer der Vorbilder für Zolas Roman war A. Boucicaut, der Gründer des Kaufhauses „Le Bon Marché“ ( Paris), das das erste Warenhaus überhaupt war und heute noch zu den führendsten und elegantesten Warenhäusern Frankreichs zählt.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah? Das klingt gut, liebe Durchleserin, wenn ich es wieder nach Paris schaffe, werde ich auf jeden Fall versuchen, zumindest ins Bon Marché zu gehen. Aber es gibt ja überhaupt so viele wunderbare Sachen dort zu sehen … Liebe Grüße!

  9. mickzwo schreibt:

    „Das Gute ist der Feind des Besseren!“ In meiner Jugend habe ich auch immer geglaubt, so ein Kaufhaus ist ein „Paradies“. Unsterblich. Das ist natürlich Unsinn. Ich brauche die Beschreibungen und Andeutungen aus anderen Kommentaren nicht zu wiederholen. In der Berufsfindungsphase habe ich auch ein Praktikum in so einem Kaufhaus gemacht. Das war wirklich spannend. Eine Welt für sich, die stirbt, wie wir heute wissen. Und das auf breiter Front. Was kommt danach? Ich sehe es nicht. Aber das Rapide, das spürt man täglich. Dieses Buch ist genau nach meinem Geschmack, wie es scheint. Vielleicht bringt es mich ja weiter. Jedenfalls kommt es ganz nach oben, auf meine Leseliste. Danke.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Freut mich, dass es dich auch reizt, das Buch zu lesen – besonders da du ja persönliche Erfahrungen in dieser Welt sammeln konntest. Tja, was kommt danach, derzeit sind ja diese „Malls“ ganz erfolgreich, das passt auch zu der Entwicklung von Kaufhäusern zu Horten von lauter verschiedenen Anbietern (Shop-in-Shop). Und natürlich ist es ja auch ganz praktisch, wenn man gebündelt die unterschiedlichsten Läden findet, dazu noch unter einem Dach (besonders bei schlechtem Wetter). Aber nach wie vor liebe ich es, durch die vielen kleinen Läden zu bummeln, die es zum Glück immer noch gibt und die auch nicht die typischen Klamottenkettenlabels führen. Es macht einfach mehr Spaß, herumzuflanieren und hier und dort etwas zu entdecken, was man nicht schon zigmal in Variation woanders sah. Liebe Grüße!

  10. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, Dein Post inspiriert mich nich nur zum Lesen, sondern auch dazu, mal ein paar Londoner Paradiese vorzustellen. Natürlich hat auch hier die Moderne etwas Einzug gehalten, aber ich gehe trotzdem noch sooooo gerne in die Marmeladenabteilung beim Fortnum & Masons.🙂 Liebe Grüße und ein schönes neues Jahr, Peggy

  11. nweiss2013 schreibt:

    Im Französischleistungskurs war das eine der harten Nüsse, diese Flut von Adjektiven, der in Sprache umgesetzte pointilistische Stil, diese Gebäudefassade aus Wörtern. Ich gestehe, daß mich das erschlagen hat!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Auf Deutsch ging das ganz prima ; ) Ich bin ja sowieso der Ansicht, dass Adjektive stark unterschätzt werden – allerdings wäre ich auf Französisch wohl schnell gescheitert beim Lesen … Liebe Grüße!

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