Heute bedeckt und kühl

DiaryIch lese gern Tagebücher und Bücher über Bücher. Daher war ich erfreut zu sehen, dass Michael Maar, den ich bereits für Proust Pharao und Solus Rex schätze, nun ein Buch über Tagebücher geschrieben hat. Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Darin geht Maar mehreren Fragen nach, beispielsweise warum man Tagebuch schreibt und weshalb wir gern Tagebücher lesen. Diese und weitere Fragen werden zwar nicht alle letztgültig beantwortet, aber das macht nichts. Denn Maar nimmt uns mit auf eine Reise durch alle möglichen Tagebücher, die nicht nur hochinteressant und oft auch sehr amüsant ist, sondern unbedingt Stift und Papier nahebei erfordert, um sich Notizen für den nächsten Buchkauf zu machen. Ich kannte zwar etliche der von Maar herangezogenen Tagebücher, aber doch längst nicht alle.

Maar nennt drei Hauptmotive dafür, Tagebuch zu führen: Festhalten, Bewussthalten und Rechenschaft abgeben. Besonders Motiv Nr. 3 scheint nahe zu legen, dass es da bei aller Privatheit doch einen gedachten Adressaten gibt, selbst wenn man keine berühmte Persönlichkeit ist und auf Veröffentlichung hoffen darf:

„Schrift wurde erfunden, um etwas mitzuteilen, und zwar nicht sich selbst. Nur scheinbar schreibt der Tagebuchschreiber für sich selbst, so wie der Betende nur scheinbar zu sich selbst spricht.“[Michael Maar: Heute bedeckt und kühl, S. 76]

Interessanter Gedanke. Ich schreibe selbst seit Jahren Tagebücher mit allem Möglichen voll, das mir wichtig genug vorkommt, es festzuhalten. Obwohl: Es sind auch weniger wichtige Sachen dabei, manchmal sind’s nur hingehuschte Einträge, To-do-Listen, dann wieder längere Passagen. Wer mag mein Adressat sein? Ich denke, eine Art besseres Selbst oder mein älteres Selbst, falls ich in vielen Jahren Lust bekommen sollte, mein Gedächtnis aufzufrischen.

Jedenfalls: Maars Buch ist sehr lesenswert für alle, die ebenfalls gern Tagebücher und Bücher über Bücher lesen und ihre Bücherwunschliste gern verlängern möchten.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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27 Antworten zu Heute bedeckt und kühl

  1. dasgrauesofa schreibt:

    Liebe Petra,
    Dein Lesetipp hört sich gut an, vor allem vor dem Hintergrund des Lesens von Wolfgang Herrndorfs Weblog, der ja schon ganz deutlich an eine Öffentlichkeit adressiert war, und Max Frischs „Berliner Tagebuch“, das ich auch auf meiner Leseliste ganz oben habe und das ja auch, wenn man die vorherigen Tagebücher bedenkt, für die Veröffentlichung geschrieben ist. Im Studium habe ich mich bei meinem Lieblingsprofessor ganz viel mit Tagebüchern bschäftigt, von den Tagebüchern, so wie du wohl eines schreibst, über die für eine Veröffentlichung konzipierten und dadurch ja schon fiktionalisierten bis hin zu dem Tagebuch als fiktionaler Form, wie Johnsons sie mit seinen „Jahrestagen“ gestaltet (aus gegebenem Anlass, habe ich sie gerade auf dem Schreibtisch liegen 🙂 ). Schaut Maar auch auf solche Unterscheidungen? Dann wäre er vielleicht die richtige Lektüre, um meine Tagebuch-Hintergründe mal wieder ein bisschen zu beleben.
    Viele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich glaube, das Buch würde deine aktuelle Lektüre gut ergänzen. Ich fand beispielsweise auch interessant, dass er diverse Diaristen (feines Wort für Tagebuchschreiber) nennt und Beispiele anführt, die für ihre Tagebücher bekannter sind als für ihr Leben oder ihr literarisches Schaffen, die also gerade im Tagebuchschreiben die für sie perfekte literarische Ausdrucksform gefunden haben. Maar weist auf diese und viele weitere Besonderheiten unter den vielen verschiedenen Tagebüchern hin. Wirklich enorm, was er da alles gesichtet und ausgewertet hat. Ich rate zu : ) Liebe Grüße!

  2. Petra Wiemann schreibt:

    Bücher, die unweigerlich weitere Käufe nach sich ziehen, sind wirklich äußerst tückisch 😉 Und du bist nun schon die 2. Person, die mich zu diesem Werk verleiten will. Ich ergebe mich.

  3. birtheslesezeit schreibt:

    Hört sich wirklich lesenswert an… Ich lese gerne Biografien, die Tagebüchern ja nicht so ganz unähnlich sind und „Heute bedeckt und kühl“ werde ich mir auf jeden Fall merken. Danke für den Tipp ! 🙂

  4. Watson Wolf schreibt:

    Reblogged this on Wolfsblog.

