Bücherkoffer Nr. 16 von Birgit/Sätze&Schätze

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Heute macht sich Birgit vom wunderbaren Blog Sätze&Schätze Gedanken zu Büchern, Koffern und über das Reisen an sich. Ein Koffer, der groß genug für ihr Lesesofa wäre, fand sich bislang allerdings noch nicht.

 

„Urlaub. Urlaub und ich. Das allein ist schon ein Drama in drei Akten. Ein Riesentheater, das eigentlich jeden Bücherkoffer überflüssig macht.

Verrückt genug: Ich lese zwar gerne und häufig Reiseliteratur. Aber das Reisen an sich vermeide ich, wo ich kann. Ich werde jeweils von wohlmeinenden Umgebungsmenschen gezwungen. Da wird über meinen Kopf hinweg gebucht, organisiert, gepackt. Und bei mir beginnt, je näher der Abreisetermin rückt, die große Prokrastination.

Was soll ich packen? Ich will ja nicht fort. Mein Sofa ist zu groß für den Koffer.

Welche Bücher? Alle oder keins.

Dann nimm doch einen Reader? Ich sitze den ganzen Tag im Büro am PC. Ich will so ein Ding nicht im Urlaub.

Was willst Du dann? Nichts.

Urlaub ist doch das Konzept von Nichts. Ja, schon. Ich will aber ein anderes Nichts.

Einer meiner erinnerungswürdigsten Momente: Ein Freund und ich standen einst am Flughafen, als uns die nette Dame vom Bodenpersonal mitteilte, wir seien einen Tag zu spät – die Tickets waren falsch gebucht. Ich konnte einen Jubelaufschrei nicht unterdrücken. Sie jedoch hatte Mitleid mit meinem Flugbegleiter und buchte uns um. Die Reise stand unter keinem guten Stern. Die Freundschaft fortan auch nicht mehr.

Was diese ganze lange Einführung soll? Mein kompliziertes Verhältnis zum Konzept Urlaub wirkt sich eben auch auf Bücherkoffer aus. Wenn schon Urlaub, dann muss auch sonst alles anders sein als sonst. Das heißt: Ich arbeite nicht, ich digitalisiere nicht, ich lese nicht. Oder nur Bücher, die ich allenfalls in Ausnahmesituationen lesen würde – all jenes, was letztlich in irgendeinem Hotelzimmer, am Strand, im Wartesaal liegen bleibt oder in der Kategorie Flutschbuch landet. Schmonzetten und Krimis. Gebrochene Herzen und Leichen pflastern dann meinen Weg.

Im letztjährigen langen Urlaub wollte ich jedoch einmal ein vernünftiges literarisches Großprojekt angehen. Ich nahm nur ein Buch mit. Ein einziges – ein dickes Ding. Unendlicher Spaß von David Forster Wallace. Irgendwie hatte der Spaß ein schnelles Ende. Nicht mein dickes Ding, diese 1400 Seiten.

Heuer stellt sich die Frage des Bücherkoffers per se nicht. Es sind nur Kurzreisen angesagt – also Ein-Zwei-Buch-Trips (eins für die Hinfahrt, eins für die Rückfahrt). Da bekomme ich das Packen hin: Endlich einmal wieder Faulkner lesen, beispielsweise die neuerschienene Übersetzung von Schall und Wahn, oder eine Einführung in die moderne amerikanische Lyrik (Schwerkraft, herausgekommen beim Jung und Jung Verlag). Überhaupt – viel amerikanische Literatur steht auf der Wunschliste für die freie Zeit: Raymond Carver wiederlesen. Den letzten Roman von Jonathan Franzen. Natürliche Mängel von Thomas Pynchon.

Der ‚große‘ Urlaub steht unter einem ganz anderen Stern: Ein Abenteuerurlaub ganz anderer Art – die Zeit wird genutzt, um unter Umständen aus zwei Bibliotheken eine zu machen. Genau das Gegenteil von Nichts. Und das Tolle an diesem Nicht-Nichts: Das Sofa ist Bestandteil dieser Reise.“

Birgit_SaetzeSchaetze

„PS: Bin ich dann erst auf der Reise/auf Reisen, dann bin ich‘s übrigens gerne. Erst mal unterwegs, finde ich dann das alles ganz toll: Das Konzept Urlaub, fremde Länder, fremde Sitten, Land und Leute kennenlernen. Ganz ehrlich: Toll ist das. Und meist bin ich so begeistert, dass die Tragödie ihren umgekehrten Verlauf nimmt – warum muss ich jetzt wieder heim? Wieso zurück? Und: Ich wollte doch noch was Vernünftiges lesen, bevor ich zurückfahre …endlich mal Proust. Oder den ganzen Balzac. Nächstes Jahr kauf ich mir einen Reader. So.“

