F

Wow, was für ein Roman! Das dachte ich mehrfach beim Lesen von Daniel Kehlmanns F, der für mich einer seiner besten Romane ist. Ich war so davon fasziniert, dass ich den Roman gleich ein zweites Mal gelesen habe. Etwas, das ich als Jugendliche und Studentin sehr oft tat, später aber kaum noch – so many books, so little time, ihr kennt das.

Da ist zunächst der rätselhafte Titel, F. Der Buchstabe könnte einfach nur für den Nachnamen der Hauptfiguren stehen: Friedland. Damit könnte er auch für „Familie“ stehen, für „Fälschung“, die im Roman eine wichtige Rolle spielt, oder für „Fortuna“, denn gleich zu Beginn führt ein Beinahe-Unfall glücklicherweise nicht zum Tod. Oder steht das F eher für „Fatum“, das Schicksal, das dem Menschen bestimmt ist oder vielleicht nur eine Laune des Zufalls, ein Los jedenfalls, das man nicht selbst gezogen hat, ein Geschick, das sich durchaus irren kann? Oder jenes Fatum der Römer, der Schicksalsspruch, die Deutung, der Versuch, irgendetwas über die unbekannte, vielleicht beängstigende Zukunft vorauszusagen? Alles denkbar und trifft auf die ein oder andere Weise zu.

Bereits der erste Satz zog mich sofort in die Geschichte, ich halte ihn für einen der besten ersten Sätze, die ich je las:

„Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.“ [Daniel Kehlmann: F, S. 7]

Es folgt die Beschreibung jenes (schicksalhaften) Nachmittags, an dem Arthur Friedland mit seinen drei Söhnen Martin (aus erster Ehe), Eric und Iwan (Zwillinge aus der aktuellen Ehe) eine Vorstellung besucht, in der ein ganz bescheiden wirkender Hypnotiseur ganz unglaubliche Dinge bewirkt. Schon wie Kehlmann diese Vorstellung beschreibt, ist überaus gelungen: Der Hypnotiseur geht sofort in medias res und zeigt, zu was er im Stande ist. Der Zweifel beim Publikum, dass das alles doch sowieso nicht funktioniert, vielleicht ein Trick mit bestellten Akteuren ist oder Suggestion, für die nur gewisse Personen anfällig sind, die Sicht derjenigen, die auf der Bühne stehen und Teil dieser Vorstellung werden, das Schwanken zwischen Skepsis und Glaube, Vorstellungskraft und Wirklichkeit ist von Anfang an eines der zentralen Motive: Iwan erfährt am eigenen Leib, wie es ist, wenn der Zweifel in etwas Unerklärliches kippt. Anschließend soll Arthur auf die Bühne, der größte Skeptiker von allen, der die Bemühungen des Hypnotiseurs kommentiert, sich amüsiert und schließlich ebenfalls in diese unerklärliche Stimmung gerät, in der ein allgemeines Gespräch vor Publikum höchst persönlich wird. Ein Gespräch, in dem Arthur von seiner Erfolglosigkeit erzählt, davon, dass er sich von seiner Frau aushalten lässt, und davon, was er eigentlich am liebsten tun würde. Bis ihm der Hypnotiseur Erfolg befiehlt. Der wird sich einstellen, aber dazu muss Arthur, müssen auch alle anderen ein Opfer bringen: Er verlässt seine Mittelmäßigkeit, seine oberflächliche Zufriedenheit, seine Familie und lässt sich erst Jahre später wieder blicken. Erfolgreich.

