Traumhotels und Hotelbücher

Hotelzimmer_W_TowersDie Hitze verführt mich zu Reiseträumen – geht euch das auch so? Falls man gerade nicht selbst unterwegs in den Ferien ist, kann man sich im Geiste mit Reiseliteratur davonstehlen oder auch mit Büchern, in denen Hotels eine wichtige Rolle spielen. Und davon gibt es eine Menge!

Da wäre beispielsweise der sehenswerten Bildband Hotels von Lis Künzli, ein literarischer Hotelführer, in dem viele Schriftsteller zu Wort kommen. Oder Eine fast vergessene Welt, ein ganz nostalgisch stimmender Bildband, in dem Joseph Wechsberg den Glanz vergangener Tage und alter Grand Hotels heraufbeschwört. So schreibt er über das 1914 in Baden-Baden eröffnete Park-Hotel:

„Es ist eines der letzten wirklichen Grandhotels Europas geblieben. Neuerungen werden auf diskreteste Weise eingeführt, ohne daß der Gast etwas davon bemerkt. Auf dem Kärtchen in Ihrem Zimmer finden Sie den Vornamen Ihres Zimmermädchens und den des Hausdieners. Man spürt liebevolle Aufmerksamkeit bis ins kleinste Detail […]

Die Angestellten respektieren selbst die ausgefallensten Wünsche der Gäste. Individueller Service ist eine absolute Selbstverständlichkeit. Wünsche und Abneigungen des Gastes werden in den Hotelunterlagen festgehalten. Wenn Sie wieder einmal Gast im ‚Brenner’s’ sind, wird man versuchen, das gleiche oder ein ähnliches Zimmer für Sie bereitzustellen. Natürlich werden Sie auch das besonders harte Kissen vorfinden, das Sie bei Ihrem letzten Besuch verlangten, und Ihr Schreibtisch wird genau an der Stelle stehen, an den Sie ihn bei Ihrem letzten Aufenthalt stellen ließen.“ [Wechsberg, Joseph: Eine fast vergessene Welt, S. 61]

Wenn das kein Service ist, von dem man oft nur träumen kann!

Natürlich gibt es auch etliche Romane, die in Hotels spielen, beispielsweise Menschen im Hotel von Vicky Baum oder Hotel Angst von John von Düffel – um nur zwei aus der langen, langen Liste der Hotelromane zu nennen. Besonders Menschen im Hotel hat mein Bild von einem idealen Grand Hotel geprägt. Dieses Ideal ersteht in von Düffels Hotel Angst wieder auf. Hier träumte der Vater des Erzählers davon, besagtes Hotel in Bordighera, einem Ferienort an der italienischen Riviera, wieder zu eröffnen. Das Hotel ist nach seinem einstigen Besitzer Adolf Angst benannt und war ein prächtiges Luxusetablissement, in dem sich einst die Haute Volée die Klinke in die Hand gab. Das sagenhafte Hotel scheint eine Mischung aller Nobelhotels zu sein, von denen man je gehört hat.

Auch wenn wir uns vielleicht nicht unbedingt einen längeren Aufenthalt in einem solchen Luxushotel leisten können, ist es doch schön, sich per Literatur dorthin zu begeben. Dabei dient diese Welt der Reichen und des Luxus oft als Abgesang auf eine untergehende Welt und veranschaulicht (zuweilen etwas binsenweise), dass Reichtum allein noch kein glückliches Leben beschert, und dass jeder Gast seine eigene Geschichte hat, die sich für die Dauer des Aufenthalts mit denen der anderen Gäste verflicht. Ein Mikrokosmos, in dem sich für gewisse Zeit die Welt da draußen spiegelt.

Eine Welt, die ein repräsentativer Querschnitt von Personen aus der jeweiligen Romanwelt bevölkert, Gäste und Angestellte, ein Ausschnitt aus der Zeit und ihrer Gesellschaft, die unter einem bestimmten Aspekt beleuchtet wird, um vorzuführen wie die wirkliche Welt funktioniert. Eine Welt im Wandel, wobei die Gäste meist Teil des Wandels sind, die Hotelangestellten dagegen die Fixpunkte, anhand derer sich gelegentlich die Veränderungen besonders gut zeigen.

Die Gäste halten sich nur für bestimmte Zeit dort auf, in der sie die Verantwortung für das Alltägliche abgeben können, in der sie im Hotel eine Ersatzheimat finden, die sie zu nichts verpflichtet (außer dazu, am Ende die Rechnung zu begleichen). Ein Aufenthaltsort und zugleich eine Durchgangsstation, Symbol für eine Phase zwischen zwei Zuständen. Man ist von irgendwo weggegangen und wird irgendwo ankommen, ist aber noch nicht ganz da. Dieses Dazwischen trägt die Spannung der Entwicklung in sich. Das Hotel in der Literatur ermöglicht es uns, zeitliche, gesellschaftliche oder persönliche Vorkommnisse unter der Lupe zu betrachten und auszuwerten – eine ideale Laborsituation, die eine Untersuchung des Lebens selbst ermöglicht.

Mehr dazu in Ganz weit weg.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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19 Antworten zu Traumhotels und Hotelbücher

  1. SalvaVenia schreibt:

    Sehnsucht, Luxus, Träumerei.

  2. saetzebirgit schreibt:

    Witzig…sowohl die Menschen im Hotel und den Düffel – ein ganz schönes Buch – hatte ich erst in der Hand. Und bin momentan auch am Hotel Savoy von Joseph Roth, allerdings eine ganz andere Geschichte…Danke nochmals für den Hinweis auf „Ganz weit weg“ – da lese ich mich jetzt fest. Schönen Abend! Birgit

  3. Trippmadam schreibt:

    In dem Zusammenhang kann ich „Hotel Hölle, guten Tag“ von Eva Demski empfehlen. Ich fürchte aber, das gibt es nur noch antiquarisch. Sicher bin ich mir nicht.

  4. perlengazelle schreibt:

    Hotelromane – ein weites Feld! Spannend, spannend. Werde da mal forschen …
    Vornehme Leute, 1200 m hoch:
    Sie sitzen in den Grandhotels.
    Ringsrum sind Eis und Schnee.
    Ringsrum sind Berg und Wald und Fels.
    Sie sitzen in den Grandhotels
    und trinken immer Tee …
    🙂

  5. Karo schreibt:

    „Verlockung“ von János Székely kann ich noch als schönen Hotelroman empfehlen, wenn man es dekadent und nostalgisch mag. Er spielt in einem Luxushotel im Budapest der 1920er. Ich persönlich kann auf solche 5-Sterne-Kästen jedoch gern verzichten, lieber trage ich Turnschuh und Schlabberbuchse im Urlaub (d.h. klamottentechnisch ist immer Urlaub bei mir). Lg, Karo

  6. kormoranflug schreibt:

    Im Hotel kann so vieles passieren. Manchmal wacht man neben dem Kalifen auf oder war es nur ein Traum.

  7. sl4lifestyle schreibt:

    Hallo Petra, schön, Dein Text. Mein absolutes Lieblingshotel ist das Mount Lavinia in Colombo, Sri Lanka. Hast Du davon schon mal gehört? Es ist ein Traum und ich habe mir dort 2 Aufenthalte gegönnt. Danke, dass Du mir auf Twitter folgst.
    LG
    Sabine

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