Eine Dosis Shakespeare: Übersetzungen

ShakespeareÜbersetzungen, die absichtlich oder nicht den Originaltext verändern, stellen eine Gefahr für den Text – und im Weiteren auch für das Renommee des Autors dar. Die Leserschaft, die der Übersetzung vertraut, macht sich ein schiefes Bild vom Original, die Kritik macht selten einen Unterschied zwischen Original und Übersetzung und ohne der Originalsprache mächtig zu sein, ist man nicht in der Lage, die wahre Qualität eines Textes und damit die Meisterschaft des Autors zu würdigen. In meinem „Work in progress“ Die Gefahren des Lesens zeigt das Beispiel der Shakespeare-Rezeption bzw. der frühen Übersetzungen die Herausforderungen, denen Übersetzer bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind, sowie die Einflussnahme der Kritik und der herrschenden Moden auf die Rezeptionsgeschichte.

William Shakespeares stellte bereits seine ersten Übersetzer vor enorme Herausforderungen. Sein Einfallsreichtum, seine Sprachgewandtheit und seine sprachliche Innovationskraft ließen sich nicht ohne Weiteres ins Deutsche übersetzen. Laut Wikipedia finden sich viele englische Begriffe überhaupt erstmals bei ihm, zum Beispiel multitudinous, accommodation, premeditated, assassination, submerged oder obscene. Dies mag erklären, warum die ersten Übertragungen ins Deutsche noch nicht zu den besten gehörten und sich erst nach und nach gute Übersetzungen aus den vorangegangenen (und ihren Fehlern) ergeben haben. Die besondere Leistung der frühen Übersetzer liegt jedoch darin, sich überhaupt mit Shakespeare befasst und den Grundstein für die folgenden Verbesserungen sowie für eine positive Wende in der Shakespeare-Rezeption in Deutschland gelegt zu haben. Denn Shakespeare stand anfangs keineswegs international unter Genieverdacht.

Vor dem 18. Jahrhundert gelangten Shakespeares Texte über Umwege zum deutschsprachigen (Lese)Publikum. Zum einen über die Aufführungen von Wanderbühnen, die recht locker mit seinen Stoffen umgingen, indem sie beispielsweise das Ende schönten, weswegen die Dramen inhaltlich oft nur noch wenig mit dem Original zu tun hatten. Zum anderen erhielten interessierte Leser Shakespeare-Texte meist aus zweiter Hand und zwar übersetzt aus dem Französischen. Dieser Umweg hatte anachronistische Konsequenzen. Denn Shakespeares Texte passten natürlich nicht zu aristotelischer Poetik und den Theorien des französischen Klassizismus, an denen sich der Wert einer Dichtung, auch für deutschsprachige, lange Zeit bemaß: Einheit von Ort, Zeit und Handlung, Sittlichkeit, keine Vermischung von komischen mit tragischen Elementen, keine neuen Personen nach dem ersten Akt – diese und weitere Regeln schnürten ein zu enges Korsett für Shakespeares Texte (noch dazu eines, das ihm seine eigene Zeit nie angelegt hatte). Also bearbeitete man sie.

Was den Anhängern des klassizistischen Regeldramas wie ein großes Durcheinander vorkam, war für die Zuschauer zu Shakespeares Zeiten kein Problem gewesen. Auch bot die elisabethanische Bühne Möglichkeiten, die spätere Bühnengegebenheiten nicht mehr zuließen – und ihnen mussten sich die Stücke beugen:

„Die Verengung der sozialen Zusammensetzung des Publikums in den Privattheatern auf die Oberschicht, wie die Veränderungen von Bühnenform und -technik hinterlassen ihre Spuren auch in den Inhalten. Ohne den hautnahen Kontakt der Plattformbühne wurden die spezifischen shakespeareschen Narrenrollen obsolet, kamen doch die Sprüche der weisen Spaßmacher und ihr intimes Anbändeln mit den Zuschauern nicht über die Rampe der sich entwickelnden Guckkastenbühne“. [Steiger, Klaus Peter: Die Geschichte der Shakespeare Rezeption, S. 61f.]

Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte allmählich ein Umdenken ein. Caspar Wilhelm von Borck legte 1741 den Julius Cäsar in deutscher Sprache vor – zwar in Alexandrinern, aber immerhin bot er eine Möglichkeit, Shakespeare aus direkter Übersetzung auf Deutsch zu lesen. Borck wusste offenbar, was er sich damit traute, denn es klingt, als habe er sich dafür entschuldigen wollen, wenn man in seiner Vorrede liest, die Übersetzung sei „aus einer müßigen Feder geflossen“ und er habe sie „aus blossem Vorwitz unternommen“. Etwaigen Angriffen auf seine Person wollte er wohl den Wind aus den Segeln nehmen mit dem Zugeständnis:

„Er verstehet nicht die Gesetze der Schau-Bühne, und will deshalb zur Entschuldigung dieses Trauer-Spiels bey keinem Menschen nur ein eintziges gutes Wort verlieren.“ [Borck, Caspar Wilhelm v.: „Vorrede zu seiner Übersetzung des ‚Julius Cäsar‘“ in: Die Entdeckung Shakespeares. Deutsche Zeugnisse des 18. Jahrhunderts, hg. v. Hans Wolffheim, S. 92.]

Genützt hat es ihm wenig, denn Johann Christoph Gottsched, damals die Kapazität für Literatur- und Theatertheoretisches, zog zu Felde. Teilweise gegen Borck, aber vor allem gegen Shakespeare und seinen Julius Caesar, den er ‚unordentlich‘, ‚unwahrscheinlich‘, ja gar ‚läppischt‘ fand. Gottsched glaubte an die Aufgabe der Poesie als Erzieherin in Sachen Sitte und Moral. Er selbst wandelte, wenn es ihm nötig schien, Originaltexte für die Bühne ab, um sie seinem Ideal, der französischen Bühne, anzugleichen. So empfahl er dem tapferen Borck grantig, „wenn er, wie er drohet, noch mehr übersetzen“ wolle, solle er das nächste Mal „bessere Urschriften“ dafür aussuchen. [Gottsched, Johann Christoph: „Über Schakespear und seinen ‚Julius Cäsar‘“ in Die Entdeckung Shakespeares, S. 92.]

Johan Elias Schlegel war da schon liberaler und empfahl Shakespeare immerhin allen, „die alte Poeten lieben, wo mehr selbstwachsender Geist als Regeln herrschen, und die sich nicht abschrecken lassen, etwas rauhes zu lesen, und die Tugenden eines Poeten zu bewundern wissen, ohne seine Fehler hochzuachten“. [Schlegel, Johann Elias: „Vergleichung Shakespears und Andreas Gryphs“ in Shakespeare-Rezeption, I. Ausgewählte Texte von 1741 bis 1788, hg. v. Hansjürgen Blinn, S. 61.]

Nach einigem Hin und Her zeichnete sich eine positivere Haltung zu Shakespeares „Regelwidrigkeiten“ ab. In seinem 17. Literaturbrief von 1759 attackierte Gotthold Ephraim Lessing den Kritiker Gottsched und dessen Orientierung am französischen Theater, da sie die Entwicklung eines eigenständigen deutschen Theaters verhindert hätte. Das englische Drama, besonders das Shakespeares, entspräche dem deutschen Geschmack wesentlich mehr. Dennoch hielt auch Lessing ‚einige bescheidene Veränderungen‘ bei der Übersetzung für angebracht. [Lessing, Gotthold Ephraim: „Briefe, die neueste Litteratur betreffend. 17. Brief“ in Shakespeare-Rezeption, S. 70f.]

