Der Rabe, Nr. 34

Heute empfehle ich euch ein Literaturmagazin, das es leider nicht mehr gibt. Aber gebraucht finden sich noch etliche Ausgaben, so auch die Nr. 34 des Raben, der Ausschnitte aus verschiedenen Tagebüchern versammelt – eine ideale Fundgrube für alle, die gern Tagebücher lesen.

Doc Totte ist Schuld, dass ich nun im Raben-Fieber bin. Genauer gesagt: zwei seiner Beiträge, einer zum Tagebuch-Raben und einer zum Hotel-Raben, die mich thematisch angesprochen haben. Und natürlich musste ich mir die beiden Raben gleich bestellen und recherchierte noch ein bisschen zu diesem Literaturmagazin, das ich erst dank Doc Totte kennengelernt habe.

Der Rabe, das Magazin für jede Art von Literatur, wie es im Untertitel so vielversprechend heißt, erschien von 1982 bis 2001 viermal jährlich im Züricher Haffmans Verlag. Ein Magazin im Taschenbuchformat, wie praktisch! Der Verlag ging leider ein, doch bei Zweitausendeins lebte die Reihe „Haffmans Verlag“ weiter und seit 2011 gibt es eine Art Erweiterung des Verlags, nun wieder selbständig und unter dem Namen Haffmans & Tolkemitt. Einer der großen Verdienste des Haffmans Verlags war es sicher, viele großartige Autoren wie Robert Gernhardt, F. W. Bernstein. Max Goldt, Julian Barnes oder auch David Lodge verlegt zu haben. Und natürlich den Raben.

Jede Ausgabe trug Texte zu einem bestimmten Thema zusammen. Und weil es so viele Raben gibt, die mich interessieren, musste ich mir auch noch den Zwanziger-Jahre-Raben, den Flaubert-Raben, den zu Kritikern, zu Vampiren und den Dekadenz-Raben bestellen. Sie alle sind recht günstig gebraucht zu bekommen. Natürlich gibt es noch eine Menge weiterer, interessant klingender Raben, aber ich wollte es nicht übertreiben (spätere Erweiterung der Raben-Sammlung nicht ausgeschlossen). Eine hilfreiche Auflistung der Raben findet ihr bei Wikipedia.

„Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit.“

So Kafka am 7. Juni 1912. Diese und weitere Zitate „im Eingangsbereich“, also bevor es dann mit den längeren Tagebucheintragungen losgeht, steigern die Vorfreude. Im Tagebuch-Raben dann kürzere und längere Beiträge von Eugène Ionesco, Franz Kafka, Katherine Mansfield, Robert Gernhardt, Fritz „Jott“ Raddatz, Peter Rühmkorf, Richard Burton und vielen weiteren, teilweise übrigens höchst amüsanten Diaristinnen und Diaristen. Dazu passende Illustrationen von Volker Kriegel, Eugen Egner, Peter Rühmkorf, Alfred Kubin et al. Das Ganze ist ein wunderbares Büffet voller Häppchen: Manche kennt man schon, nimmt sich aber immer wieder gern davon (Raddatz, natürlich), andere, die unbekannten, waren oft unerwartet (Reemtsmas Rom-Tagebuch, Kafkas Seitenhiebe auf Kubin) bis erwartungsgemäß (Anekdotisches von Gernhardt, Alltägliches von Rühmkorf) köstlich und machten Appetit auf mehr. Eine überaus anregende Mischung!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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43 Antworten zu Der Rabe, Nr. 34

  1. saetzebirgit schreibt:

    Das ist eines der Dinge, für die ich mich gerade eben wieder in den Allerwertesten beißen könnte – ich hatte etliche Raben und habe sie irgendwann einmal weggegeben…schön, dass Du an sie erinnerst (auch wenn da bei mir eine bibliophile, verheilt geglaubte Wunde frisch aufreißt – bin ich heute nicht schön dramatisch?) 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Aaawmygaaaawd! Wie _konn_test du nur? Riechsalz, Herztropfen, einen Arzt, rasch!
      Drama Queens unter sich ; )
      Ich hab die ja erst frisch entdeckt und kann das natürlich wirklich kaum glauben, dass du die Raben weggegeben hast ; ) Andererseits: Manchmal braucht man eben Platz für andere schöne Bücher. Noch tendiere ich eher dazu, sie sammeln zu wollen, vielleicht ändert sich das eines Tages wieder. Liebe Grüße!

  2. wolkenbeobachterin schreibt:

    nie davon gehört, danke fürs drauf aufmerksam machen. vielleicht fällt mir ja irgendwann eines von sätzebirgit in die hände. 🙂

  3. buecherliebhaberin schreibt:

    Ja, das klingt nach einer überaus anregenden Mischung. Aber sag mal, was hat es denn mit dem Namen auf sich??

  4. Ulli schreibt:

    liebe Petra,

    deine Besprechung macht sofort Lust auf MEHR und macht mich jetzt wirklich neugierig, da werde ich doch meinen Wunschzettel verlängern- danke dir
    herzliche Grüsse Ulli

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das freut mich, liebe Ulli! Bei all den tollen Themen-Raben sind für dich bestimmt ein paar interessante dabei. Weißt du schon, welche dich besonders reizen würden? Liebe Grüße!

