Lob. Über Literatur

Der Titel hat mich gleich angesprochen. Sicher, weil ich lieber Bücher lobe, die mir gefallen, als mit Verrissen davon abzuhalten, Bücher zu entdecken, die für andere durchaus interessant sein könnten. Daniel Kehlmanns Reden, Kritiken und seine Poetikvorlesungen in Form einer Selbstbefragung, die in Lob versammelt sind, fand ich jedenfalls sehr lesenswert.

Kehlmann lobt durchaus nicht kritiklos alles, was, und jeden, der in dem Band vorkommt. So lobhudelt er schon gleich bei der ersten Kritik zu Thomas Bernhards Holzfällen keineswegs. In diesem Buch nämlich hat Bernhard wohl etliche Anleihen aus der Wirklichkeit genommen und Realität in Literatur überführt. Das scheint Kehlmann nur teilweise gelungen, nämlich immer dann, wenn der ‚abgründig humorvolle Beobachter der menschlichen Hinfälligkeit‘ zu Wort kommt. Wesentlich entschiedener ist er in seinem positiven Urteil über Truman Capotes Reportagen. Hier gefällt ihm die Vermischung von Realität und Literatur besser, er würde sogar verzeihen, wenn sich nicht alles genauso wie berichtet ereignet hätte. Kehlmann sieht Capote als unauffälligen Beobachter – das scheint die Erzählhaltung zu sein, die ihm vielleicht selbst besonders liegt. Die Beobachterrolle lobt er ja bereits bei Bernhard, dessen Holzfällen er immer dann weniger gelungen findet, wenn die Interessen und Ansichten des echten Bernhard zutage treten.

Auch auf Stephen Kings Puls singt er nicht gerade ein Loblied und kritisiert an ihm ungefähr das, weswegen ich ebenfalls irgendwann genug von King gelesen hatte, unter anderem dessen ständige Einsprengsel irgendwelcher Marken. Damals fragte ich mich, ob er wohl für die ständige Erwähnung („die goldenen Bögen von McDonald’s“ etc.) Geld von den genannten Unternehmen bekommt. Eine Lobrede im besten Sinne ist dagegen Kehlmanns Laudatio auf Max Goldt, den er offenbar sehr schätzt. Ich übrigens auch. Kehlmann schreibt über etliche weitere Autoren, stellt ihre Werke in Bezug zu anderen Werken von ihnen bzw. der Gattung, zeigt sozio-kulturelle Hintergründe und Zusammenhänge, spürt im Detail gelungenen und weniger gelungenen Stellen nach und zeigt, warum er sie für besonders gelungen oder weniger gelungen hält.

Am besten haben mir seine Poetikvorlesungen gefallen, die er am 8. und 9. November 2006 in Göttingen hielt. Dabei schreibt er nicht einfach, was Literatur ist und soll und wie man sie am besten herstellt, sondern wählt die Form des Interviews – mit sich selbst. Diese Dialoge mit sich selbst kennen wir vielleicht von uns, wenn wir uns über ein kniffliges Thema oder Problem Klarheit verschaffen wollen. Dann sind wir oft Kläger und/oder ironischer Kommentator und Verteidiger in einer Person. So ähnlich kann man sich das vorstellen, wenn Kehlmann sehr amüsant dann doch darüber spricht, was er beim Schreiben für wichtig hält (Übung und das, was man erzählen will, vor sich zu sehen), was er in der Literatur für wichtig hält (dass sie ein „Element existenzieller Wahrheit“ beinhaltet), über das Surreale in der Literatur (er findet Literatur, die die Regeln der Wirklichkeit bricht, interessanter, als eine, die die Regeln der Syntax bricht) oder auch über das Verhältnis von Realität, Geschichte und Literatur (am Beispiel der Vermessung der Welt).