Mit weiteren Übersetzungen durch Christoph Martin Wieland (noch zensierend und Verse auslassend), Johann Joachim Eschenburg (vollständig, in Prosa und etwas nüchtern im Ton) und selbstverständlich mit der Übersetzung in Versform durch August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck, Wolf Graf Baudissin und Dorothea, Tiecks Tochter, wurde Shakespeare den Deutschen immer vertrauter. Die Stürmer-und-Dränger, besonders Goethe, sprachen sich enthusiastisch für den elisabethanischen Dichter aus. Er wurde glorifiziert und als Genie verehrt, das sich keinen Regeln zu beugen brauchte. Als leichten Rückfall nach dem Begeisterungssturm und -drang könnte man die Bearbeitungen der Shakespeare-Dramen werten, die Schiller und Goethe für die Weimarer Bühne vornahmen, die ihren praktischen Erfahrungen mit den veränderten Bühnengegebenheiten geschuldet waren. Dennoch ist Shakespeare bis heute einer der meistgespielten Autoren in deutschen Theatern.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch, an dem ich aktuell arbeite, Arbeitstitel: Die Gefahren des Lesens – Essays zu Risiken und Nebenwirkungen.

Über Petra Gust-Kazakos

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13 Antworten zu Eine Dosis Shakespeare: Übersetzungen

  1. Susanne Haun schreibt:

    Danke für den Ausblick in dein neues Buch, Petra. Ich habe den Text mit Freude gelesen und erwarte nun mit Spannung dein Buch.
    Ein schönen restlichen Karfreitag von Susanne

  2. dasgrauesofa schreibt:

    Liebe Petra,
    das ist ja spannend, was Du hier über die Wege und Umwege der Shakespeare-Übersetzungen schreibst, denn heute sind (gute) Übersetzungen ja ziemlich selbstverständlich. Und dass Shakespeare auch mal nicht als Genie gesehen wurde, ist ja kaum vorstellbar. Gerade beim Nachdenken über Elmigers Roman habe ich mich gefragt, was ich denn so an ihrem Text vermisse: Es ist die Geschichte, es sind die Nöte und Konflikte der handelnden Personen. Das muss ja nicht immer unbedingt shakespeare´sches Ausmaß annehmen, vielleicht bin ich aber nur furchtbar altmodisch. – Und der Ausblick auf Dein neues Buch ist ja auch vielversprechend :-).
    Noch einmal: Schöne Feiertrage, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieben Dank für deinen Kommentar! Ja, für uns heute ist das wirklich kaum vorstellbar, dass Shakespeares Schaffen nicht immer schon gewürdigt wurde. Aber die literarischen – oder damals eben von der Bühne und den völlig anderen Gegebenheiten (im Unterschied zur denen der sehr eigenen elisabethanischen Bühne) – Moden und die damit zusammenhängenden Erwartungen haben es Shakespeare anfangs sehr schwer gemacht. Man muss schon sehr offen sein für andere oder neue Entwicklungen, wenn man Entdeckungen machen möchte, die sich jenseits dieser Moden bewegen. Vielleicht ist die heutige Leserschaft da freier in ihrer Wahl. Liebe Grüße!

  3. puzzleblume schreibt:

    Sehr anregend.

  4. Stefan schreibt:

    Ein anregendes Thema, liebe Petra. Guten Übersetzern sollte viel mehr Aufmerksamkeit gegeben werden. Mir fallen spontan Swetlana Geier und Harry Rowohlt, für die Russische Literatur, ein. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es im 18. Jahrhundert auch schon deutsche Shakespeare-Übersetzungen von Wieland. Doch die Schlegel-Tieck-Übersetzungen sind zeitlos, wie sie auch immer wieder auf Deutschen Bühnen aufgeführt werden. Einzelne Moderne Übersetzungen wie z.B. von Handtke (Wintermärchen) gefallen mir auch gut. Und dann gab es noch meiner Erinnerung nach Hans Rothe, der Shakespeare im frühen 20. Jahrhundert recht modern übersetzte und sich dafür als Autor, Urheber die Tantiemen bezahlen ließ.
    Ich freue mich auf weitere Auszüge und drücke Dir für Dein Buch-Projekt die Daumen.
    Herzliche Grüße
    Stefan

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Stefan, vielen Dank für deinen Kommentar : ) Ich glaube, es geht langsam (sehr langsam) ein wenig aufwärts für Übersetzer, immerhin werden sie heute schon deutlicher genannt, manchmal bereits außen am Buch, manchmal bekommen sie ein kleines Porträt im Innern wie der Autor. Ich hoffe, dass sich noch weitere Möglichkeiten finden lassen, ihre wichtige und wertvolle Aufgabe zu honorieren. Liebe Grüße & fröhliche Feiertage!

