Eine Dosis Shakespeare: Wie man einen Autor wegdiskutiert

ShakespeareWar er’s oder war’s ein anderer oder waren es mehrere zusammen? Auch in meinem „Work in Progress“ Die Gefahren des Lesens befasse ich mich mit den Zweiflern an Shakespeare. Denn an der Autorschaft oder gar der Existenz eines Schriftstellers zu zweifeln, stellt ganz sicher eine Form der Gefahr dar, die – wie Übersetzungen, Bearbeitungen, Zensur und viele weitere ihren Ursprung darin haben, zu lesen und sich Gedanken über das Gelesene und den Autor selbst zu machen.

Es gibt Autoren, die man herbeigeredet hat wie Hermes Trismegistos, von dem man bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts glaubte, es habe ihn wirklich gegeben und er sei der Autor der hermetischen Schriften. Allerdings erwies sich später, dass diese Schriften längst nicht so alt sind, wie man ursprünglich vermutete, also keine altägyptischen Weisheiten enthalten, sondern wohl in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten entstanden sind.

Aber es geht auch andersherum, indem man versucht, einen Autor weg zu diskutieren. So ergeht es immer wieder William Shakespeare. Und es findet sich kaum ein Sommerloch, das nicht mit neuesten Erkenntnissen zur wahren Urheberschaft der shakespeareschen Werke gefüllt wird. Das Anzweifeln der Autorschaft, noch dazu posthum, wirkt gegenüber einer konkreten Bedrohung lebender Autoren harmlos. Und doch: Eine Lebensleistung wird niedergeredet, der Autor diffamiert. Was soll von ihm bleiben, wenn er seine Texte angeblich gar nicht geschrieben hat?

Ich weiß, dass ich nichts weiß – das ist zwar nicht von Shakespeare, passt aber ganz gut zur Wissenslage über den großen englischen Dichter. Denn in der Tat ist wenig belegt, was wir über ihn zu wissen glauben. Daher gefiel mir Bill Brysons handliche und sich Spekulationen möglichst enthaltende Biographie Shakespeare. The World as a Stage besonders gut. Er verdichtet das Wenige, das man weiß und wissen kann über Shakespeare, seine Kollegen, die Theatersituation und allgemein über die Verhältnisse im elisabethanischen und jakobinischen England, zu einer handlichen Einführung.

Doch dieses Wenige hat über die Jahre immer wieder dazu geführt, dass sich Zweifler an der Verfasserschaft Shakespeares zu Wort meldeten. Vorangegangen war eine Phase der Shakespeare-Begeisterung, ein Geniekult entwickelte sich im 18. Jahrhundert um den Dichter. Wie Andreas Höfele in seinem lesenswerten Aufsatz „‘The happy hunting-ground‘: Shakespearekult und Verfasserschaftstheorien“ schreibt, ist die Geschichte seines Aufstiegs die „eines Paradigmenwechsels, der die Vorstellung davon, was ein Autor ist, gründlich verändert. Haupterkennungszeichen dieses neuen Autors ist seine Originalität, schon in Edward Youngs Conjectures on Original Composition (1759) in ein zirkuläres Begründungsverhältnis gerückt zum Besitzrecht des Urhebers an seinem Werk.“ Dies ist allerdings paradox bzw. wieder anachronistisch, wie Höfele weiter ausführt, denn ein „Urheberrecht für Autoren war in seiner Zeit unbekannt. Ganz gegen die Vorstellung vom voraussetzungslosen, nur aus sich selbst schöpfenden Genie ist die Originalität Shakespeares eine, die stets auf bereits vorliegende Texte baut.“ Und was die Verfasserschaft angeht, so habe Shakespeare nicht nur selbst, sondern auch im Kollektiv mit anderen Autoren geschrieben, wie es seinerzeit üblich war. Erst die (meist vergebliche) Suche seiner Anhänger nach „Lebenszeugnissen“ habe aus Shakespeare ein Geheimnis gemacht – und möglicherweise den Weg geebnet für die Zweifler.

Interessant ist der Hinweis Höfeles darauf, dass die „Hoch-Zeit der Verfasserschaftskontroverse“ in die „Blütezeit des klassischen Detektivromans“ fällt und vor allem, dass es sich dabei – insbesondere bei den ersten Zweiflern – nicht um Literaturwissenschaftler oder Historiker, sondern um Amateure gehandelt habe, die sich selbst zu Shakespeare-Experten aufschwangen.

Der erste, öffentliche Zweifler war ein Anwalt. Die nächste, öffentlich stark wahrgenommene Zweiflerin eine Pfarrerstochter, die später in eine Irrenanstalt kam. Delia Bacon sprach sich übrigens für Francis Bacon als wahren Autor aus, vielleicht wegen der Namensgleichheit. Andere waren für Christopher Marlowe, diverse Earls – der bekannteste vielleicht Edward de Vere – sowie eine Menge (etwa 50) weiterer berühmter Persönlichkeiten bis hin zu Königin Elisabeth I. höchstselbst. Nach Bryson beläuft sich die Zahl der publizierten Bücher, in denen behauptet wird, Shakespeare habe seine Stücke nicht selbst geschrieben, auf mehr als sage und schreibe 5.000.