  5. Susanne Haun schreibt:

    Unsere Blogs sind das beste Beispiel für Tagebücher!
    Meinen Blog sehe ich als einen Teil meines Werkes an. Auf der einen Seite, berichte ich authentisch für mich selber über meine Kunst aber auf der anderen Seite lesen es auch meine Betrachter und Rezipienten und natürlich alle Interessierten.
    Ich selber bin auch ein großer Leser meines Blogs, denn der Blog ist meine Erinnerung.
    Danke für die drei Punkte, die ich sehr interessant finde.
    Festhalten, Bewussthalten und Rechenschaft abgeben
    Dass muß ich noch verarbeiten…. 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vielleicht wäre das Buch dann auch für dich interessant, liebe Susanne? Bei meinem Blog ist es ein bisschen anders, hier schreibe ich bewusst über Themen, die auch andere interessieren könnten. Insofern ist es eher ein Lese-Reise-Tagebuch, aber eben öffentlich. Doch sobald man über etwas schreibt, wird einem vieles klarer, bewusster, ob privat oder in Blogform. Zumindest geht es mir so. Festgehalten ist es dann auch, allerdings fehlt möglicherweise die Rechenschaftskomponente … Hab noch einen schönen Abend!

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Das klang vielleicht etwas missverständlich: Ich meinte „Themen, die auch andere interessieren könnten“ im Gegensatz zu den Einträgen in mein Tagebuch, die außer mir vermutlich niemanden interessieren ; )

  6. buchpost schreibt:

    Schließe mich Claudia an, deiner Besprechung kann und mag ich nicht widerstehen. Ist notiert. Danke für diesen Hinweis zu einem Buch, das ich sonst übersehen hätte. LG Anna

  7. nweiss2013 schreibt:

    Ich habe nachgeschaut: am 16 Oktober gekauft und auf den Stapel gelegt, jetzt verblogt 🙂
    http://notizhefte.wordpress.com/2013/10/15/tagebucher-gelesen-von-michael-maar/

  8. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Ich stecke derzeit – wegen der 1914-Gedenkfeier – immer wieder die Nase in die Tagebücher von Robert Musil&Kafka: Es ist interessant, wie unterschiedlich denn doch das Zeitgeschehen sich in diesen „privateren“ Aufzeichnungen niederschlägt. Wobei man denn doch immer deutlich merkt, wer auch dort für die Nachwelt, die öffentliche, schreibt – Thomas Mann als bestes Beispiel. Letzterer meine Kurve zu M. Maar – von diesem habe ich bisher nur „Das Blaubartzimmer – Thomas Mann und die Schuld“ gelesen, er kratzt da schon deutlich an Mann herum. Was man ja auch mal darf.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich habe schon öfter von verschiedenen gelesen, wie toll die Tagebücher von Kafka seien. Ich glaube, die sollte ich auch mal lesen … Und der Musil, auch gut?

      • saetzeundschaetze1 schreibt:

        Kafka ist Kafka. Da taucht man in was ganz Eigenes ein. Musil: Auch viel Zeitkolorit, kritische Blicke auf das Säbelrasseln um ihn rum, Melancholie, ein Österreicher. Liest sich natürlich ein bißchen einfacher als Kafka. Kann man schlecht vergleichen. Missen möchte ich weder noch…huch, wie es beim flattersatz aussieht! Beeindruckend.

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Aha, ich seh schon, scheint beides lesenswert zu sein.
        Jaa, der Flattersatz hat auch eine wohlbefüllte Bibliothek : )

  9. seestern12 schreibt:

    Liebe Petra,
    Dieses Buch passt eigentlich nicht in mein Beuteschema aber nach deiner Besprechung musste ich es mir einfach in der Bücherei ausleihen. Noch steht es neben mir und wartet darauf, dass ich es zum Selbstverbucher trage und es mit nach Hause nehme.
    Liebe Grüße,
    Petra
    Ps: Haben wir nicht einen schlimmen Sammelbegriffsvornamen?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Schön : ) Ich hoffe, es gefällt dir und vielleicht verändert sich ja nun dein Beuteschema?
      Wegen des Vornamens: Meinst du, weil laut Max Goldt so viele Krimischriftstellerinnen Petra heißen? Siehe auch hier: http://literatourismus.net/2014/01/29/narrische-pilzsammler-trinken-das-radio-aus/

      • seestern12 schreibt:

        Ich muss gestehen, dass ich bisher noch nichts von Max Goldt gelesen habe. Welches Buch würdest du mir empfehlen? Das Zitat über den Namen Petra kannte ich nicht aber ich habe im Verlauf meines Lebens ein paar Petras kennen gelernt….
        Seit ich blogge und andere Blogs lese, hat sich mein Leseverhalten geändert und das finde ich gut so.

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Ich mochte von ihm „Äh“ besonders, aber eigentlich sind die alle schön skurril und witzig. Ja, es scheint doch einige Petras unter den Leserinnen und Bloggerinnen zu geben … Ich glaube, meine Leseverhalten hat sich nicht verändert, aber meine Bücherliste wächst nun noch schneller als vor der Bloggerey ; )

  10. Pingback: Die Sonntagsleserin KW #05 – 2014 | buchpost

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