Der Kameramörder

Ein Protokoll über einen Besuch bei Freunden während eines Osterwochenendes wird zum Bericht über die Sensationsgier der Medien und ihres Publikums. Ein spannender, stilistisch ungewöhnlicher Roman von Thomas Glavinic.

Aus nicht näher genannten Gründen wird ein junger Mann gebeten, „alles aufzuschreiben“. Dieses „Alles“ fängt zunächst ganz harmlos an: Der Ich-Erzähler und seine Freundin Sonja besuchen ihre Freunde Heinrich und Eva in der Steiermark. Es verspricht, ein schönes Wochenende zu werden und beim Lesen amüsiert man sich über den trockenen, verbeamteten Stil des Erzählers. Doch da er ja gebeten wurde, eine Art Protokoll anzufertigen – warum auch immer – genießt man zunächst den Witz, der sich aus seinem Erzählstil ergibt. Beispielsweise, wenn er genau auflistet, welche Getränke in welcher Menge Sonja getrunken hat, ehe sie völlig blau vom Erzähler ins Bett gebracht werden musste. Oder wenn er umständlich und unpersönlich von den ersten Stunden des Besuchs bei seinen Freunden berichtet („Man begrüßte uns herzlich“, „Meine Lebensgefährtin äußerte den Wunsch spazierenzugehen, da dies ihrem Zustand Vorteile verschaffen könne“ etc.).

Bald erscheint der mögliche Grund für dieses Protokoll: Die Polizei fahndet nach einem Mann, der drei Kinder in seine Gewalt gebracht hat und zwei von ihnen zwang, sich in den Tod zu stürzen. Das an sich ist schon grausam genug, hinzu kommt, dass der Gesuchte sein Verbrechen die ganze Zeit über gefilmt hat. Ein Snuff-Video und damit ein gefundenes Fressen für die Medien. Das Ganze hat sich offenbar in der Nähe des Bauernhofes ereignet, auf dem Eva und Heinrich leben.

Noch immer bleibt unklar, was der Erzähler und seine Freunde mit diesem Verbrechen zu tun haben. Sind sie alle Zeugen, verfassen sie alle einen solchen Bericht? Allerdings kam ich beim Lesen nicht dazu, das Wie genauer zu hinterfragen, zu spannend liest sich – und das ist paradox – dieser nüchterne Bericht, der allem, den Emotionen, der Jagd auf den Täter, seinen Verbrechen ebenso wie der Zahl der ausgetrunkenen Weinflaschen und geleerten Chipstüten diese gleichgültige Wichtigkeit erteilt. Ist auch das immer noch dem Auftrag, ein Protokoll zu schreiben, geschuldet? Oder ist der Erzähler ein emotionsloser Typ, der keine Unterschiede bei seinen Beobachtungen macht und mit kühler Präzision die schrecklichsten Ereignisse und die unwichtigsten Tätigkeiten aneinanderreiht?

Das Schlimmste aber kommt noch: Die Kamera des Mörders wird gefunden und ein deutscher Privatsender beschließt, das Material, zusammengeschnitten auf ein passendes Sendeformat, zu zeigen. Noch dazu mit Werbepausen vor den „spannenden Stellen“, nämlich vor dem jeweiligen Todessprung der Kinder. Ein raffinierter Kniff des Autors, denn obwohl man das Vorgehen des Senders widerlich findet (und sich gut vorstellen kann, dass so etwas auch in Wirklichkeit möglich wäre), kann man sich leider beim Lesen der Faszination, ebenfalls ein „Augenzeuge“ zu werden (auch wenn das Ganze nur vor dem inneren Auge stattfindet), nicht entziehen. Ungewöhnlich erzählt und spannend bis zum Schluss!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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21 Antworten zu Der Kameramörder

  1. Petra Wiemann schreibt:

    Danke für den tollen Tipp! Von Glavinic gefielen mir schon „Die Arbeit der Nacht“ und „Das größte Wunder“ sehr gut. Und dieses passt bestimmt auch. Hab gerade gesehen, dass es dazu auch eine Verfilmung gibt. Da ist mir das Buch aber lieber.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Gern, liebe Petra! Ich hatte bislang noch gar nichts von diesem Autor gelesen, habe nun aber große Lust, mir noch weitere Bücher von ihm zu besorgen. Als Film kann ich mir dieses Buch gut vorstellen, aber für den „Einstieg“ würde ich doch eher zum Roman raten.