Und es kommt immer noch etwas dazu. 2011 erschien Roland Emmerichs Film „Anonymous“, der suggeriert, Edward de Vere habe in Wahrheit Shakespeares Werke geschrieben. Im gleichen Jahr schrieb Peter von Becker in seiner Rezension „Seins oder nicht seins“ (geniale Überschrift, by the way) auf Zeit online über eine Studie von Bastian Conrad, der die These vertritt, dass Christopher Marlowe Shakespeares Werke verfasst habe: „Zwar soll Marlowe 1593 bei einem Streit durch einen Messerstich ums Leben gekommen sein. Doch Conrad behauptet, der historisch beglaubigte Geheimagent Marlowe, ein gebildeter, sprachgewandter Bursche, sei vom Hof Elizabeth I. nach einem Komplott gerettet und mit einer neuen Identität versehen worden – unter der Bedingung, dass er künftig als tot zu gelten habe und darum nur noch unter fremdem Namen publizieren dürfe.“

Besonders amüsant zu lesen ist in diesem Zusammenhang Umberto Ecos Satire „War Shakespeare zufällig Shakespeare?“ über Francis Bacon als möglichen Verfasser von Shakespeares Werken. Darin listet Eco zunächst die wichtigsten Titel zu dieser Debatte auf, darunter ein Schachbuch von Selenus Gustavus (eigentlich August II., Herzog zu Braunschweig-Wolfenbüttel) sowie ein Buch des Erfinders der Mengenlehre, Georg Cantor – um von da aus auf einen bizarren Pfad zu kommen: „Weniger bekannt ist die symmetrische Shakespeare-Bacon-Kontroverse.“ [Eco, Umberto: „War Shakespeare zufällig Shakespeare?“ in: Die Kunst des Bücherliebens, S, 177-186, S. 180.] Denn: Wie hätte Bacon, der ja schon damit beschäftigt war, Shakespeares Werke zu schreiben, auch noch die Zeit finden sollen, seine eigenen Werke zu verfassen? Wohl nur, „indem er die Mühen […] an jemand anderen delegierte“ – nämlich an Shakespeare.

Eco nennt acht Titel von Autoren, die diese These verfolgt hätten, darunter ebenfalls eines von Georg Cantor, nur dass im Titel „Bacon“ durch „Shakespeare“ ersetzt wurde sowie zwei von Ignatius Donelly, dem Atlantis-Finder und Shakespeare-Code-Knacker. Schließlich strudelt das Ganze in den folgerichtigen Unsinn zu fragen, ob die beiden womöglich von der Wiege an vertauscht worden seien, weswegen sich Shakespeare als Shakespeare begriff und Bacon als Bacon – was ja dann wohl auch stimmte. Die Folgerungen kulminieren in einer Bibliographie von Titeln, deren Autoren im Laufe der Debatte die Meinung geändert hätten, darunter das Werk eines gewissen C. Stopes, Fuck Shakespeare (and Bacon too)! Schöner als Eco kann man den blühenden Unsinn eigentlich kaum zusammenfassen. Was aber das Leben Shakespeares betrifft, das über das wenige Bekannte hinausgeht – nun: der Rest ist Schweigen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch, an dem ich aktuell arbeite, Arbeitstitel: Die Gefahren des Lesens – Essays zu Risiken und Nebenwirkungen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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15 Antworten zu Eine Dosis Shakespeare: Wie man einen Autor wegdiskutiert

  1. Trippmadam schreibt:

    Herrlich. Ich glaube, ich muss den Text von Eco unbedingt lesen.

  2. das A&O schreibt:

    Seins oder nicht Seins. Amüsant und unterhaltsam ist diese ganze Diskussion doch allemal ; ) Danke für deinen lockerfröhlichen Überblick zum „blühenden Unsinn“!

    Die letzte Folge von Viva Britannia befasste sich auch mit Mr. Stratford. Kennst du wahrscheinlich schon?

    Buchstabenbunte Ostergrüße
    das A&O

  3. nweiss2013 schreibt:

    Ganz wunderbar! Ich freue mich schon auf Dein Buch!

  4. haushundhirschblog schreibt:

    Das klingt hochspannend, liebe Petra, und – wie immer – ist auch dieser Artikel von Dir wieder so schön komplex, leseansteckend und anregend.
    Wir sind gespannt auf „Die Gefahren des Lesens“.
    Herzliche Grüße, dm und mb

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ganz herzlichen Dank, ihr Lieben, das freut mich sehr : ) Übrigens vermisste ich euch schon dieser Tage, ihr habt wohl ein bisschen geurlaubt? Ich hoffe, es war schön, erholsam etc.? Liebste Grüße!

  5. Corinna schreibt:

    „Die nächste, öffentlich stark wahrgenommene Zweiflerin eine Pfarrerstochter, die später in eine Irrenanstalt kam.“ – Ich bin ziemlich sicher, dass Herr S. sich darüber sehr amüsiert hätte 😉

  6. Meine Buchtipps schreibt:

    Ich glaube wir sollten uns mal weniger öffentlich unterhalten; das Thema gibt viel Raum her 🙂

    Lg Petra

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