Zeitsprung: Martin ist inzwischen erwachsen und Priester geworden. Obwohl er ansonsten die besten Voraussetzungen dafür mitbringt, fehlt ihm die allerwichtigste: Der Glaube. Der zielstrebige, doch immer wieder von geistigen Störungen heimgesuchte Eric ist Finanzberater geworden. Ihm fehlt ebenfalls das Allerwichtigste, nämlich das Geld seiner Kunden, das diversen Spekulationen zum Opfer gefallen ist. Ob er deshalb täglich einen unguten Medikamentencocktail zu sich nimmt oder aufgrund seiner Wahrnehmungsstörungen, mit denen er schon früher zu kämpfen hatte, und ob diese sich wiederum verstärken durch die vielen Aufputsch- und Beruhigungsmittel, ist nicht ganz klar. Ganz klar ist vor allem Eric nicht mehr, der seine Umgebung immer weniger versteht, weil sich für ihn Vorstellung und Realität immer mehr vermischen. Schließlich Iwan, der sich früh für Kunst (bezeichnenderweise vor allem für Trompe-l’Œils) interessierte und folgerichtig Kunst studiert hat. Aber nach einer weiteren Begegnung mit dem Hypnotiseur erkennt Iwan, dass er als Künstler mittelmäßig bliebe und wendet sich seinem größten Talent zu: der Fälschung. Übrigens mit dem Einverständnis des Künstlers, dessen Œuvre er nicht einfach kopiert, sondern ihm eine neue Dimension, neue Werke hinzufügt (Beltracchi lässt grüßen, sogar der Max-Ernst-Experte kommt im Roman vor).

Ein einziger heißer Sommertag im August 2008, der von den drei Brüdern ganz unterschiedlich erlebt wird. Ein Heuchler, ein Betrüger und ein Fälscher, dazu ein Vater, der keiner ist, sondern Bücher schreibt, die Menschen an sich selbst verzweifeln lassen und in den Suizid treiben (Werther-Effekt), Krimis, deren Lösung so versteckt sind, dass man sie nicht findet, seine Familiengeschichte erzählt, obwohl er doch nichts von seinen Vorfahren weiß. Alles erfunden, alles Spielerei, Betrug?

Es gibt viele spannende Motive, mit denen der ausgezeichnete Erzähler Kehlmann spielt. Da ist die Verkettung verschiedener Geschichten, Handlungsstränge, die am Ende alle miteinander zusammenhängen und -wirken, schon in Ruhm wunderbar vorgeführt, hier zur Meisterschaft getrieben. Sehr interessant auch das Doppelgängermotiv, Zwillinge, die einander so sehr ähneln, dass nicht einmal das Schicksal sie auseinanderhalten kann, die sich manchmal selbst nicht auseinanderhalten können, weil sie das Gleiche denken oder in die Träume des anderen geraten. Ihre Namen, Eric und Iwan, nach den Rittern der Tafelrunde wie ihr Vater Arthur (Artus? Ist das Streben nach Erfolg dann die Gralssuche?) sagt. Das Motiv des ewigen Wanderers, das sich in der Familiengeschichte verbirgt als ururalter Vorfahr. Der Teufel taucht auf und ein möglicher Weg, der in die Hölle führen könnte. Das fast schon zu verspielte Motiv des Wahnsinns, der in der Dachkammer lauert (wir kennen das beispielsweise aus Jane Eyre, jene mad woman in the attic, Rochesters wahnsinnig gewordene erste Frau, die auf dem Dachboden versteckt gehalten wird) und auf dieses „nicht ganz richtig im Oberstübchen“ anspielt, mit dem sich Eric plagen muss. Witzig, wenn man schon andere Bücher von Kehlmann gelesen hat, ist auch die Begegnung mit zwei seiner Romanfiguren aus Ich und Kaminski (besagter Kaminski, ein Künstler, und der Romanerzähler Sebastian Zöllner, hier wie dort Kunstjournalist und wieder auf der Suche nach einem Scoop).