Die guten E-Book-Reader-Vorsätze kenne ich. In den letzten zwei, drei Jahren stellte ich mir vor jedem Urlaub die Frage, ob ich mir nun endlich einen kaufe oder nicht. Aber dann sehe ich die vielen ungelesenen Bücher, von denen ich gern einige in meinen Ferienbücherkoffer packen möchte – hätte ich wirklich Lust, mir die Bücher noch einmal in E zu kaufen? Wäre doch Verschwendung! Also ist wieder Schleppen angesagt. Mal sehen, ob sich dieser Teufelskreis eines Tages auflösen lässt … Spannend klingt Birgits Projekt, zwei Bibliotheken zusammenzuführen – Anne Fadiman hatte unter anderem auch darüber in Ex Libris geschrieben – was macht man mit doppelten Exemplaren, wie ordnet man etc.? Mir hat es jedenfalls damals viel Spaß gemacht, die Bibliothek meines Liebsten mit meiner zu vereinen.

Herzlichen Dank für deine Bücherkoffergedanken, liebe Birgit! Ich hoffe, du kannst deine Kurzurlaube und dein Bibliotheksprojekt genießen – ganz ohne Abschiedsschmerzen ; )

Leerer Koffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Dieser Koffer wartet auf die nächste Bücherladung. Foto: © Petra Gust-Kazakos

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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30 Antworten zu Bücherkoffer Nr. 16 von Birgit/Sätze&Schätze

  1. Pingback: [Philea's] Bücherkoffer Nr. 16 von Birgit/Sätze&Schätze - #Literatur | netzlesen.de

  2. Pit schreibt:

    Hallo Petra,

    diese Reihe [„Buecherkoffer“] finde ich hoch interessant. Bei mir ist, zumindest bei laengeren Reisen, das Problem, dass ich da nicht genug Buecher mitnehmen kann. Fast immer sind bei meinen Reisen Fluege (mit) drin, und da sind dann die erlaubten 23 Kg Freigepaeck schnell erreicht. Dazu kommt, dass ich mich nur schlecht entschlieszen kann, welche Buecher ich nun wirklich lesen will. Also „muss“ ich mehr Buecher als eigentlich noetig mitnehmen. So habe ich mir dann vor einiger Zeit Kindle auf meinem Laptop installiert und eine ganze Reihe von Buechern – auch von solchen, die ich in Papierform schon habe, heruntergeladen. Es geht m.E. nichts ueber ein „richtiges“ Buch in der Hand. Aber aus den diversen Gruenden ist das eben nicht immer moeglich.

    Liebe Gruesze aus dem suedlichen Texas,

    Pit

    P.S.: Zum Thema „richtiges“ Buch gegenueber E-Book habe ich mich gerade auch auf einem anderen Blog [http://thewritingwaters.wordpress.com/2014/07/30/chasing-a-flaw-in-the-blood/#comment-1329] ausgelassen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Pit, ich freue mich, dass dir die Serie auch gefällt : ) Ja, auf Flugreisen viele Bücher, das wird wirklich schnell schwierig. Am bequemsten sind da Autoreisen, obwohl ich dabei dazu tendiere, insgesamt viel zu viel mitzunehmen. Ich muss sagen, dass ich lange Texte ungern am Laptop lese, da finde ich die E-Book-Reader dann doch deutlich angenehmer. Wäre das nicht auch eine Alternative für dich? Zwar noch ein zusätzliches elektronisches Gerät, aber immerhin eines, das einem ein paar Kilo Bücher erspart … Liebe Grüße!

      • Pit schreibt:

        Liebe Petra,
        mein neues Laptop [ist es „neues“ oder „neuer“?] kann auch zum Tablet „umgebaut“ werden, und dann ist es wie ein E-Reader – nur natuerlich etwas schwerer. Abwer dafuer auch mit einem groeszeren Bildschirm. Ich bin sehr zufrieden damit.
        Es grueszt aus „Fritztown“
        Pit

    • J. Kienbaum schreibt:

      Laptop oder E-Reader sind Alternativen, klar. Ich bevorzuge allerdings „echte“ Bücher und die kommen ins Handgepäck. Wichtig dabei: Handgepäck wird nicht gewogen, darf also diverse Kilos aufweisen! Und ein Rucksack oder eine entsprechend dimensionierte Tasche kann so einiges fassen. (In der Rgel sind zwei Kabinengepäckstücke erlaubt: Handtasche/Aktentasche + ein weiteres. Als Vorbild sollten sogenannte Businessflieger dienen. Schon mal gesehen, was die alles als Handgepäck reinschleppen. Da machen andere 2 Wochen Urlaub mit.

