Die Katastrophe der Phrasen

Die Katastrophe der Phrasen, Glossen von Karl Kraus, die zwischen 1910 und 1918 entstanden sind, ist eine erfreulich floskelfreie Lektüre. Kraus verwendete Floskeln nur, um ihre Ideen- und Inhaltslosigkeit vorzuführen.

Natürlich hat Kraus seine Glossen nicht geschrieben, damit sie sich eines Tages bequem unter das buchtitelgebende Thema fassen lassen. Aber man merkt beim Lesen schnell, dass Phrasen zu den Erscheinungen der Kommunikation gehören, die ihn störten. Sehr. Vielleicht weil eine Formulierung, die einmal frisch und kreativ war, aber schließlich von allen gedankenlos verwendet wird, am Ende die Gedankenlosigkeit, das Ende des Nachdenkens befördert. So zitierte er häufig Sätze oder Absätze aus Zeitungen, die ja eigentlich ihre Leserschaft informieren (und idealerweise zum Nachdenken anregen) sollen, um sich anschließend genüsslich bis verärgert über ihren Stil und Inhalt auszulassen.

Das beginnt gleich bei der ersten Glosse vom Februar 1910, betitelt mit „Eine Neuerung“, obwohl es zunächst einmal gar nicht um Neuerungen geht. Denn Kraus macht sich über die Berichterstattung zum Concordiaball lustig, der „wie immer an Glanz alle seine Vorgänger“ übertrumpfte. Das sei überhaupt die Gemeinsamkeit der „Concordiabälle, daß sie einander an Glanz übertreffen“, und zwar schon seit (damals) fünfzig Jahren. Noch deutlicher wird seine Kritik in „Was man im Traum aufsagen kann“ vom September 1911, wo er in zwei Absätzen über zwei verschiedene Ereignisse schrieb, allerdings mit vielen Auslassungspünktchen zwischen den typischen Redewendungen dieser Art der Berichterstattung. Dadurch macht er den Lesenden klar, wie austauschbar diese Redewendungen sind und dass ihre Beliebigkeit folgenlos für die Leserschaft bleibt, weil die Ereignisse selbst beliebig zu werden scheinen. Hierzu Kraus sehr treffend:

„Die Welt ist taub vom Tonfall. Ich habe die Überzeugung, daß die Ereignisse sich gar nicht mehr ereignen, sondern daß die Klischees selbsttätig fortarbeiten. Oder wenn die Ereignisse, ohne durch die Klischees abgeschreckt zu sein, sich doch ereignen sollten, so werden die Ereignisse aufhören, wenn die Klischees zertrümmert sein werden. Die Sache ist von der Sprache angefault. Die Zeit stinkt schon vor der Phrase.“ [Die Katastrophe der Phrasen, S. 42]

Dabei fiel mir ein Abschnitt aus Menschen im Hotel von Vicky Baum ein, 1929 erschienen, der ganz gut die Reaktion eines Lesers auf diese schon damals typische Sprache und vor allem auf die Sensationslust der Zeitungen zeigt:

„Skandale, Panik an der Börse, Verluste von Riesenvermögen. Was ging es ihn an? Was spürte er davon? Ozeanflug, Schnelligkeitsrekorde, zollgroße Sensationstitel. Ein Blatt schrie lauter als das andere, und zuletzt hörte man kein einziges mehr, wurde blind und taub und fühllos durch den lauten Betrieb des Jahrhunderts.“ [Menschen im Hotel, S. 12].

Wenn jedes Ereignis zur Sensation aufgeblasen wird, wie lassen sich dann noch bedeutende Ereignisse von unbedeutenderen unterscheiden? Alles scheint gleich sensationell, gleich wichtig zu sein – und damit letztlich gleichgültig, egal.

Kraus geht in „Fiebertraum im Sommerschlaf“ noch einen Schritt weiter: Hier reihen sich nur noch Floskeln und Pünktchen rund ums Thema „Wien im Festgewand“ aneinander, zweieinhalb Seiten lang. Redensarten, die uns heute noch in derartigen Berichten über eigentlich ziemlich unwichtige gesellschaftliche Ereignisse begegnen.

