The Orientalist

Ein junger Mann, der seinen Namen wechselt, dabei auch gleich die Geschichte seiner Herkunft abwandelt, aus Baku mit seinem Vater, einem Ölbaron, flieht und schließlich in Deutschland Schutz sucht, ein Mensch, der auch aufgrund seiner weltoffenen Erziehung und seiner Vielsprachigkeit in der Lage ist, sich überall einzufügen und zugleich den anderen als mysteriöser Mann, ein Prinz gar, aus dem Orient zu erscheinen, der in den wenigen Jahren seines Schaffens als Autor unheimlich produktiv ist und unzählige Artikel und eine Menge Bücher schreibt und um dessen berühmtestes Werk, den Roman Ali und Nino, sich eine Menge Legenden der vermeintlichen Autorschaft ranken – was für ein Forschungsfeld für einen Biographen! Was für eine Biographie!

In The Orientalist. Solving the mystery of a strange and dangerous life geht Tom Reiss den Lebensspuren des Lev Nussimbaum nach, der 1905 in Baku geboren wurde, und 1942 im italienischen Positano starb, seiner Endstation auf der Flucht vor den Nazis. Bei dieser Spurensuche erzählt Reiss nicht nur fesselnd von Levs wechselvollem Leben, abenteuerlichen Fluchten und der deutschen Literaturszene der 1920er und 30er Jahre, sondern vor allem auch von der Geschichte und politischen Lage, die die verschiedenen Länder prägten, in denen Lev sich zeitweise aufhielt.

Überhaupt, der Orient – damit verbinden sich allerley romantische Vorstellungen, ungefähr so: dunkel, schillernd exotisch, geheimnisvoll, abenteuerlich, vielleicht gefährlich … All diese Facetten finden wir auch tatsächlich in diesem Buch, allerdings ganz real auf damaligen politischen Ereignissen basierend, die nicht nur für Lev Nussimbaum das Leben, wie er es als Kind kannte, für immer auf den Kopf stellen sollten. Dabei sah Lev seine Heimat weiterhin eindeutig im Orient. Er idealisierte das einst so tolerante Baku, das eine kurze Blüte erlebte, bevor es ins Visier der Bolschewisten rückte. Mit seinem Vater musste er auf abenteuerliche Weise das Land verlassen, zweimal, einmal davon mit einer Kamelkarawane. Schon die Namen der Länder, Völker und Religionen klingen wie aus einem orientalischen Märchen – und oft, aus politischen Gründen, wie aus einer Schauergeschichte, brutal, blutig und für viele tödlich.

Wir erfahren, was Lev und andere Orientalisten seiner Zeit am Orient faszinierte, warum sie ihn zu einem Locus amoenus stilisierten, der so vielleicht nie existiert hat. Und wir erfahren, warum Lev zum Islam konvertierte und sich Essad Bey nannte. Unter diesem Namen sollte er als Autor bekannt werden. Doch sein berühmtestes Werk, Ali und Nino, das er unter dem Namen Kurban Said schrieb, und das zu einer Art Nationalepos für Aserbaidschan wurde, war lange anderen Autorinnen bzw. Autoren zugeschrieben worden.

Für seine Biographie hat Reiss mit den wenigen noch lebenden Zeitzeugen gesprochen und immer neues Material aufgespürt, um sich einem Mann zu nähern, der selbst alles dafür getan zu haben scheint, sein wirkliches Leben möglichst zu verschleiern. Dabei ist Reiss mehr als nur eine Biographie gelungen, darüberhinaus nämlich ein sehr lehrreiches Geschichtsbuch, das viele mir bislang unbekannte Informationen zu Asien, Europa und den USA sowie zu den diversen politischen Verwicklungen enthält. Absolut lesenswert! Der Roman Ali und Nino übrigens ebenfalls.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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16 Antworten zu The Orientalist

  1. andreabreuer schreibt:

    Das klingt ja spannend!

  2. zeilentiger schreibt:

    Wie witzig. Das Buch liegt auch auf meinem Rezensionsstapel (eher als Flanke zu Olivier Rolins „Letzte Tage in Baku“, das ich gerade lese).

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, das kenne ich nicht, dann bin ich ja gespannt, was du dazu schreibst : ) Ich hatte vor Jahren den wirklich schönen Roman Ali und Nino gelesen. Ein guter Freund hatte die Biographie des Autors gelesen und sehr davon geschwärmt – und sie mir zum Geburtstag geschenkt. Ich kann mich seinem Schwärmen nur anschließen!

  3. Trippmadam aka (Tía) Paulina schreibt:

    Das erinnert mich daran, dass ich endlich einmal Ali und Nino lesen muss.

  4. karu02 schreibt:

    Gleich mehrere Lesetipps auf einmal, danke dafür, alles unbekannt für mich bisher.

  5. Maren Wulf schreibt:

    Wie spannend! Die Zusammenhänge kannte ich gar nicht. „Ali und Nino“ habe ich vor Jahren mal gelesen, hat mir sehr gut gefallen. Liebe Grüße!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich bin auch erst durch meinen Freund darauf gekommen, ich hatte mir nie Gedanken um den Autor gemacht, mich nur gewundert, dass ich ansonsten noch nie von ihm gehört hatte. Liebe Grüße!

  6. haushundhirschblog schreibt:

    Ja, das klingt tatsächlich sehr spannend, liebe Petra. Auch uns sind beide Bücher nicht bekannt, aber Deine wunderbare Besprechung hat uns direkt fasziniert.
    Vielen Dank und herzliche Grüße von uns,
    mb und dm

  7. buecherliebhaberin schreibt:

    BAKU!! Seit meiner Lektüre „Melonenschale“ von Rada Biller (das wird/würde dir gefallen!!!) ist es für mich ein Synonym für den geheimnisvollen Orient. The Orientalist habe ich mir sofort notiert. Ich liebe Biografien und wenn sie dann noch so spannend und interessant daherkommen um so mehr.
    Herzlichen Dank an die Tippgeberin.

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