      • Ulli schreibt:

        der Tagebuchrabe interessiert mich schon sehr, aber leider ist er bei medimops gerade eben ausverkauft, dafür konnte ich den nordischen Raben, den jüdischen, den maritimen und den Punkerraben erstehen … aber ich forsche noch weiter …

        • Ulli schreibt:

          … uon fündig geworden und bestellt … na nu habe ich ja erst einmal genug zum stöbern … der Flaubertrabe wäre es ja auch noch und überhaupt, vielleicht ist es ja der Anfang einer kleinen Sammelei … hab einen feinen Tag
          herzlichse Grüsse Ulli

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Ich sehe schon, liebe Ulli, ich habe dich offenbar mit meinem Raben-Fieber angesteckt : ) Dann wünsche ich fröhliches Entgegenfiebern! Liebe Grüße : )

    • Ulli schreibt:

      mittlerweile sind sie angekommen, aber nicht genug damit, auch H. hatte zwei in seinem schier unerschöpflichen Bucherfundus, nun habe ich den maritimen doppelt, wenn du ihn willst …
      und ich hatte schon viel Freude, ganz besonders gestern, als ich im Schatten auf dem Liegestuhl lag und die ersten Geschichten des Punker und Bärte Raben las- lautes Lachen schwebte über dem Garten-
      nochmals danke Petra, für diesen Tipp

  5. B.ee schreibt:

    Das ist ja wirklich sehr spannend. Irgendwie kommen mir die Ausgaben dunkel-bekannt vor -vll aus meiner Kindheit. Aber genau kann ich es nicht sagen.
    Auf jeden fall sind da eine Menge Raben dabei, die ich sofort gerne hätte!

  6. auch nicht ohne ist die rübe: das magazin für kulinarische literatur. (rabe nr. 18, rübe nrn. I – IV). ich habe sie in wilden studi-zeiten in zürich gerne als inspiration für unsere wg-orgien benutzt.

    (da sind in meiner raben-sammlung noch ein paar doppelte – so bald ich meine bücherkisten ausgepackt habe, schicke ich dir eine liste und du sagst mir, welche ich dir schicken soll.)

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, du kennst das alles, lieber Pierino – sogar die Rübe! War das so eine Art Rezept- und Textsammlung nach Themen?
      (Das mit der Liste wäre ja super! Da würde ich mich unheimlich freuen *-*)
      Liebe Grüße!

      • klar kenn ich als zürcher die publikationen des haffman-verlags! leider konnte ich allein nicht verhindern, dass der verlag bankrott ging, obwohl ich selber wegen der vielen buchkäufe nahe dran war …
        nö, ich habe die rübe als alles andere als strukturiert empfunden – wahrscheinlich habe ich sie aber gerade deswegen so geliebt.
        (die nummern III, VII, XVII, 31, 38, 45, 52 und 54 habe ich bei meinen doppelten gefunden. hast du interesse an einem oder mehreren?)

  7. hokuspokus77 schreibt:

    Ein tolles Konzept für ein Literaturmagazin. Ich liebe es, wenn man Bücher miteinander flüstern und so ein Rabe scheint ja eine richtige Talk-Show der Bücher zu sein. Sehr interessant! Danke, Petra.

  8. perlengazelle schreibt:

    Hast du bestimmt schon selbst entdeckt, aber vielleicht auch nicht. Hier gibt’s eine Sammlung von drei Raben, u.a. mit Tagebucheintragungen von Samuel Pepys (Pieps 🙂 ), den Brüdern Goncourt …
    http://www.zweitausendeins.de/gerd-haffmans-rabe-65.html
    Ich hätte gern den kriminellen Raben, den maritimen, den Tagebuch-R., den Brief-R. und auf jeden Fall *räusper* den Lust-Raben. 😉

  9. zeilentiger schreibt:

    Wie schön, der Rabe, den hatte ich schon vergessen! Nein, gelesen habe ich ihn nie, aber er war für mich so eine Art literarisches Hintergrundrauschen meiner Schulzeit, als die Bücher (und eben der Rabe) von Haffmans ihren ganz selbstverständlichen Platz in den Buchhandlungen hatten.

  10. Liebe Petra,
    ich schliesse mich -dieselbe Untat eingestehend der lieben Birgit an: Dein Beitrag über eine der wunderbarsten Literaturzeitschriften reisst auch bei mir eine tiefe Wunde auf. Tatsächlich habe ich mal fast jeden Band gekauft – und sie dann alle vor ein paar Jahren mehr oder weniger freiwillig weggegeben. Schrecklich! Die Raben-Zeit war diese Zeit, in der ich neben dem göttlichen Raben auch fast alle Neuerscheinungen aus dem wunderbaren Haffmanns-Verlag gekauft habe. Immerhin habe ich noch alle meine Gerhards und Henscheids, Wollschlägers, Barnes, Lodges, Bernsteins und erfreue mich an ihnen.
    Liebe Grüsse und trotzdem Danke für diesen herzzerreissenden Post…, Kai

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Kai, puuuh, Herzen wollte ich natürlich nicht zerreißen ; ) Aber die Bücher der genannten Autoren sind vielleicht Herzenskitt und lindern den Schmerz ein bisschen. Herzallerliebste Grüße!

  11. Dina schreibt:

    Wíe Ulli mache ich mich jetzt auf der Suche, vielen Dank für den Tipp! Bald kommt eine Neuauflage. 🙂

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