Man hat dem Roman bzw. Kehlmann allerlei vorgeworfen: Er sei zu sehr konzentriert auf die verketteten Handlungsstränge, zu verspielt in all seinen Anspielungen, literarischen wie aktuellen (Finanzkrise, Fälscherskandal etc.), die Figuren wirkten zu konstruiert, nicht lebendig undsoweiterundsofort. Kann ich, auch nach zweitem Lesen, nicht bestätigen. Unscharf bleibt tatsächlich Arthur, aber das liegt (logischerweise) daran, dass er sich ständig allen entzieht. Angemessen verwirrend wirkt der durchgeknallte Eric. Martin und Iwan empfand ich durchaus als „rund“ und nachvollziehbar. Interessant sind sie alle auf ihre Weise. Spannend beim Lesen ist es, wie sich der höllisch heiße Tag aus unterschiedlichen Perspektiven auf seinen Höhepunkt hinarbeitet, wie scheinbare Zufälle und wunderliche Begegnungen das Ihre zu dem – tja, schicksalhaften? – Geschehen beitragen. Ich habe die Geschichten, die Motive und Anspielungen sehr genossen. Beim zweiten Mal genau wie beim ersten. Dann natürlich mit dem Wissen um den Ausgang und der spannenden und ganz bewussten Suche nach Hinweisen, Verstrickungen und Anspielungen. Auch nach dem zweiten Lesen bleibt mein Fazit: Ein toller, stimmiger Roman, den ich wärmstens empfehle!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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24 Antworten zu F

  1. Ich habe F auch sehr gerne gelesen. Im allgemeinen wirft man Kehlmann vor, sehr konstruierte Geschichten zu schreiben. Ich halte von diesen Vorwürfen nichts, da ich denke, dass jede Geschichte irgendwie konstruiert ist. Es sind eben Geschichten. Für mich waren die Figuren stimmig und die Geschichte vielschichtig.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Mir geht es wie dir, das Argument „zu konstruiert“ lasse ich auch nicht gelten, denn jeder Roman muss ja konstruiert werden, wenn er kein Zufallsprodukt ist. Es geht dann eher um die Frage, wie gut diese „Konstruktion“ ist, im positiven Sinne wird dann gern von „Komposition“ gesprochen ; ) Und ist es nicht so, dass manche Geschichte aus dem wahren Leben, würde jemand sich die Mühe machen, sie aufzuschreiben, sich ganz „konstruiert“, unwahrscheinlich lesen würde? Ein gutes Beispiel dafür ist der stark autobiographische Roman Frühes Versprechen von Romain Gary (https://phileablog.wordpress.com/2012/11/07/fruhes-versprechen/). Liebe Grüße!

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Petra,

    danke für diese fantastische Besprechung, die Lust darauf macht, das Buch aufzuschlagen und zu lesen.🙂

    Liebe Grüße
    Mara

  3. literallywriting schreibt:

    Vielen Dank – ich überlege schon seit einiger Zeit, dieses Buch zu kaufen…

  4. haushundhirschblog schreibt:

    Eine hervorragende Besprechung, liebe Petra! Klasse!
    Und vielen Dank dafür,
    dm und mb
    (Wir haben schon einige Rezensionen dazu gelesen … Deine steckt auf eine besondere Weise an, das Buch unbedingt lesen zu wollen!)

  5. birtheslesezeit schreibt:

    Danke für diese Rezension. War mir bei „F“ lange unsicher, ob ich es auf meine Wunschliste setzen soll – Der Titel ist so wenig aussagekräftig😉. Nun landet es definitiv dort, um bei Geburtstagen o.ä. hoffentilch bald den Standort wechselt😉. LG

  6. chapitreonze schreibt:

    Grrr It doesn’t exist in french yet !

  7. Alexander schreibt:

    Hm… Danke! Ich war ebenso sehr unsicher ob ich es wohl lesen sollte oder eher nicht. Werde es mir nun mal bald zur Hand nehmen. Lieber Gruß!

  8. Miss Booleana schreibt:

    Ich war ja schon vorher sehr gespannt auf das Buch (dessen Optik und Klappentext und Autor ja gar nichts verrät😦 ), aber spätestens jetzt muss ich es lesen. Danke für den Einblick.
    Habe übrigens gerade im Radio bei Fritz gehört, dass du für ein Interview bei Trackback vorgeschlagen wurdest.🙂

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  12. Valeat schreibt:

    Gratulation für diese vortreffliche Rezension, liebe Petra! Du hast mir neue interessante Aspekte von F aufgedeckt. Vielen Dank, sagt Ben von Valeat.

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