Room Service

Room_ServiceHeute endet sie – leider: die Ausstellung „Room Service“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Doch für alle, die sie verpasst haben, gibt es dazu einige sehr lesens- und sehenswerte Publikationen.

Hotels, ihre Atmosphäre, ihr geregelter Ablauf, garantiert durch das Personal, die zuweilen erratischen Aktionen der Gäste, das Gefühl der Fremdheit: Diese faszinierenden Mikrokosmen sind schon seit langem nicht nur ein Thema in der Literatur, sondern auch in der Bildenden Kunst. Schon thematisch war dies eine Ausstellung ganz nach meinem Geschmack. Noch dazu im nahen Baden-Baden, wohin sich ein Ausflug ja sowieso immer lohnt. 1805 eröffnete hier das erste Grand Hotel des Ortes, und zahlreiche weitere sollten folgen. Viele von ihnen spielten auch für die Ausstellung eine wichtige Rolle.

Die Ausstellung „Room Service“ begann im März dieses Jahres. Aber eigentlich hat alles schon viel früher begonnen, nämlich im Hochsommer 1993, als sich eine inoffizielle Ausstellung im Zimmer 763 des Hôtel Carlton Palace in Paris, wo der Kurator Hans Ulrich Obrist damals wohnte, entwickelte. Immer mehr Künstler machten mit. Am Ende waren es über 70, die auf den 12 Quadratmetern des Hotelzimmers (und zum Teil auch darüber hinaus), ihre Arbeiten zeigten. Obrist wohnte übrigens währenddessen weiter in diesem Zimmer.

„At the beginnig the hotel didn’t really know what was going on. They thought I was a bit strange, or that I had lot of guests. And then newspapers started to write it up. There was a big article in Le Figaro and another in Le Monde. All of a sudden queues started to form and by that time it was too late to stop it.” [Hans Ulrich Obrist im Interview in Hôtel Carlton Palace Chambre 763, S. 10]

Auch an „Room Service“ nahmen – diesmal ganz offiziell – verschiedene Hotels teil. Sie wurden zum Ort für Arbeiten, Performances und vieles mehr. Besonders gefiel mir (obwohl ich nur darüber las) „Der kleine Entscheidungsraum“ von Christian Jankowski, eine Arbeit, die im Brenners Park Hotel zu erleben war. Das Hotel stellte dazu einen leeren Raum zur Verfügung, der in zweierlei Hinsicht zum Entscheidungsraum werden konnte: Erstens konnte man ihn mithilfe einer Broschüre, aus der man Mobiliar, aber auch andere Dinge wie Hygieneartikel und Getränke auswählen konnte, einrichten lassen. Und zweitens sollte man dort dann eine Entscheidung treffen. Ich habe keine Ahnung, ob es mir leichter fallen würde, als Teil einer künstlerischen Arbeit eine wichtige Entscheidung zu fällen, aber die Idee an sich finde ich sehr spannend.

Der reich bebilderte Katalog zur Ausstellung lohnt sich sehr. Über die Informationen und Illustrationen zur Ausstellung hinaus bietet er viele lesenswerte Beiträge, etwa einen Abriss der Geschichte des Hotels seit der Antike, zum Hotel in der Kunst, in der Literatur oder im Film und vieles mehr. 35 Euren, die gut angelegt sind.

In der Ausstellung selbst beeindruckten mich die Fotografien von Guy Tillim am tiefsten, sie zeigten unter anderem ein vermutlich einst prächtiges Grand Hotel, nun völlig heruntergekommen, aber nicht verlassen, wie die Wäschestücke an der Brüstung der riesigen Terrasse zeigen. Ebenfalls sehr eindrucksvoll die Fotos von August Sander und die Gemälde von Chaïm Soutine, die das Personal in den Fokus rückten. Sehr gut gefielen mir auch die fotografisch und schriftlich dokumentierten Gedanken der Künstlerin Sophie Calle, die einen Monat lang inkognito als Zimmermädchen arbeitete und sich anhand der verschiedenen Habseligkeiten, die sie in den Zimmern vorfand, Geschichten zu den Gästen ausdachte. Witzig und sehr gut auch die Zeichnungen auf Hotelbriefpapier von Martin Kippenberger; monumental, den Glanz noch überhöhend, die Fotografien Andreas Gurskys. Weitere Schwerpunkte der Ausstellung lagen auf Künstlerhotels oder Künstlerkolonien, die sich in Skagen, Dänemark, und im niederländischen Volendam bildeten.

Insgesamt eine wirklich sehr gute Ausstellung. Und dank der diversen Publikationen dazu kann ich sie im Geiste immer wieder besuchen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Room Service

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Klasse! Herzlichen Dank für diesen feinen Artikel, liebe Petra! Eine Ausstellung, die ich ganz sicher sehr gerne besucht hätte …
    Schön, dass Du auf den – wohl sehr guten – Katalog hinweist. Danke auch dafür.
    Liebe Grüße, mb

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