Codex Seraphinianus

Seit meinem Geburtstag bin ich glückliche Besitzerin des Codex Seraphinianus: ein großes, dickes und vor allem wunderschönes Buch des italienischen Künstlers Luigi Serafini mit unlesbarem Text und überraschenden Illustrationen. Klingt schräg? Ist es auch! Beim Betrachten des Bandes meint man, eine Enzyklopädie aus einem Paralleluniversum in der Hand zu halten.

Zum ersten Mal las ich über den Codex Seraphinianus auf Twitter, wo ich @brainpicker folge. Unter diesem Account twittert die wunderbare Maria Popova von brainpickings.org über allerley Herrlichkeiten aus der Welt der Bücher, so auch über besagten Codex. Meinem Liebsten konnte ich meine Begeisterung kaum verhehlen und so überraschte er mich mit diesem großartigen Geschenk – ich bin hingerissen!

Zu sehen sind unter anderem exotische Pflanzen, die außer Blüten auch Scheren und anderes Werkzeug ausbilden, weitere Gewächse, die in Stuhlform wachsen, sodass man sie nur fällen und ein paar Zweige entfernen muss, um eine neue Sitzgelegenheit zu bekommen. Dazu merkwürdige Tiere und menschenähnliche Lebewesen, die allerdings beispielsweise statt eines Kopfes einen Regenschirm auf ihren Beinen tragen, Bäume, deren Wurzeln vom Zeichner so viel Aufmerksamkeit erfahren, wie üblicherweise die Baumkronen in uns bekannten Botanikbüchern. Ich glaube, wenn ich in diesem Buch blättere, lächle ich am Stück, etwa über die ungewöhnliche Erklärung, wie Marienkäfer entstehen. All diese phantasievollen Merkwürdigkeiten sind liebevoll gezeichnet und geradezu bewusstseinserweiternd. Ich beginne schon selbst, ganz normale Gegenstände gedanklich in neue Kontexte zu bringen. Serafinis Codex ist ansteckend!

Erstellt zwischen 1976 und 1978 erschien der Codex schon 1981. Jetzt ist eine neue Ausgabe im Rizzoli Verlag veröffentlicht worden. Ich habe die „englische Ausgabe“; ich setze das in Anführungszeichen, weil es eigentlich unerheblich ist, denn wie schon erwähnt, kann man das Buch nicht lesen. Doch halt, am Ende des Codex findet sich in einer kleinen Tasche der Decodex mit einem Text des Autors zu seinem Werk in verschiedenen Sprachen, auch auf Deutsch. Darin schreibt Serafini, wie es zu der Schrift/Sprache kam, die er im Codex verwendet. Es begann damit, dass er eine dier ungewöhnlichen Figuren zeichnete und über eine Bildunterschrift nachdachte:

„Aber was sollte ich einfügen und vor allem: In welcher Sprache? Man weiß, dass für uns – stellt man einem Bild einen Text zur Seite – eine Art Sinn entsteht, auch wenn wir das eine oder den anderen nicht verstehen. Erinnert der Leser sich? Als wir klein waren, blätterten wir in bebilderten Büchern, taten so, als ob wir lesen könnten und erzählten den Erwachsenen erfundene Geschichten. Wer weiß, dachte ich, vielleicht könnte uns eine unentzifferbare, außerirdische Sprache dazu verhelfen, diese Gefühle aus unserer Kindheit erneut zu erfahren.“ [Decodex, S. 13]

Seine Schrift nennt Serafini „Eine Schrift, die den Traum vieler anderer Schriften enthielt“ und vergleicht sein Schreiben in dieser Schrift mit den Erfahrungen beim automatischen Schreiben. Decodiert wurde sie wohl bislang nicht, vielleicht gibt es auch nichts zu decodieren, weil kein System dahinter steckt. Aber das Zahlensystem ist, laut Wikipedia, wohl geknackt worden …  Doch im Grunde ist das unwichtig für die Erfahrung, die man beim „Lesen“, Betrachten des Codex hat. Fast will ich ihn gar nicht enträtselt haben, von mir aus darf er weiterhin geheimnisvoll und spannend bleiben.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Codex Seraphinianus

  1. Petra Wiemann schreibt:

    Deine Beschreibung klingt ja wunderbar, liebe Petra! Da musste ich gleich den Links folgen und in Bildern schwelgen.

  2. Maren Wulf schreibt:

    Wunderbar! Das glaube ich unbedingt, dass diese Art zu sehen ansteckend ist.

  3. saetzebirgit schreibt:

    Schon Deine Beschreibung klang verlockend, der Link: Genial. Wie gut, dass ich noch einen Geburtstagswunsch frei habe – das Buch scheint auch was für mich zu sein.

  4. puzzleblume schreibt:

    Dann gratuliere ich zu beidem recht herzlich 🙂

  5. nweiss2013 schreibt:

    Das klingt spannend! Und der Empfehlung des Voynich-Manuskripts kann ich mich nur anschließen.
    Herzlichen Glückwunsch nachträglich, liebe Petra.

  6. juttabaltes schreibt:

    Toll! – Danke für Eure Hinweise. Was für eine Entdeckung!

  7. Stefan schreibt:

    Da gratuliere ich Dir nachträglich, liebe Petra, zum Geburtstag und zum Geschenk. Danke für Deine Beschreibung die so angenehm ansteckend ist 🙂 und jetzt auf meiner Liste steht.
    Liebe Grüße
    Stefan

  8. dasgrauesofa schreibt:

    Liebe Petra,
    auch von mir herzliche Glückwünsche nachträglich – zum Geburtstag natürlich, zum sehr beeindruckenden Buch (der Link hat ja aufs wunderbarste verdeutlicht, warum Du so begeistert bist) – und zu dem tollen Mann, der mit großem Ohr Wünsche wahrnimmt und sie verwirklicht!
    Viele Grüße, Claudia

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