Der kritisierte Kritiker

Wenn ich meinen Buch-Tipp verfasst habe, schaue ich hinterher manchmal, was denn die Literaturkritik zu dem Buch zu sagen wusste. In diesem Fall war das besonders interessant, weil diesmal Kritiker einen Kritiker – einen der ihren und doch wieder nicht, denn eigentlich ist Kehlman ja sonst mit seinen Romanen Gegenstand ihrer Kritiken – kritisierten. Das jedenfalls führt zum Teil zu recht gehässigen Besprechungen. Aber warum diese Abwehr? Sind Kritiker etwa der Ansicht, dass ein Schriftsteller keine Meinung zu anderer Leute Büchern äußern sollte? Das wäre ja lächerlich. Lauert da eine unterschwellige Angst vor Kehlmanns gut begründeten Urteilen, die ihn zum Literaturkritiker qualifizieren? Schließlich hat Kehlmann Literaturwissenschaft studiert und zeigt, dass er das nötige Werkzeug eines Literaturkritikers einzusetzen weiß. Glauben sie, ein Schriftsteller sollte sich nicht als Literaturkritiker betätigen, sondern sich gefälligst ums Schreiben von Romanen, Novellen etc. kümmern? Auch das wäre lächerlich. Jedenfalls müssten sie sich mit der Kritik an seinen Kritiken eigentlich gleich selbst in Frage stellen.

Kehlmanns Gedanken zur Literatur muss man nicht für das Maß aller Dinge halten, man muss ihnen nicht einmal zustimmen: Aber – und das macht für mich die Qualität einer Literaturkritik aus, sei sie Lob oder Verriss: Kehlmann argumentiert nachvollziehbar. Selbst wenn man anderer Ansicht ist, versteht man, wie er zu seinem Urteil gelangt ist. Für mich ist das wichtig beim Austausch über Literatur oder auch beim Lesen von Rezensionen: Dass ich über mein eigenes Lesen hinausschaue, durch eine andere Lesart vielleicht auf Aspekte hingewiesen werde, die ich so noch nicht genauer betrachtet habe, und damit meine Perspektive um bisweilen interessante Zusatzinformationen, Hintergründe, Entdeckungen und Interpretationsmöglichkeiten erweitern kann. Denn, und das sollten wir nie vergessen, am Ende geht es, auch in der „professionellen“ Literaturkritik, immer um eine persönliche Meinung, die, gut begründet, ihre Berechtigung hat. Sie wird dadurch aber keineswegs zur allgemeingültigen Wahrheit, sondern bleibt stets eine Meinung unter vielen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Lob. Über Literatur

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Danke für diese reizvolle Besprechung, die mich ausgesprochen neugierig gemacht hat. Ich lobe ja auch gerne, aber dieses Buch klingt auch darüber hinaus sehr lesenswert. Ich werde es mir gleich morgen bestellen! 🙂

  2. Liebe Petra,
    eine schöne Besprechung zu einem Buch, dessen Thema mir vor ein paar Tagen noch über den Weg gelaufen ist, nämlich als Bitte von Claudia vom Grauen Sofa, ab jetzt nur noch Verrisse zu schreiben. War natürlich scherzhaft gemeint, aber bezüglich der ‚offiziellen‘ Literaturkritik nicht mehr ganz so abwegig. Mir spricht da Dein vorletzter Satz aus dem Herzen:
    „Dass ich über mein eigenes Lesen hinausschaue, durch eine andere Lesart vielleicht auf Aspekte hingewiesen werde, die ich so noch nicht genauer betrachtet habe, und damit meine Perspektive um bisweilen interessante Zusatzinformationen, Hintergründe, Entdeckungen und Interpretationsmöglichkeiten erweitern kann.“
    Danke dafür und liebe Grüße, Kai

    P.S. hier kannst Du nachlesen, was ich konkret zum Thema Verrisse meinte (musst ein bisschen runterscrollen): http://skyaboveoldblueplace.com/2014/06/25/leben-liebe-literatur-2/#comments

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Kai, hab Dank für deinen schönen Kommentar! Hihi, ja, das mit den Verrissen … Ich freue mich natürlich immer unheimlich, wenn mir jemand kommentiert, so wie Mara im 1. Kommentar, dass sie das vorgestellte Buch lesen möchte. Umgekehrt denke ich bei tollen Besprechungen auf den vielen wunderbaren Blogs immer, oh weia, mein armes Bücherbudget. Und gut geschriebene Verrisse lese ich ja durchaus auch mal gern. Aber ich finde es schön, wenn unsere Bücherwunschlisten wachsen und hoffe, dass wir alle noch viele glückliche Leselebensjahre vor uns haben. Liebe Grüße!

