Flaubert’s Parrot

Gust-Kazakos' Sittich

Gust-Kazakos‘ Sittich

Julian Barnes‘ lesenswerter Roman Flaubert’s Parrot ist eine intelligent strukturierte Sammlung von Gedanken und Notizen, biographischen Details und Gedankenspielen, von denen einige sich leicht hätten zu eigenen Romanen ausbauen lassen. Vor allem aber enthält der Roman auch eine persönliche Abrechnung des Erzählers mit literarischer Kritik und Biographen.

Der Erzähler Geoffrey Braithwaite, der sich auf die Spurensuche abseitigerer Details aus Flauberts Leben begibt, ist ehemaliger Arzt, Witwer und hat sich durch seine intensive Beschäftigung mit Flaubert zum Experten entwickelt. Dem Roman vorangestellt ist ein Zitat Flauberts: „When you write the biography of a friend, you must do it as if you were taking revenge for him.“ Und genau das tut der Erzähler.

Es beginnt ganz harmlos mit einer Reise in die Normandie. Er beschreibt eine Statue Flauberts in Rouen, doch „This statue isn’t the original one“ [S. 11]. Damit ist das zentrale Thema vorgegeben. Was ist wahr, was echt, wie viel kann man wirklich über jemanden oder über die Vergangenheit, die Geschichte überhaupt wissen? Seine Reise führt den Erzähler in zwei Flaubert-Museen, in denen jeweils ein präparierter Papagei steht, der angeblich von Flaubert zur Inspiration genutzt wurde. Welcher ist der echte Papagei? Nichts ist einfach so, wie es scheint, die Statue nicht, der Papagei nicht, die Abbildung Flauberts nicht – wie muss es sich erst mit Details aus seiner Biographie verhalten und warum sind wir als Leserinnen und Leser überhaupt an solchen Details interessiert: „Why aren’t the books enough? Flaubert wanted them to be“ [S. 12]. Doch auch Braithwaite, bei aller Liebe zu Flaubert, kann dessen Wunsch nicht respektieren und die Bücher genug sein lassen. Die Suche nach dem echten Papagei wird zur Suche nach dem echten Flaubert.
Dabei wirft der Erzähler viele hochinteressante Fragen auf, beispielsweise zu Biographien selbst:

„You can define a net in one of two ways, depending on your point of view. Normally, you would say that it is a meshed instrument designed to catch fish. But you could, with no great injury to logic, reverse the image and define a net as a jocular lexicographer once did: he called it a collection of holes tied together with string.
You can do the same with a biography. The trawling net fills, then the biographer hauls it in, sorts, throws back, stores, fillets and sells. […] But think of everything that got away […].” [S. 38]

Wie sich diese stets subjektive Annäherung eines Biographen äußern kann, zeigt Braithwaite im Kapitel zuvor: Drei Chonologien zu Flauberts Leben, die erste liest sich optimistisch, heiter, ein schönes Leben muss das gewesen sein, denkt man. Die zweite listet nur die negativen Ereignisse auf, Krankheiten, den Tod geliebter Menschen – ein trauriges Leben? Die dritte schließlich setzt lauter Zitate Flauberts neben die Jahreszahlen, jetzt, denkt man, hat man einen tieferen Einblick erhalten. Doch halt, so ist es nicht, denn wieder einmal hat jemand biographisches Material sortiert, filetiert und dem Lesepublikum verkauft.

