Über das Wiederlesen

Gust-Kazakos' Wellensittich

Nachdem ich neulich die Besprechung von Julian Barnes‘ Flauberts Papagei bei Juneautumn las, bekam ich allergrößte Lust, das Buch selbst noch einmal zu lesen. Zuletzt las ich es vor etwa 20 Jahren für ein Oberseminar zum Thema postmoderne Literatur. Ich wusste, dass ich das Buch damals großartig gefunden hatte, deshalb steht es bis heute im Regal bei meinen Favoriten. Und auch nun, beim Wiederlesen, finde ich es immer noch großartig. Allerdings möglicherweise aus anderen Gründen.

Pierre Bayard thematisiert in seinem lesenswerten Buch Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat das Phänomen, dass man ein Buch zwar gelesen hat, sich aber irgendwann nicht mehr so genau daran erinnert, nicht nur an das Wortwörtliche, sondern auch an den Inhalt, den Leseakt oder den Autor. Schon damals fielen mir beim Lesen seines Buchs spontan einige Beispiele dafür ein, aber auch genügend Gegenbeispiele. Es gibt Bücher, die kann ich noch stellenweise auswendig bzw. ich weiß genau, wann was passieren wird, und bin mit der Biographie der Schriftsteller vertraut (beispielsweise bei Rebecca, Wuthering Heights, Jane Eyre etc.). Aber bei Flaubert’s Parrot habe ich das Gefühl, ich läse es zum ersten Mal. Und das erstaunt mich sehr, denn es ist wirklich ein tolles Buch und damals war ich doch auch schon so begeistert davon – wie also konnte ich vergessen, warum genau ich das Buch so großartig gefunden hatte? Die vielen Anstreichungen und Anmerkungen im Roman zeugen außerdem davon, dass ich das Buch damals intensiv, wahrscheinlich mehrmals gelesen habe. Gut, zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, trotzdem …

Es geht mir mit Flaubert’s Parrot wie Montaigne, einem sehr vergesslichen Leser, den Bayard in seinem Buch als Beispiel heranzieht:

„Mein Gedächtnis pflegt mich derart im Stich zu lassen, daß ich schon mehrfach Bücher als mir neu und unbekannt in die Hand nahm, die ich einige Jahre zuvor sorgfältig gelesen und sogar mit Anmerkungen vollgekritzelt hatte.“ [Pierre Bayard: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat, S. 72f.]

Schon den Anfang von Flaubert’s Parrot las ich vermutlich anders als damals. In der Zwischenzeit nämlich hatte ich nicht nur einige Werke Flauberts gelesen, sondern auch viele der Orte besucht, von denen Barnes auf seiner Reise zu und rund um Flaubert spricht. Das ist möglicherweise nützlich bei der Lektüre, aber nicht nötig, da es auf die Qualität des Romans keine Auswirkungen hat, nur auf meine persönliche Vorstellungskraft, die dadurch etwas konkreter wird (was allerdings nicht besser sein muss, als sich komplett auf die eigene Fantasie zu verlassen). Dann immer wieder diese Sätze, so klug und wahr oder witzig und bissig, und an keinen einzigen von ihnen kann ich mich erinnern! Dabei haben mir vor 20 Jahren offenbar die gleichen Sätze gefallen, das entnehme ich zumindest den Anstreichungen und Anmerkungen von damals.

Was ich aber beim Lesen auf jeden Fall feststelle: Dieses Buch hat mich in meiner Wahrnehmung von und in meinen Ansichten zum Lesen von Biographien geprägt, denn viele dieser Sätze von Barnes könnten so oder ähnlich von mir kommen oder besser gesagt: sie entsprechen meiner Meinung. Immerhin das also ist mir von meiner einstigen Lektüre geblieben. Und nun weiß ich wenigstens wieder, woher es kommt. Auch hierzu hat Montaigne ganz ähnliche Erfahrungen gemacht:

„Was hiervon [den Büchern] haften blieb, erkenne ich nicht mehr als fremdes Gut – ich behalte es einfach als die Gedanken und Vorstellungen, die mein Geist eingesogen und so für sich genutzt hat.“ [S. 71f.]

