Reborn

Susan Sontags frühe Tagebücher Reborn. Early diaries 1947 – 1964 bieten ein sehr interessantes und besonderes Leseerlebnis, wenn man gern Tagebücher liest (logisch) und vielleicht sogar selbst welche befüllt.

Nachdem ich vor einiger Zeit die hervorragende Biographie von Daniel Schreiber gelesen hatte, lese ich mich nun durch die Tagebücher von Susan Sontag.

Erschreckend wenig Banales

Auffallend an ihren Tagebüchern: Die Einträge sind sehr ernsthaft, von Anfang an (also auch schon, als sie 14 Jahre alt ist), voller Selbstanalysen und enthalten erstaunlich wenige Alltäglichkeiten. Es gibt so gut wie keine ausführlicheren Beschreibungen ihres Tagesablaufs (eine Ausnahme sind die Einträge an den Tagen vor ihrer Reise nach Paris, die so voller Erledigungen und Zeitengpässe sind, dass man beim Lesen fürchtet, sie würde das Schiff verpassen) oder ihres ganz normalen Studentinnen- oder Ehealltags, keine Angaben zum Wetter oder anderen banalen Themen, die sich bei vielen anderen Diaristen durchaus finden lassen.

Konsequente (Selbst)Analyse und Selbsterziehung

Ihre in all den Jahren immer wiederkehrenden Hauptthemen sind: Selbstfindung (auch sexuell), Selbsterziehung (emotional und intellektuell) und Beziehungen (das ungute, sich wiederholende Beziehungsdreieck I – H – S, ihre Ehe, Freundschaften, Mutter, Sohn).

Insgesamt liest sich Reborn wie ein Bildungsroman in Tagebuchform, mal ausführlich erzählend, mal längere Listen enthaltend (Bücher, Filme, meist ohne Wertungen), mal stichwortartig bzw. im Telegrammstil. Dazwischen immer wieder wunderbare Sätze, wie dieser vom 13. April 1948 – da war sie 15: „Ideas disturb the levelness of life.“ Es gibt Notizen zu geplanten Erzählungen oder Romanen, persönliche To dos (zum Beispiel 1 x pro Tag baden – das ist aber schon das Banalste, was sich finden lässt), ausführliche Selbstanalysen, vor allem die Überwindung von X betreffend. Diese Unbekannte symbolisiert für Susan Sontag alles, was sie bremst. Sie strebt nach geistiger Freiheit und Unabhängigkeit, will sich befreien von dem Gefühl, anderen gefallen zu müssen und vor allem sich selbst treu bleiben – klarsichtig, gelassen, in sich ruhend.

Bei ihren Selbstanalysen geht sie hart mit sich zu Gericht und viele ihrer Einträge zeigen sie als einen Menschen voller Selbstzweifel, abhängig von der Bestätigung durch andere. Bei der Analyse ihrer Beziehungen ist ihre Fairness auffallend, mit der sie verschiedene Situationen seziert. Sie sucht nicht nach Schuld, sondern nach Motivation und will dabei ihre eigenen Reaktionen für die Zukunft „optimieren“. Das Wort klingt etwas seelenlos, aber seelenlos sind ihre Tagebücher keineswegs.

In ihrer Ernsthaftigkeit wirken die Einträge, als handele es sich bei der Diaristin um eine humorlose Person. Anders als etwa bei den Tagebüchern von Raddatz gibt es keine Einträge, bei denen man laut lachen muss. Dass sie durchaus nicht humorlos ist, zeigen ihre selbstironischen Kommentare, die sie offenbar zu einem späteren Zeitpunkt vorgenommen hat, so auf ihre Frage „What am I to do?“ als 15-Jährige schrieb sie später an den Rand „Enjoy yourself, of course.“ Überhaupt ein reizvoller Gedanke: Ein von der Person, die das Tagebuch einst schrieb, komplett kommentiertes Tagebuch – ob es das schon gibt?

Ich fand die Lektüre jedenfalls sehr anregend und freue mich auf den nächsten Tagebuchband, der schon auf mich wartet.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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14 Antworten zu Reborn

  1. saetzebirgit schreibt:

    Susan Sontag ist für mich noch ein recht unbeschriebenes Blatt, bislang habe ich nur einige Essays von ihr (an-)gelesen. Aber ich werde mich jetzt bald mal durchringen, nachdem du so animierend über diese sehr ernsthaft-anregende Zeitgenössin schreibst…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ihre Essays waren sozusagen meine Einstiegsdroge : ) Dann die erwähnte Biographie, die ich dir auch sehr empfehle, weil sie – für mich zumindest – ein neues Licht auf sie warf. Die Tagebücher danach zu lesen, ist vielleicht die beste Reihenfolge, zumal nicht jeder Tag akribisch festgehalten wird. Es gibt viele „Lücken“, die sich mit der Biographie im Hinterkopf gut ausfüllen lassen. Liebe Grüße!

  2. puzzleblume schreibt:

    Du hast Recht, das wäre interessant, jemanden seine Tagebücher mit einem Abstand von mehr als ca. 20 Jahren kommentieren zu lassen, sofern man die Person davon abhalten kann, sie statt dessen zu kleinen Schnippseln zu verarbeiten, weil der Abstand noch zu gering ist.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oder jemanden anzuweisen, sie zu verbrennen (die Tagebücher) ; ) In diesem Zusammenhang ist auch das Vorwort von Susan Sontags Sohn interessant, der die Tagebücher herausgegeben hat: Seine Mutter hat nämlich keine Anweisungen gegeben, was mit den Tagebüchern geschehen soll…
      Aber zurück zur Idee: So was könnte ich mir auch gut als Roman vorstellen. Liebe Grüße!

  3. Petra Wiemann schreibt:

    Gerade lese ich Michael Maars Tagebuch-Essay „Heute bedeckt und kühl“. Er äußert sich ja auch ganz begeistert von Susan Sontags Tagebüchern. Aber mir ist der Raddatz lieber – oder? Ich gerate nach deinem schönen Beitrag in Versuchung.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das passt ja prima : ) Die Tagebücher von Raddatz und Sontag lassen sich schwer vergleichen, bei Raddatz liegt ein großer Reiz in all dem Tratsch aus dem Literaturbetrieb. Das sind dann ja auch oft die witzigsten Passagen. So was fehlt bei Sontag fast völlig, ich habe es allerdings nicht vermisst. Ihre Tagebücher, also zumindest nun dieser erste Band, las sich für mich fast noch interessanter, obwohl ich den Raddatz auch sehr lesenswert finde. Ich fürchte, ich kann dir kein Entweder Oder anbieten ; ) Liebe Grüße!

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