Vincent

Der Roman Vincent von Joey Goebel hat mich sehr fasziniert und bis zum Schluss in Spannung gehalten. Schon die Idee hat allerhand für sich: Nachdem das Niveau der Unterhaltungsindustrie in den USA, wo der Roman spielt, immer tiefer gesunken ist, beschließt der Medientycoon Foster Lipowitz, etwas dagegen zu unternehmen. Zwar profitierte er jahrelang vom schlechten Massengeschmack mit seichten Filmen, Serien und Musik, aber nun vor seinem Tod will er der Welt doch mehr hinterlassen als diesen wertlosen Kram. Dazu gründet er „New Renaissance“, ein Unternehmen, das sich der Ausbildung talentierter Autoren und der Vermarktung niveauvoller Kunst verschreibt. Allerdings im Geheimen, denn die Methoden, mit denen die Kreativität der angehenden Genies geweckt werden soll, sind alles andere als koscher – durchs Leiden zur Kunst heißt die Devise. Sprich: Die Manager der jungen Menschen sind angewiesen, ihr Leben zu begleiten und dafür zu sorgen, dass darin möglichst viel schiefgeht.

Erzählt wird die Story in schnoddrigem Philip-Marlowe-Ton von Harlan Eiffler, Vincents Manager. Zum Manager qualifizierte er sich aufgrund seiner beißenden Verrisse, die er für ein Musikmagazin geschrieben hat. Auch ihm ist an einer deutlichen Steigerung des Niveaus gelegen. So pfuscht er auftragsgemäß in Vincents Leben herum, sorgt dafür, dass der Junge viel Pech in der Liebe und nicht allzu viel Geld hat. Doch er redet sich ein, dass dies alles zum Besten sowohl der Kunst, der Menschen als auch Vincents selbst sei. Bei alledem liebt er den Jungen und versucht, ihm nicht allzu weh zu tun. Vincents Mutter Veronica, bildschön, aber weder sittlich noch intellektuell als Vorbild geeignet, ist mehr als bereit, gegen einen ordentlichen monatlichen Scheck ihren Sohn in die Fänge von New Renaissance zu übergeben. Vincent weiß von alledem nichts und soll es auch möglichst nie erfahren. Eiffler sieht sich in gewisser Weise auch als Retter Vincents, den er nicht nur aus einer verkorksten Familie befreit hat, sondern ihm zudem eine Ausbildung ermöglicht, die ihm andernfalls versagt geblieben wäre. Und anfangs scheint auch alles genau so zu laufen wie geplant.

Eine der Ideen Vincents, die mir besonders gut gefallen hat, war ein Kunstkanal, auf dem nichts anderes gezeigt wird, als Bilder. Manche sehr gute Ideen Vincents werden allerdings in ihrer Umsetzung wieder ad absurdum geführt und letztlich doch dem Massengeschmack angepasst. Jedenfalls: Mir hat der Roman gefallen, besonders die satirischen Seitenhiebe auf die Unterhaltungsbranche und all ihre Beteiligten; auch das Ende fand ich schlüssig. Empfehlenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Vincent

  1. guenterkeil schreibt:

    VINCENT ist einer meiner Lieblingsromane der vergangenen 15 Jahre – freut mich, dass du ihn auch entdeckt hast und ebenso positiv bewertest!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Eine Freundin, die selbst Künstlerin ist, hat ihn mir empfohlen und ausgeliehen – das war wirklich eine tolle Empfehlung! Hast du noch mehr von Goebel gelesen, das du mir empfehlen könntest?

  2. literaturen schreibt:

    Eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Seit Jahren. Mir haben ‚Ich gegen Osborne‘ und ‚Heartland‘ auch sehr gut gefallen (wenn sie an Vincent auch nicht herankamen), ,Freaks‘ hingegen fand ich eher schwach. Freut mich jedenfalls, dass du diesen Roman auch entdeckt hast.🙂

  3. Karo schreibt:

    Liebe Petra, ich wollte schon immer Joey Goebel lesen. Die Meinungen zu seinem letzten Roman „Ich gegen Osborne“ gingen aber sehr auseinander. Ich denke, du hast mir mit „Vincent“ das perfekte Einstiegsbuch geliefert, denn es klingt so verdammt verrückt und cool! Herzlichst, Karo

  4. Liebe Petra,
    irgendwie kann man ja nicht alles lesen, aber nach dieser Besprechung und den ganzen Kommentaren nehm ich das mal auf die Liste. Da steht von Goebel schon Ich gegen Osborne drauf, das ist Mara schuld, sie hat es letztes jahr besprochen. Schaun wir mal, wann ich endlich zu Goebel komme…
    Liebe Grüsse, Kai

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