Eine Besprechung des Romans gibt es heute noch nicht, ich bin nämlich noch nicht ganz durch – und schon gespannt auf das Ende ; ) Bei meinen anderen Büchern im Favoriten-Regal weiß ich übrigens noch immer, worum es geht – glaube ich zumindest. Ich sollte das gelegentlich auf seine Richtigkeit überprüfen …

Habt ihr auch schon die Erfahrung gemacht, dass euch ein gelesenes Buch beim Wiederlesen wie ein neues Buch vorkam?

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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21 Antworten zu Über das Wiederlesen

  1. Petra Wiemann schreibt:

    Dieses Phänomen erlebe ich auch immer wieder. Ich kann mich z.B. daran erinnern, dass mich ein Buch beeindruckt hat, dass es einen Nerv getroffen hat oder wirklich gut geschrieben war, aber – worum ging es, wie endete es??? Wenn ich es dann wieder lese, dann kommt die Erinnerung teils zurück, aber es sind dann oft ganz andere Aspekte, die mich ansprechen. Solche Bücher begleiten einen durchs Leben und verändern sich mit der eigenen Lebenserfahrung. Das ist schon faszinierend.
    Auf jeden Fall kommt Barnes`Buch jetzt auf meine Wunschliste!
    Liebe Grüße,
    Petra

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich bin beruhigt, liebe Petra, dass es offenbar auch anderen so geht, selbst mit beeindruckenden Büchern : ) Interessant ist tatsächlich, welche Aspekte einen im Laufe der Zeit ansprechen und dass sich die Lektüre mit der eigenen Lebenserfahrung verändert bzw. dass wir – aus den guten Büchern – immer wieder etwas für uns herausziehen können. Ich freue mich, dass der Barnes auf deine Wunschliste wandert, es ist wirklich ein tolles Buch! Liebe Grüße!

  2. Xeniana schreibt:

    Ja das kenne ich auch. Ich finde, Irgendwie ist fas ja auch spannend, dass jeder sein eigenes Buch liest. Und das man manchmal glaubt ein ganz anderes Buch in der Hand zu haben, weil man es aus anderen Augen ansieht. LG Xeniana

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist wahr, liebe Xeniana. Mir ist das nur noch nie so krass „passiert“ wie jetzt bei dem Roman von Barnes. Ich weiß wirklich nicht, wie es ausgehen wird, interessante Erfahrung … Liebe Grüße!

  3. buchwolf schreibt:

    Was das Im-Gedächtnis-Behalten eines Buches betrifft, so glaube ich, dass es sehr hilft, wenn man darüber geschrieben hat. Wenn dann so nebenbei;-) noch ein Buchblog dabei herauskommt, umso besser. – Ein anderes Phänomen, das in deinem Beitrag auch anklingt, ist die Veränderung der Einschätzung eines Buchs. Krasses Beispiel in meinem Fall: Als 19jähriger las ich Dostojewskis „Dämonen“ und war mir sicher, das beste Buch der Weltliteratur in Händen zu halten. Als ich rund zwei Jahrzehnte später meine Wertung durch erneute Lektüre bestätigt sehen wollte, kam mir das Buch plötzlich wie krasser Unsinn vor, und ich gab es bald auf, weiterzulesen. Der Gerechtigkeit halber müsste ich wohl irgendwann einen dritten Anlauf nehmen… Andere Bücher habe ich über die Jahrzehnte mehrmals gelesen und war weiterhin begeistert (Thomas Mann vor allem ist da enorm standfest).
    lg,
    Wolfgang / buchwolf

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Bisher ist es mir noch nicht passiert, dass ich ein wiedergelesenes Buch plötzlich total daneben fand. Aber vorstellbar ist das schon, ich werde das nun immer mal wieder ausprobieren, mal sehen, wie das Experiment endet. Liebe Grüße!