  3. perlengazelle schreibt:

    Ein Sofa-Urlaub oder ein Urlaub mit Sofa, beides nicht schlecht. Die Sofas in unseren Urlaubswohnungen sind Folter – eigentlich immer.
    Einen ebookreader habe ich – vollgeladen mit Leseempfehlungen. Und was mache ich? Stopfe meine Reisetasche noch mit diversem Ungelesenem Gedrucktem aus dem Regal voll. Dieses müsste ich eigentlich, jenes wollte ich schon lange… du liebe Zeit. Und was mache ich mit den Schundbüchern in der Ferienwohnung? Die könnte ich doch eigentlich auch …
    Und Anne Fadiman liegt auch noch hier … Und was ist, wenn die Inselbücherei ungeahnte Schätze birgt?

  4. saetzebirgit schreibt:

    Hi, mein Sofa sieht ja richtig gut aus 🙂 Danke für die Einladung, liebe Petra, zumindest dieser Urlaubskoffer hat Spaß gemacht 🙂

  5. saetzebirgit schreibt:

    Hat dies auf Sätze&Schätze rebloggt und kommentierte:
    Sommerzeit. Reisezeit. Und Petra setzt auf ihrem Blog die schöne Serie „Bücherkoffer“ fort. Was mich zu der Bekenntnis zwang: Ich bin eine Reisemuffelin…

  6. Herr Hund schreibt:

    Bitte keinen Reader! Besonders, wenn es um Proust geht. Sie wollen Proust lesen? Herr Hund trägt, wenn’s sein muss. Egal wohin. Und ich denke, für andere Autoren finden sich andere Freiwillige (Jünger wie ich), die tragen helfen. Aber bitte keinen Proust digital.
    Ihr Herr Hund.

  7. dasgrauesofa schreibt:

    Wir haben ja nicht nur extra viele Billys für viele Bücher, sondern auch einen extra großen Kofferraum, damit ich eine extra große Tasche mitnehmen kann mit den vielen Büchern, die ich eventuell, vielleicht, nach Lust und Laune in dieser oder einer ganz anderen Reihenfolge lesen könnte. – Meistens reist über die Hälfte der Bücher ungelesen zurück, aber ich weiß doch vorher nicht, was ich im Urlaub lesen möchte, es kommt schließlich auch aufs Wetter an und andere von mir vorher nicht vorherzusehende Ereignisse. Und solange die Reise mit dem großen Kofferraum stattfindet, gibt es auch kein eBook, nein, nein. Vorher bliebe die extra große Tasche mit den Hundespielzeugen zu Hause – aber psst, nicht weitersagen, sonst gibt es Ärger…
    Viele Grüße, Claudia

  8. puzzleblume schreibt:

    Nachdem ich vor zwei Jahren schon einen Reader geschenkt bekam, einen ganz einfachen, mit lediglich Schwarzweiß-Darstellung und ohne Googlehaftigkeit, halte ich es mit dem ganz anders: gerade auf Reisen lese ich dann Bücher, die ich im Alltag nicht so gern lese, wie beispielsweise jetzt „Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation“ von Sabine Bode, weil ich im Urlaub einen Begleiter habe, der entspannt mit mir darüber sprechen kann, weil er den Kopf nicht mit den Alltagsabenteuern des Berufs all zu voll hat, um sich darauf auch selbst einlassen zu können.
    Meinem jüngeren Sohn hatte ich übrigens, als er sich ein Tablet wünschte, einen luxuriöseren Reader (mit „K…le“) als kostengünstigere, aber zum unabhängig vom Lesen web- (und spiel-)fähige Alternative angeboten. So herum geht es auch.
    Früher habe ich meine Reise mit einem mehrere Kilo schweren kleinen Koffer voller Romane und Nachschlagewerke zu Flora, Fauna und Reisezielen angetreten, was ich nun glücklicherweise dank e-Komforts nicht mehr muss.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, E hat schon viele Vorteile, liebe Puzzle. Ich hab ja noch ein bisschen Zeit bis zum nächsten Urlaub, da kann ich mich noch etwas hin- und herreißen lassen ; ) Schön finde ich, dass es auch mal andersherum gehen kann: Im Urlaub lesen, wie man es im Alltag seltener tut, also Papier- statt E-Buch – gefällt mir!

  9. hokuspokus77 schreibt:

    Wenn Sofa und Bibliothek auf Reisen gehen, wird es spannend. Alles Gute, liebe Birgit! Aber das wichtigste hättest Du ja dann schon dabei.

  10. Muromez schreibt:

    Schöne Serie! Mit Birgits Bücherkoffer-Gedanken hatte ich Freude 🙂

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