Im Kopf von Bruno Schulz

Von Bruno Schulz hatte ich euch letzten Sommer die Zimtläden allerwärmstens empfohlen.  Nun habe ich Maxim Billers Novelle Im Kopf von Bruno Schulz gelesen – und bin sehr davon angetan! Es kann auch nicht schaden, vorher Schulz‘ Erzählungen zu lesen, weil man erst dann vermutlich besonders die Sprache und den Stil von Billers Novelle zu schätzen wissen wird. Biller nämlich begibt sich in gewisser Weise wirklich in Schulz‘ Kopf und spinnt aus dessen Sicht eine kleine Geschichte darüber, wie Schulz den Schriftsteller Thomas Mann dazu bringen will, ihm bei der Veröffentlichung seiner Erzählungen im Ausland zu verhelfen. Dieses Ausgangsszenario hat durchaus seinen realen Hintergrund: Denn, wie dem lesenswerten Anhang zu den Zimtläden zu entnehmen ist, bemühte sich Schulz mehrmals um eine Übersetzung und Veröffentlichung im Ausland. Und 1938 wollte er tatsächlich Thomas Mann eine von ihm auf Deutsch verfasste Novelle mit dem Titel „Die Heimkehr“ senden. Was daraus geworden ist, scheint unsicher zu sein, es kam jedenfalls zu keiner Veröffentlichung und das Manuskript ist verschollen.

Aus diesen und weiteren biographischen Zutaten mischt Biller eine großartige kleine Geschichte, in der Schulz nicht nur um die richtigen Worte an Mann ringt, sondern vor allem seinerseits eine groteske Geschichte über einen Mann erzählt, der sich gerade in Drohobycz, wo Schulz lebt, aufhalte und als Thomas Mann ausgebe. Besonders zur Figurenzeichnung des falschen Manns gibt es eine sehr gute Besprechung bei Tobias Lindemanns Libroskop. Auch die Umstände, unter denen Schulz lebt und seinen lang und länger werdenden Brief schreibt, werden immer fantastischer und grotesker. Alles in allem: Absolut lesenswert! Außerdem ist die Novelle mit sechs wunderbaren Zeichnungen von Schulz angereichert (weswegen ich mir auch gleich Das graphische Werk: 1892 – 1942 von Bruno Schulz bestellte …).

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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10 Antworten zu Im Kopf von Bruno Schulz

  1. literaturen schreibt:

    Um das Buch schleiche ich jetzt schon länger herum, die Zimtläden habe ich mir kürzlich gekauft. Hab Dank für deine Einschätzung!🙂

  2. saetzeundschaetze1 schreibt:

    ich werde es genauso wie Sophie von den Literaturen machen – und wie Du. Die Zimtläden habe ich bereits hier, Biller besorge ich mir noch…danke für den Reminder und die tolle Besprechung!

  3. karu02 schreibt:

    Ja, Zimtläden sind auch etwas für mich, danach werde ich weiter sehen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lohnt sich unbedingt! Und ich glaube, es ist inzwischen auch als TB erhältlich.

      • karu02 schreibt:

        Danke für den Hinweis, umso besser, da ich mir für dieses Jahr vornahm, nicht mein gesamtes Taschengeld für Bücher auszugeben. 🙂

      • wolkenreisende schreibt:

        ja, es ist als taschenbuch erhältlich. ich habe es schon lange gelesen, fand einige geschichten ziemlich schlimm schwülstig, andere pointierter, sehr berührend und schön geschrieben, zum beispiel die, in der er über seinen vater erzählt, wie dieser sich geistig mehr und mehr von der familie zurück zieht.

  4. tobiaslindemann schreibt:

    Vielen Dank, liebe Petra, fürs Verlinken hier und mich freut, dass Dir der Biller scheinbar ebenso gut gefallen hat wie mir!
    Herzliche Grüße
    Tobias

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