  4. Frank Duwald schreibt:

    Ich bin ein bekennender Anhänger des Wiederlesens. Sind viele Jahre zwischen erster und wiederholter Lektüre vergangen, ist meine größte Sorge, dass ein Buch, das mir früher viel bedeutet hat, zehn oder zwanzig Jahre später, nichts mehr für mich hergibt, ganz einfach, weil man zwangsweise gereift ist (oder sich wieder zurückentwickelt hat – je nachdem, wie man das sieht). Wenn es jedoch klappt, ist es ein wunderbares Gefühl, welches auch für die Qualität eines Buches spricht.
    Ich persönlich liebe insbesondere Bücher, die erst beim wiederholten Lesen ihre wahre Pracht entfalten. So kommt es durchaus des öfteren bei mir vor, dass ich ein Buch nach Beendigung sofort vorn wieder beginne (was von meinen nichtlesenden Mitmenschen mit mitleidigen Blicken zitiert wird). Zuletzt ist mir das bei „Die kleinen Mädchen“ von Elizabeth Bowen und „Der Besucher“ von Sarah Waters passiert. Beide Bücher wachsen exponential mit jedem Wiederlesen. Solche Bücher bleiben mir meist dann auch viel länger im Gedächtnis haften als der schnelle Roman, den man mal eben weghaut.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist wahr, lieber Frank. So ging es mir vor einiger Zeit mit F von Daniel Kehlmann, dieses Buch habe ich beim zweiten Mal auch ein bisschen anders gelesen, nämlich auf die Hinweise, die auf die Verstrickungen am Ende hindeuten. Das hatte fast etwas Detektivisches. Und es ist wirklich faszinierend, wie du auch sagst, wenn so ein Buch dann mit jedem Wiederlesen wächst. Eigentlich sollte man viel öfter wiederlesen, dann würden die Bücherberge vielleicht auch nicht so schnell wachsen ; ) Liebe Grüße!

  5. hokuspokus77 schreibt:

    Auch ich bin ein bekennender Wiederholungsleser. Es gibt Bücher, die in die ich über die Jahre immer wieder gerne eintauche. In der Regel weiß ich noch, was im Groben passiert, habe bestimmte Szenen noch bildlich im Kopf, andere Details habe ich völlig vergessen. Das ist praktisch, wenn es ein Krimi ist und ich nicht mehr weiß, wer der Mörder war, was mir erstaunlich oft so geht.
    Wenn mich ein Buch ganz besonders packt, möchte ich es am liebsten gleich nochmal lesen, aber das gelingt mir nie, der Zauber funktioniert erst nach ein paar Jahren wieder.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Bisher habe ich Krimis nicht mehr wiedergelesen, weil ich sicher war, es würde mich langweilen, da ich ja schon weiß, wer es war. Aber nach meinem Barnes-Erlebnis bin ich da nun gar nicht mehr so sicher … Liebe Grüße

  6. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich bin bekennende Einmalleserin – ich kann mich kaum an ein Buch erinnern, das ich mehrmals gelesen habe, auch wenn ich bei vielen Büchern denke, dass ich sie doch noch einmal lesen sollte, irgendwie kommt es nie dazu. Zuletzt habe ich Johan Harstads Buch noch einmal gelesen, es war in der Tat eine ganz andere Lektüre, als die erste – dazwischen lagen auch fast zehn Jahre und ich hatte auf vieles einen ganz anderen Blickwinkel.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das Meiste lese ich auch nur einmal, liebe Mara. Nicht, weil ich es nicht der wiederholten Lektüre für würdig erachte, sondern einfach weil es eben so viele interessante Bücher gibt, die ich noch lesen will. Ich nehme an, da geht es dir ähnlich. Aber manchmal habe ich Lust, ein schönes Leseerlebnis zu wiederholen, etwa wie wenn man einen Lieblingsfilm zum xten Male anschaut. Liebe Grüße!

  7. Maren Wulf schreibt:

    Ach, liebe Petra, was für ein „Fass“ hast du da wieder geöffnet! Ich komme schon mit dem Einmallesen nicht hinter all meinen Lesewünschen her. Gedichte lese ich oft x Mal, bei Romanen habe ich das schon eine Weile nicht mehr getan, obwohl ich es mir immer wieder vornehme, zumal ich dazu neige, Bücher, die mir gefallen, viel zu schnell zu lesen. Dein wunderbarer Erfahrungsbericht weckt große Lust, selbst mal wieder einen der ganz alten Favoriten in die Hand zu nehmen und auf Entdeckungsreise auch durch die eigene Biografie zu gehen. Danke und liebe Grüße!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, im Fässer öffnen bin ich ganz gut, liebe Maren ; ) Das mit den Lesewünschen, die die Lesezeit bei weitem übersteigen, kenne ich natürlich auch. Aber in letzter Zeit denke ich immer öfter: Wozu die Eile, es läuft mir ja nichts weg und es ist auch keine Prüfung oder ein Wettbewerb. Wenn ich mir das immer mal wieder bewusst mache, entspannt mich das. Das könnte vielleicht eine Art Mantra für uns Leselustige werden ; ) Liebe Grüße!

