Daniel Kehlmann & Karl Kraus

Karl_Kraus_Abend_2014Gerade als wir losspazieren wollten, begann es ordentlich zu regnen – und natürlich hörte es in dem Moment wieder auf, als wir angekommen waren. Ob jener heftige Regenschauer mit dazu beigetragen hat, dass gestern Abend nicht ganz so viele Gäste kamen wie im letzten Jahr, als Daniel Kehlmann im Konzerthaus aus F las? Schade, denn der Kraus-Abend war überaus gelungen!

Der etwas sperrige Titel „Daniel Kehlmann: Karl Kraus – Die letzten Tage der Menschheit. Ein Karlsruher Projekt“ hatte mich neugierig gemacht. Kraus und Kehlmann? Das klang interessant! Auf der Bühne saßen Karl-Rudolf Menke, Chefsprecher des SWR, Daniel Kehlmann mittemang und neben ihm Professor Hansgeorg Schmidt-Bergmann, der geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Literarischen Gesellschaft und Leiter des Museums für Literatur am Oberrhein.

Die Idee für den Titel der Veranstaltung ging auf Jonathan Franzens The Kraus Project zurück. Franzen, der laut Kehlmann übrigens „sehr, sehr gut“ Deutsch könne, hatte im Deutschen Haus in New York seine Übersetzung einiger Kraus-Texte nebst eigenen Anmerkungen vorgestellt. Bei der Übersetzung hatte Kehlmann Franzen geholfen und war auch bei der Präsentation in New York dabei (hier ein Video der Veranstaltung). So kam die Literarische Gesellschaft auf die Idee, einen Themenabend zu Kraus mit dem kenntnisreichen Kehlmann zu veranstalten, augenzwinkernd eben „Karlsruhe Projekt“ genannt. Ziel sollte sein, verschiedene Texte von Kraus, in denen sich „die grausame Absurdität des Krieges“ spiegelt, vorzustellen und zu kommentieren sowie der Frage nachzugehen, wie diese Texte heute, nach „den Katastrophen des 20. Jahrhunderts“ wirken, wie es bei der Literarischen Gesellschaft zu der Veranstaltung hieß.

Man muss sagen: Sie wirken erstaunlich aktuell. Der hervorragende Satiriker Kraus war vielleicht kein Prophet, aber vieles von dem, was er in seinen Texten karikiert hat, passt sehr gut auf unsere Zeit. Besonders seine messerscharfe Kritik an den Medien – obwohl Kehlmann betonte, die Medien seien heute viel besser geworden. Aber das war vielleicht nur Höflichkeit gegenüber den anwesenden Journalisten. Die Themen der Medien mögen sich verändert haben, auch die Sprache ist selbstverständlich inzwischen eine andere, doch eine echte Besserung? Gerade im Zusammenhang mit drohenden kriegerischen Auseinandersetzungen meint man noch immer bei zu vielen Medien im Hintergrund die Säbel rasseln und verwehtes Kriegs-Hurra zu hören. Eine Haltung, die vor dem 1. Weltkrieg üblich gewesen sein mochte, doch mir nach zwei Welt- und vielen anderen Kriegen völlig unverständlich ist. Nicht nur mir fiel dazu Noam Chomskys Medienkritik ein (wir waren am letzten Freitag auf einer Veranstaltung im ZKM, wo, Chomsky vor vollstem Haus über die treibenden Kräfte in der US-Politik gesprochen hatte), auch Kehlmann nahm auf Chomsky Bezug.

Menke und Kehlmann lasen verschiedene Texte von Kraus vor und Schmidt-Bergmann stellte dazu Fragen, bei deren Beantwortung Kehlmann erfreulich oft vom Hölzchen aufs Stöckchen kam. So erzählte er beispielsweise von der früher üblichen Art des Vortrags, als es noch keine Mikrophone und Verstärker gab, oder auch dass Kraus immer von „Vorlesungen“ gesprochen habe, obwohl es heute ja „Lesung“ heißt, aber das habe ja immer so etwas Sakrales (unter diesem Aspekt finde ich den Begriff Vorlesungen auch passender). Zwischendurch wurden Tonaufnahmen von Kraus selbst eingespielt, unter anderem eine, bei der er ein Lied aus einer Offenbach-Operette singt, und sogar eine Filmaufnahme einer seiner Vorlesungen.  Die Texte waren sehr gut ausgewählt, so etwa der Anfang aus „In dieser großen Zeit“, „Das Ehrenkreuz“ und die grandios-grotesken „Reklamefahrten zur Hölle“, Kraus‘ Kommentar zum frühen Schlachtfeldtourismus (hier ein Video dazu). Beschlossen wurde die Veranstaltung mit Karl Kraus‘ wunderbarem Gedicht „Man frage nicht“ von 1933, das in der 888. Ausgabe der Fackel erschien.

Insgesamt eine hochinteressante Veranstaltung, die unsere Erwartungen übertroffen hat.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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23 Antworten zu Daniel Kehlmann & Karl Kraus

  1. saetzebirgit schreibt:

    Das war offensichtlich ein schöner, runder Abend für Dich, wie ich beim ersten Reinlesen vermuten darf. Danke für die tollen Links – die schaue ich mir später nochmal in aller Ruhe an, v.a. die Filmaufnahme von Kraus selbst – spannend!

  2. SalvaVenia schreibt:

    Murphy’s Law trifft eben auch auf den Regen zu, wie es scheint … 🙂

  3. Corinna schreibt:

    Eher off topic, für die Interessierten: Herr Kehlmann hält in diesem Jahr die Poetikvorlesungen an der Uni Frankfurt http://www2.uni-frankfurt.de/45662348/aktuelle_dozentur.
    (ich war im ersten Moment etwas verwirrt, da die erste Vorlesung am 03.06. war, aber die Veranstaltung, über die Du hier sprichst, war wohl am 02.06., richtig?)