Was ist wahr, was ist falsch – und ist es wirklich wichtig, das so genau zu wissen? Besonders zwei Literaturkritiker hat der Erzähler auf dem Kieker, die erste, Enid Starkie, versuchte nachzuweisen, dass Flaubert bei der Beschreibung der Augenfarbe Emma Bovarys nicht konsequent gewesen sei – ist mir übrigens nicht aufgefallen beim Lesen und der Roman wird dadurch ja kein bisschen schlechter. Der zweite, Christopher Ricks, fällt bei Braithwaite ebenfalls in die Kategorie dieser Art von hämischer Kritik, die nach Fehlern in Büchern sucht und sie ans Licht zerrt. In seinem Falle u. a. die Tatsache, dass sich mit den Brillengläsern des kurzsichtigen Piggys in Lord oft he flies nie hätte ein Feuer entfachen lassen. Na und, denkt sich der Erzähler, und na und denke auch ich. Die literarische Qualität wird dadurch nicht geschmälert. In diesen Teilen des Romans nimmt der Erzähler in der Tat Rache für Flaubert. Allerdings nicht, ohne sich selbst zu widersprechen: So verurteilt er beispielsweise die Aufstellung diktatorischer Regeln für die Literatur und stellt doch selbst welche auf.

Dann gibt es wieder Sequenzen, die ganz anders und weiter weg von den biographischen Details erzählt werden. Beispielsweise die Episode um die verloren geglaubten Liebesbriefe oder die Liebesbeziehung zu Flaubert aus der Sicht seiner Geliebten, Louise Colet. Darüberhinaus gibt es unter anderem Kapitel zu Flauberts nie geschriebenen Büchern, eine Verteidigung seiner Laster und Ansichten, „Braithwaites’s Dictionary of Accepted Ideas“ (in Anlehnung an Flaubert), eine großartige Idee, wie man Lesern bei Romanenden tatsächlich die Wahl lassen könnte, und schließlich flicht der Erzähler auch seine eigene Geschichte ein. Welcher Papagei das wahre Vorbild für Loulou gewesen ist oder wie der wahre Flaubert tatsächlich war … – wir fügen die Mosaiksteine doch stets zu unserem eigenen Bild zusammen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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18 Antworten zu Flaubert’s Parrot

  1. Read on schreibt:

    Sehr schön und nicht nur ein Grund einmal wieder Barnes zu lesen, sondern auch wieder einmal über Emma Bovarys Unglück zu seufzen.

  2. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, danke für den tollen Tipp. Als begeisterte Biographie Leserin sollte ich mir das Buch unbedingt zulegen. Lieben Gruß, Peggy

  3. saetzebirgit schreibt:

    Ach, vor lange Zeit gelesen und wie fast jedes Buch von Julian Barnes genossen! Leider habe ich es ausgeliehen und nie zurückbekommen – was mich im Moment des Lesens deines Beitrages maßlos ärgert. Sonst zöge ich es jetzt sofort wieder aus dem Regal!

  4. Maren Wulf schreibt:

    Gefällt mir sehr, deine Besprechung, liebe Petra. Und die Idee, Gust-Kazakos‘ Sittich dazu zu stellen, fand ich neulich schon super. Biografien und Fischernetze – das Bild habe ich auch bei der eigenen Arbeit immer im Hinterkopf: Vieles holt man ein, anderes flutscht durch, was ein anderer Fischer (Biograf) vielleicht herausgezogen hätte.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke dir, liebe Maren. Jeder setzt andere Prioritäten und Schwerpunkte, ich finde es faszinierend, dass deshalb selbst bei einer begrenzten Zahl von Ausgangsmaterial die Ergebnisse unbegrenzt sind.

  5. Pingback: Sonntagsleserin KW #20 – 2014 | buchpost

  6. hutmacherin24 schreibt:

    Kurios, das ist nun bestimmt schon das dritte oder vierte Mal, dass ich in einem Blog von „Flaubert’s Parror“ lese – dieser Titel scheint mich zu verfolgen… Das muss ein Zeichen sein🙂 Ich hatte mir das Buch sogar zu Studienzeiten schon zugelegt und muss wirklich mal schauen, wo es abgeblieben ist. Vielen Dank für diese inspirierende Rezension!

  7. Meine Buchtipps schreibt:

    das begegnet mir jetzt ständig; ich MUSS es lesen.
    danke für diese besprechung und die erinnerung
    lg petra

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