  8. Kastanie schreibt:

    Es beruhigt mich ja ungemein, dass es auch noch andere Menschen gibt, die an dieser Art von „Demenz“ leiden. Mir fällt es besonders schwer, Handlungsverläufe zu rekapitulieren. Meist kann ich mich nur noch an bestimmte prägnante Details erinnern. Ich stehe auch oft in der Bibliothek und frage mich, ob ich dieses und jenes Buch, was ich dort im Regal sehe, schon gelesen habe oder nicht. Manchmal kann ich mich dann in der Mitte des Buches wieder erinnern. Aber wie würde meine Oma sagen: „Es geht den Menschen wie den Leuten.“

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Kastanie, nach all den Kommentaren denke ich inzwischen, dass diese Vergesslichkeit einfach das „Schicksal“ der Menschen ist, die viel lesen. Wir lesen ja nicht nur tief beeindruckende Bücher, die wir nie vergessen werden, sondern auch mal weniger Großartiges, da vermischt sich doch manches oder wird verdrängt oder gerät in Vergessenheit. Den Spruch deiner Großmutter finde ich ja herrlich : )

  9. puzzleblume schreibt:

    Ich bin vor allem bei Romanen eine Wiederleserin und das allein schon deshalb, weil ich meine kindliche Angewohnheit, vor Freude und Spannung ein neues Buch viel zu eilig zu lesen nie ganz losgeworden bin, wenn es spannend ist.
    Aber ich habe auch Kriminalromane oft und oft gelesen, ungeachtet der Tatsache, dass ich schon wußte „wer’s war“, denn dann konnte ich endlich auf Details achten, Personenbeschreibungen anders wahrnehmen als nur fokussiert auf des Rätsels Lösung oder auch mal die Zeit nehmend, einem angedeuteten Kochrezept, zeitgenössischer Politik oder einem modischem Detail sowie der lokalen Geografie nachzuspüren.
    Eigentlich ist es dasselbe Prinzip, das Asterix-Fans auch vertraut ist: alle Bände nur mit Augenmerk auf Idefix gelesen zu haben, kennen erstaunlich viele.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Früher habe ich Romane auch sehr oft wiedergelesen und sie jedes Mal wieder genossen. Ich glaube, mit der Berufstätigkeit habe ich das Wiederlesen gelassen, endlich hatte ich genug Geld, um mir viel öfter als früher neue Bücher zu kaufen, so wurde ich wohl süchtig nach immer weiteren neuen Büchern, Stoffen, Inhalten. Die guten hebe ich auf mit Blick auf ein Später, wo ich sie dann wiederlesen könnte. In letzter Zeit mache ich das mit dem Wiederlesen öfter, vielleicht hat das Später schon begonnen.
      Und was du sagst, liebe Puzzle, zu den Krimis, ist wirklich eine gute Idee, beim Wegschmökern entgeht einem doch manches.

  10. Desirée Löffler schreibt:

    Für mich ist das Wiederlesen eine zweischneidige Sache: Meistens macht es mich glücklich, aber hin und wieder geht es mir wie dem buchwolf und Bücher, die ich für großartig gehalten hatte, fallen beim zweiten Lesen Jahre später auf einmal auseinander. Das hab ich nicht so gern, da behalte ich lieber meine positiven Erinnerungen ans ersten Mal. Also lasse ich Bücher, die ich im Verdacht habe, dass sie einem zweiten Lesen nicht standhalten würden, lieber im Regal stehen. Aber wer weiß, vielleicht bringe ich mich damit um wunderschöne Stunden…

  11. Pingback: Peter Stamm – Seerücken | Über den Kastanien

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