  5. Meine Buchtipps schreibt:

    Das klingt überaus interessant und auch wichtig.

    Eine meiner Lieblingsübersetzerinnen ist Gesine Schröder. Ich mag ihren Stil.
    Sie gibt dem Buch nochmals so eine Art Kick.

    Das es auch ganz anders geht, wurde mir bei Luchterhands Anna Karenina bewusst. Nicht nur, dass der Druck klein und unlesbar war, so war die Übersetzung derartig langwierig, das man mitten im Satz den Faden verlor.

    Ich finde Übersetzungen miss man genauso sorgfältig wählen und mit bedacht; das Buch steht somit in einer Fremdsprache des Autors und ist für Erfolg oder Misserfolg (mit)verantwortlich.

    Hast du Kontakt mit dem Shakespeare-„verein“, die ja in Harvard die Schriften studieren?

    Lg Petra

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Petra, das sehe ich auch so. Eine Übersetzung ist nun mal für alle, die der Originalsprache nicht mächtig sind, die einzige Möglichkeit, ein bestimmtes Buch zu lesen. Und wenn diese eine Chance durch eine hingeschlamperte Übersetzung zunichte gemacht wird, ist der Eindruck erst einmal weniger positiv. Mit dem Verein (welchen meinst du denn?) habe ich keinen Kontakt, aber viel Literatur von und zu Shakespeare – die Bibliothek als Wunderkammer und geistiges Laboratorium ; ) Liebe Grüße & fröhliche Feiertage!

      • Meine Buchtipps schreibt:

        Also zum einen kann ich das Buch „Seine Zeit – Sein Leben – Sein Werk“ von Hildegard Hammerschmidt-Hummel empfehlen und zum anderen hat der Shakespeare Verein irgendwas mit der Widener-Bibliothek in Harvard zu tun; genau weiß ich das nicht mehr.
        Es gibt aber in Stratford ein Shakespeare-Center; die können dir sicher weiterhelfen.

        Lg Petra

  6. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, sehr interessant, was Du uns über die Entwicklung von Shakespeares Übersetzungen erzählst. Auch wenn wir heute vielleicht nicht mehr ein ganz so enges Korsett gesellschaftlicher Normen haben, ziehe ich meinen Hut vor Übersetzern. Es ist keine leichte Aufgabe, die Wirkung eines literarischen Textes auch nur annähernd zu übertragen.Englische Bücher lese ich seit vielen Jahren nur noch im Original, aber bei anderen Sprachen bin ich auf die Wortgewandtheit der Übersetzer angewiesen. Besonders schwierig ist das natürlich bei Büchern, die in einer anderen Zeit geschrieben wurden, wie Shakespeare, oder in einer anderen Kultur. Ich habe auf unserer Reise durch China die englische Übersetzung des chinesischen Epos „Three Kingdoms“ gelesen. Die blumige chinesische Sprache wirkte in der englischen Übersetzung geradezu albern. Liebe Grüße, Peggy

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh ja, liebe Peggy, gute Übersetzerinnen und Übersetzer sind wirklich Gold wert! Englische Bücher lese ich mal übersetzt, mal im Original (letzteres in den letzten Jahren immer öfter). Obwohl ich auch schon viele außergewöhnlich gute Übersetzungen las, ist es doch noch mal etwas anderes, das Original zu lesen. aber in Sprachen wie Spanisch etc. ist mir das ja leider nicht möglich. Umso glücklicher bin ich über die Leistung der Übersetzerinnen und Übersetzer. Man kann sie gar nicht genug loben, zumindest die guten ; ) Liebe Grüße!

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