Eine Dosis Shakespeare: Bearbeitungen

ShakespeareWährend Übersetzungen nicht unbedingt absichtlich einem Text schaden, indem sie ihn verfälschen, kann diese Entschuldigung für Bearbeitungen nicht gelten. Natürlich gibt es Gründe, die eine Bearbeitung rechtfertigen, beispielsweise um Klassiker schon für ganz junge Leser zugänglicher zu machen. Werden jedoch Texte für Erwachsene bearbeitet, kann dies als Form von Zensur gewertet werden. Schließlich wird der Leserschaft damit die Mündigkeit abgesprochen, selbst über einen Text zu urteilen – durch Leser, die mit seiner Aussage, seinem Stil, seiner Form oder seiner Handlung nicht einverstanden waren. In meinem „Work in Progress“ Die Gefahren des Lesens befasse ich mich mit Bearbeitungen; hier findet sich auch ein Abschnitt zu einer Shakespeare-Bearbeitung.

Veränderungen waren Shakespeares Texte jedoch nicht nur durch Übersetzungen ausgesetzt. Selbst im eigenen Land, in der eigenen Sprache fanden sich Eiferer, die gegen gewisse Textstellen bei Shakespeare zu Felde rückten. Alexander Pechmann beschreibt in seinem Haus des Bücherdiebs, wie Shakespeares Texte im England des 18. Jahrhunderts familienkompatibel gemacht wurden: Henrietta Bowdler, der ihr Vater als Kind aus Shakespeares Dramen vorgelesen hatte, nicht ohne manche Stellen auszulassen, war einigermaßen erschüttert, als sie alt genug war, um die Texte selbst zu lesen. Die Fassung ihres Vaters hatte ihr offenbar besser gefallen, da sie beschloss, Shakespeares Texte zu säubern. 1807 kam ihr „Familien-Shakespeare“ heraus. Allerdings unter dem Namen ihres Bruders Thomas, da sich eine anständige Frau eigentlich nicht mit anstößigen Texten befassen sollte. 1815 erschien eine weiter bearbeitete Ausgabe. „Die züchtige und jugendfreie Shakespeare-Version verkaufte sich gut und erlebte etliche Neuauflagen“, schreibt Pechmann. Die Bemühungen der tugendhaften Bearbeiterin brachten der englischen Sprache sogar ein neues Wort: „to bowdlerize“ lässt sich übersetzen mit „einen Text bereinigen“ oder „zensieren“.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch, an dem ich aktuell arbeite, Arbeitstitel: Die Gefahren des Lesens – Essays zu Risiken und Nebenwirkungen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Eine Dosis Shakespeare: Bearbeitungen

  1. puzzleblume schreibt:

    Da wir heute ja Ostern haben, ist es naheliegend, durch deinen Shakespeare-Betrag auch an die zahlreichen Bearbeitungen und Aufbereitungen der Bibel zu denken.

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