  3. Cat schreibt:

    Sehr schöne Besprechung!
    Dass Kehlmann Literaturwissenschaft studiert hat, macht ihn nicht zwangsläufig zu einem guten Kritiker (was du ja auch nicht behauptet hast). Um einem Buchwirklich gerecht werden zu können, müsste man (idealerweise) Kenntnisse aus allen Wissensgebieten mit sich bringen: Wie einen historischen Roman bewerten ohne geschichtliches Wissen? Wie das Gedankengut eines Textes einordnen ohne Kenntnis der zeitgenössischen Gedankenwelt? Natürlich ist es somit eigentlich unmöglich, ein Buch umfassend einzuordnen.
    Ich denke, das ist ein grundlegendes Problem der Literaturkritik, mit dem sich die Kritiker selbst aber selten befassen wollen. Einen Schriftsteller aus ihren Reihen vertreiben zu wollen zeugt meiner Meinung nach von der Angst davor, als überflüssig entlarvt zu werden. Was der Literaturkritik dabei durch die Lappen geht, ist die große Chance, einen längst überfälligen Dialog mit den Urhebern der Texte einzugehen, anstatt sich von gegenüberliegenden Ufern eines imaginären (?) Flusses zu beäugen. Was den Kritikern eine ganz neue Daseinsberechtigung geben könnte.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Cat, danke für deinen Kommentar, der mir sehr gut gefällt! Ich denke, dass gute Kritiker auch wahnsinnig viel gelesen haben sollten, und zwar nicht nur die guten alten Klassiker oder zeitgenössische Hochliteratur (oder was immer dafür gehalten wird), sondern möglichst vielfältig und weit darüber hinaus. Diese Grundvoraussetzung scheint mir Kehlmann schon mal zu erfüllen, er liest ja nicht nur Kleist oder Shakespeare, sondern schreibt auch interessant beispielsweise zu Stephen King. Und, wie du auch sagst, sollte man nicht nur über literaturwissenschaftliche Kenntnisse verfügen, sondern über möglichst viele andere, die zu dem besprochenen Buch passen, damit man etwas Vernünftiges dazu äußern kann und sich nicht im Spekulativen verliert.
      Interessant finde ich, dass das alles ja immer noch keine einheitlichen Ansichten hervorbringt, sondern eben viele verschiedene Lesarten, die alle nicht die einzig richtigen oder falschen sind. Auch hier in dieser schönen Bücherblog-Community kommt es immer vor, dass jemandem ein Buch, das man selbst ausgezeichnet fand, überhaupt nicht zugesagt hat. Manchmal sogar aus den gleichen Gründen, die für mich für das Buch sprechen. Es spielt eben doch eine große Rolle, welche Interessen man hegt, welche Erfahrungen man gemacht hat, es gibt eine Menge Faktoren, die unsere Erwartungen an Literatur prägen. Manchmal ist es sogar einfach eine Frage des Alters (als junge Frau konnte ich mit Themen, die mich heute interessieren, auch nicht unbedingt so viel anfangen).
      Besonders gut gefällt mir der letzte Absatz deines Kommentars über den Dialog zwischen Kritik und den „Produzenten“ – ich denke auch, dass dies sehr interessante Erkenntnisse ergeben könnte, wenn man es stärker zuließe. Aber aus mir unerfindlichen Gründen ist das Interesse daran nicht stark genug. Ebenso wenig wie das am Dialog mit den Lesern oder auch Buchbloggern. Ich bin wirklich gespannt, wann die aktuellen Entwicklungen zu einer Aufweichung dieser engen Zirkel führen werden. Liebe Grüße!

  4. karu02 schreibt:

    Weil mein Bücherbudget auch ein armes ist, bin ich für gut begründete Verrisse genau so dankbar wie für Empfehlungen. Bei beiden sollte eine bisschen „Herzblut“ dabei sein, sonst sind sie uninteressant.
    Bei Dir Petra ist mindestens ein Tropfen davon immer zu finden. Besten Dank dafür.

  5. Pingback: Sonntagsleserin KW #27/28 – 2014 | buchpost

  6. Dina schreibt:

    Sehr interessante Besprechung, Petra!

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