Natürlich schrieb Kraus über viele weitere – man könnte auch sagen: wichtigere – Themen als die Phrasendrescherei (etwa den Krieg und seine Auswirkungen). Aber schon allein unter diesem Aspekt ist die Lektüre besonders für alle, die schreiben, empfehlenswert. Denn die Sprache, vor allem in den Medien, ist nicht nur das Vehikel für Informationen, sondern auch für Meinungen. Sie nimmt Einfluss auf die Ansicht der Lesenden und kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass sie abstumpfen, selbst bei wesentlich bedeutenderen Themen als beispielsweise der jährliche Concordiaball – und das wäre wirklich katastrophal.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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14 Antworten zu Die Katastrophe der Phrasen

  1. saetzebirgit schreibt:

    Wunderbar geschrieben von Dir, liebe Petra, und wie immer: völlig phrasenfrei. Es wäre schon schön, wenn bei der Journalistenausbildung heute Karl Kraus Pflichtlektüre wäre. Aber wie ich aus gut unterrichteten Quellen weiß, ist der Glanz der heutigen Unkenntnis der Kraus-Werke unübertroffen katastrophal-sensationell. 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ganz herzlichen Dank, liebe Birgit! Ich freue mich sehr über dein Kompliment, besonders da ich, wie du weißt, deine – ebenfalls phrasenfreien und vor allem überaus interessanten – Beiträge auch sehr schätze : )
      Was den Kraus als Pflichtlektüre betrifft, pflichte ich dir vollkommen bei, er gehört ganz sicher zu den Autoren, von denen sich auch heute noch eine Menge lernen lässt!

  2. buecherliebhaberin schreibt:

    Hast du mehr Informationen zu dem Buch? Bzw. welche Ausgabe hast Du? Klingt jedenfalls herrlich.

  3. perlengazelle schreibt:

    Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge. (Arthur Schopenhauer)
    Leider ist es meistens umgekehrt. Aufgebrezelte Texte, sinnleere Worthülsen, aufgeblähte Nichtigkeiten, hohle Phrasen, immer wieder die gleichen dämlichen Formulierungen – leider ist das gang und gäbe unter den Politikern. Mir scheint, der Kraus ist immer noch höchst aktuell und wird es wohl auch bleiben. Danke für die Vorstellung des Buches!

  4. Der Begriff Katastrophe ist selbst zur Phrase verkommen. Wenn es z. B. drei Tage in Folge schneit, heißt das im Zeitungsdeutsch Schneekatastrophe.

  5. Herr Hund schreibt:

    Guten Abend! Ich wollte nur meinem Stern vom frühen Abend jetzt nun einen kurzen unspektulären Gruß hinterhersenden und mich für den Gegenbesuch bedanken. Ich hoffe, es war nicht zu unaufgeräumt. Ich bin erst hergezogen und noch sind nicht alle Kartons ausgepackt und die Farbe an den Wänden noch recht frisch.

    Zum Thema Phrasen: nun, ich denke, die gab es auch früher. Und auch eine schöne Phrase taugt für ein feines Menu, wenn man in rechter Weise den Kochlöffel zu rühren versteht.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Schönen guten Abend & vielen Dank für den freundlichen Kommentar. Mein Besuch hat mir gut gefallen, ich glaube, ich werde noch öfter nach Trüffeln schnüffeln kommen. Lesetrüffel, feine Sache.
      Ja, es gibt durchaus Phrasen, die gar nicht so schlecht sind, beispielsweise auch jene, die zum freundlichen Miteinander beitragen. Und ein gelungener Phrasengebrauch kann auch in anderen Kontexten – vielleicht sogar besonders in neuen – interessant sein.

  6. Ulli schreibt:

    …und heutzutage sind es die historischen Ereignisse, die sich seit Mauerfall aneinander reihen, wenigstens ist es mir seitdem bewusst geworden und stört mich sehr …
    liebe Petra, das ist ein feiner Bericht und Gedankenanstoss nach neuen Formulierungen zu suchen, die genau das sagen, was sie wollen, ohne sie in zu enge und nichtssagende Korsetts zu zwängen- danke dir

    herzliche Grüsse Ulli

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