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      So ist es, liebe Corinna, sie wurde ja von der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe, meiner Lieblingsbuchandlung, dem Stephanuns, und der Messe- und Kongress GmbH Karlsruhe veranstaltet. Dass Kehlmann dieses Jahr die Poetikvorlesungen halten würde, wurde allerdings erwähnt, u. a. als Grund, warum er nicht bei der Shelfie-Serie mitmachen kann ; )

  4. tobiaslindemann schreibt:

    Aha, interessant… Kehlmann mag Kraus, das ist mir neu. Eigentlich bin ich mir sicher, dass Kehlmann, wäre er ein Zeitgenosse von KK gewesen, vor dessen spitzen Feder wenig Gnade gefunden hätte. Aber vielleicht reime ich mir da nur etwas zusammen, das zu meiner Kehlmann-Abneigung passt 😉

    • zeilentiger schreibt:

      Aha? Gibt es dazu auch einen Blogartikel bei dir? 😉

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vor der spitzen Feder hätten noch viele andere wenig Gnade gefunden, fürchte ich, lieber Tobias ; ) Du magst Kehlmann nicht so gern (lesen)? Darf ich fragen, warum? Oder gibt es, wie der Zeilentiger auch fragt, vielleicht etwas auf deinem Blog dazu?

      • tobiaslindemann schreibt:

        Oh, zu meiner Kehlmann-Abneigung in aller Kürze: ich fand „Die Vermessung der Welt“ langweilig und in der Perspektive sehr eurozentrisch (fremde, exotische Länder als Kulisse für schlaue europäische Wissenschaftler) und mit seiner Rede beim Brecht-Festival vor einigen Jahren hat er sich als Neo-Con erster Güte geoutet. Siehe hier: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12376 Ich habe ihn seither abgehakt und mich lieber anderen AutorInnen gewidmet.

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Zu Teil eins: Das ist zwar richtig, allerdings ging es ja auch um zwei europäische Wissenschaftler, weswegen mich die Perspektive nicht irritiert hat. Zu Teil zwei: Hmmmm. Dennoch gefallen mir die Bücher, die ich bislang von ihm las, gut bis sehr gut.

  5. nweiss2013 schreibt:

    Das hört sich nach einem gelungenen Abend an – sehr schön! Wer sich für „Die letzten Tage der Menschheit“ interessiert, mag vielleicht mal hier schauen:
    http://notizhefte.wordpress.com/2014/01/21/karl-kraus-die-letzten-tage-der-menschheit/

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das war es, lieber Norman! Schön, dass du auch noch mal auf diesen Bildband hinweist. Ich erwarb an jenem Abend „nur“ den Text in einer schönen Ausgabe von Jung und Jung und von Kehlmann freundlicherweise zur Erinnerung an die Veranstaltung signiert mit (i. A. Daniel Kehlmann) – das fand ich sehr witzig : )

  6. zeilentiger schreibt:

    Randnotiz: Wenn Franzen „sehr, sehr gut“ deutsch spricht, scheint er leider nur ein Thema zu haben – „kleine, braune Vöglein“ – und sich für sonst nichts zu interessieren. Oder übertreibe ich nun? 😉

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Hm? Ich muss gestehen, lieber Zeilentiger, ich kapiere gerade deine Anspielung nicht, erhellst du mich?

      • zeilentiger schreibt:

        Franzen ist ja ein leidenschaftlicher Vogelkundler. Und das nimmt fast schon bizarre Ausmaße an. Zumindest gab es bei „Druckfrisch“ mal ein Interview, bei dem Franzen immer wieder auf „kleine, braune Vöglein“ zu sprechen gekommen ist. Nicht nur im Zusammenhang mit seiner ornothologischen Leidenschaft, sondern … irgendwie in jedem Zusammenhang. Wir hatten damals nur den Kopf geschüttelt.

        Eine Freundin, die ihn bei seiner Anwesenheit bei der Tübinger Poetikdozentur mitbetreute – Essengehen, zu frühester Morgenstunde im Schilfdickicht liegen und durchs Fernglas Vögel beobachten – bestätigte das: Franzen redete fast nur über Vögel, ansonsten sei er ein ziemlicher Langweiler. (Hoffentlich handelt mir das jetzt keine Rufmordklage ein.)

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Sieh mal an, das wusste ich gar nicht. Als Tochter eines Ornithologen, die mit einem Vogelbestimmungsbuch lesen gelernt hat, finde ich das eigentlich ganz sympathisch : )

        • zeilentiger schreibt:

          Oh, nichts gegen Ornithologie! Das Bild allerdings, das sich von Franzen geformt hatte, war irritierend – weil mehr als nur eine Leidenschaft. Und die „kleinen, braunen Vöglein“ als Metapher für einfach alles herhalten mussten. (Also, ich merke schon, ich zitiere das jetzt etwas arg oft, aber daran merkt man auch, wie tief der Eindruck war …)

  7. Dina schreibt:

    Das hört sich nach eine sehr tollen Abend an, da wäre ich auch gerne dabei gewesen! Vielen Dank für die ganzen interessanten Links!
    Schöne Pfingsten und ganz liebe Grüße von uns Vier, :-9
    Dina

  8. Read on schreibt:

    Großartig! Ich hätte das so gerne gehört! Überhaupt mehr Karl Kraus lesen.

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