  2. wildgans schreibt:

    Man wagt kaum, „Gefällt mir“ zu klicken. Da auch ich diesen Namen trage und dazu neige, ab und zu Durcheinanderzeugs zu konsumieren, werde ich aufpassen und, aber, doch dieses Buch zu lesen erstreben…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das Lesen des Buchs ist durchaus erstrebenswert, liebe Wildgans. Es wirklich interessant, wie man selbst Teil dieses Publikums wird, zwischen Abscheu und Neugier hin und hergerissen und sich fragend, wie man in Wirklichkeit auf eine solche Situation reagieren würde. Würde man die Sendung durch Nichtansehen boykottieren oder doch wissen wollen, wie ein Verbrecher Kinder dazu bringen konnte, sich umzubringen? Sehr bedenklich und bedenkenswert …

  3. dasgrauesofa schreibt:

    Deiner Begeisterung für den Roman, liebe Petra, kann ich mich ja kaum entziehen. Mit den anderen Romanen Glavinics habe ich ja durchaus meine Schwieirgkeiten gehabt, dieser hört sich aber mit Blick auf die spannende Handlung, auch die Rolle der Medien, und die Art der Erzählens sehr vielversprechend an. Und dann noch deine Euphorie…
    Viele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Aha? Ich kenne ja nur diesen Roman von ihm, liebe Claudia, da er schon älter ist, findest du ihn vielleicht günstig 2nd Hand. Ich habe ihn wirklich gern gelesen. Mit welchen wurdest du denn nicht so warm? Liebe Grüße!

      • dasgrauesofa schreibt:

        Ich kann mich auf jeden Fall an die „Arbeit der Nacht“ erinnern, ein Roman, der mich sehr ratlos zurückgelassen hat. Ich meine, ich hätte noch einen Glavinic gelesen, kann aber im Moment nicht an meinem Regal gucken gehen🙂 Ich bin gespannt, ob Du bei weiteren Glavinic-Titeln einen besseren Zugang bekommst als ich. Ich glaube mich zu erinnern, dass Du auch einmal bei einer Lesung von ihm gewesen bist oder irre ich mich?
        Viele Grüße, Claudia

  4. Susanne Haun schreibt:

    Obwohl ich so meine Schwierigkeiten mit Lektüre von Thomas Glavinic habe, werde ich das Buch auf meine Wunschliste setzen. Es hört sich interessant an.
    Grüße aus Berlin von Susanne

  5. nweiss2013 schreibt:

    Ich hatte als ersten Roman von ihm „Das bin ja ich“ gelesen und war nur mäßig überzeugt. Dann bekam ich viele positive Hinweise auf den „Kameramörder“, der schlichtweg mitreißend ist. Freut mich, daß Dir der Roman auch gefällt!

  6. Pagophila schreibt:

    Mein Lieblingsbuch von Glavinic ist „Die Arbeit der Nacht“. Gefällig ist er nie, aber gerade das schätze ich an ihm. Insofern ist auch „Der Kameramörder“ stilistisch beeindruckend. Hätte ich ihn noch nicht gelesen, stünde er jetzt auf meiner Merkliste, so wie „Flauberts Papagei“ übrigens! Dein Sittich ist aber auch süß..;-)

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Aha? Muss ich mir mal näher ansehen!
      Ich freue sehr, dass ich dich für Flaubert’s Parrot gewinnen komnte : )
      Ja, mein süßer Sittich – er war eines der letzten Präparate meines Vaters. Eines seiner ersten, ein Sittichpärchen, habe ich auch, wie eine Klammer um sein Gesamtwerk, zu dem auch deutlich größere Arbeiten gehörten (z. B. Bären, Elche, Tiger etc., allerdings für Museen).

      • Pagophila schreibt:

        Ach, der ist nicht echt? Er wirkte vollkommen lebendig auf mich; auf die Idee, dass er tatsächlich ein Präparat sein könnte, wäre ich nie gekommen! Wahrscheinlich weil er mich an einen Gefährten aus Kindertagen erinnerte..:-)

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Das ist die Kunst an guten Präparaten : ) Als Kind hatte ich auch einen Lebendigen, an den erinnert er mich ein bisschen. Meiner war etwas dunkler im Gefieder, fast oliv. Pucki, süß war er …

        • Pagophila schreibt:

          Mein Vater hatte ein Faible für Präparate, insbesondere Raubvögel. Die wirkten auch sehr lebensecht, um nicht zu sagen bedrohlich auf mich als Kind. Da war mir Toni, der Sittich schon lieber..;-) – Er lebte übrigens stolze 15 Jahre…

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Ui, das ist ja wirklich ein stolzes Alter! Toll : )
          Ja, ich kann mir vorstellen, dass das auf Kinder bedrohlich wirkt … Auf mich vermutlich nur deshalb nicht, weil ich wusste, dass mein Vater sie „gemacht“ hatte. Ich habe ihm auch oft bei der Arbeit zugesehen, sehr faszinierend! Bei den ganz Kleinen genauso wie bei den ganz Großen. Die übrigens früher wahnsinnig schwer waren, wegen der Gipsform im Innern, heute sind diese Formen aus speziellen Kunststoffen und im Vergleich zu damals geradezu federleicht.

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