Bücherkoffer Nr. 20 von Tobias Lindemann/Libroskop

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Einmal um die Welt: Tobias Lindemann von Libroskop hat einen Bücherkoffer voller wunderbarer Reisebücher für uns gepackt. Manche der vorgestellten Bücher kenne und liebe auch ich, andere klingen, als sollten wir sie bald kennenlernen. Überhaupt nimmt Tobias gern viele Bücher mit auf Reisen, manchmal sind es derart viele, dass es ihm vorkommt, „als wäre die Kleidung nur noch im Koffer, damit die Bücher nicht so laut klappern“.

„Reisen und Lesen, das gehört für mich tatsächlich schon seit langem zusammen. Schon bevor ich zum Vielleser mutierte, hatte ich auf Reisen immer ein Buch dabei. Zurück zu Hause, fragte ich mich eines Tages, warum ich mir dieses beglückende Erlebnis des Lesens nicht häufiger in den Alltag holte. Seitdem ‚nehme‘ ich mir die Zeit für Lektüre und andere Dinge müssen eben warten. Die Zahl der Bücher, die ich inzwischen in den Urlaub mitnehme, ist äquivalent enorm gestiegen. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Kleidung nur noch im Koffer, damit die Bücher nicht so laut klappern … “

Tobias_Lindemann

„Für meinen Reisekoffer habe ich elf Bücher ausgesucht, in denen auch das Reisen eine Rolle spielt. Doch die wenigsten sind klassische Reiseberichte. Zu ihnen gehört natürlich W. G. Sebalds wunderbares Die Ringe des Saturn, kluge, geschichtsbewusste Reflexionen voller Melancholie bei einer Wanderung durch Suffolk im Südosten Englands. Ein Geistesverwandter (und Landsmann) Sebalds ist Karl-Markus Gauß, der meiner Meinung nach die poetischsten Essays ‚von unterwegs‘ schreibt, die momentan in deutscher Sprache geschrieben werden. Sein Band Im Wald der Metropolen erzählt aus Istanbul, Bukarest, Thüringen und ganz viel aus dem südlichen Osteuropa, wo Gauß am häufigsten reist. Eine ungewohnte Perspektive auf Europa eröffnen schließlich die Schafsgesänge des japanischen Arztes und Kunsthistorikers Kato Shuichi, der in den 1950er und 1960er Jahren Frankreich, Großbritannien und das Mittelmeer kennenlernte. Seine Beobachtungen sind klug und humorvoll und bringen uns das Bekannte mit den Augen eines Fremden nahe.

Reisen in der Literatur, das sind aber – Hand aufs Herz – auch die Reisen ins Innere, zu uns selbst, auf der Flucht vor uns, auf der Suche nach ‚dem Anderen‘. Solche Prosatexte haben mich immer fasziniert und machen daher einen Großteil meines Bücherkoffers aus. Ein Klassiker in diesem Metier ist natürlich On The Road von Jack Kerouac, das ich wohl kaum näher vorstellen muss. Die Schlüsselbegriffe zu diesem Buch sind für mich Sound, Drive, Freiheit, Leidenschaft. Beklemmend und rätselhaft ist hingegen die Atmosphäre in Michel Butors Der Zeitplan. Der französische Autor beschreibt den einjährigen Aufenthalt eines jungen Mannes in der fiktiven nordenglischen Industriestadt Belston. In Tagebuchstil berichtet das Buch von den unfreundlichen Einheimischen, von einer Liebesbeziehung und von einem Kriminalfall, in den der Ich-Erzähler verwickelt zu sein scheint – oder doch nicht? Nicht gerade Werbung für den ‚Arbeitsaufenthalt im Ausland‘, aber literarisch vielschichtig und meisterlich komponiert.

Einfach drauflos laufen, aus der Haustür raus und dann schnurstracks der Nase nach, das ist ein Traum, den auch ich manchmal träume. Wie aus dieser Art des Reisens großartige Literatur entstehen kann, das hat der Norweger Tomas Espedal mit seinem Roman Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen bewiesen. In Anzug und Doc Martens (!) ist er – mal alleine, mal mit einem Freund – losgewandert, durch das westliche Norwegen, durch den Schwarzwald, durch die Türkei. Der Buchtitel verspricht nicht zu viel, wilder, poetischer, aber auch persönlicher geht es kaum. Ebenfalls reich an poetischen Momenten ist Emine Sevgi Özdamars Roman Die Brücke vom Goldenen Horn. Diese stark autobiografisch gefärbte Geschichte einer jungen Türkin, die in den 1960er Jahren ihr Land verlässt, nach Berlin reist und später nach Istanbul zurückkehren wird, verzaubert durch die vielen Wortschöpfungen und sinnlichen Szenen.

Die Reise zu sich selbst, die hat für mich in den letzten Jahren kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller so fesselnd beschrieben wie Mirko Bonné in seinem Roman Nie mehr Nacht, wo eine Fahrt in die herbstliche Normandie von der Selbstauflösung zur Selbstfindung mutiert. Dem eigenen Leben auf den Grund gehen, das gelingt Franz Fühmann, einem der spannendsten Autoren der DDR, in 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens. Hier bietet eine Einladung zu einer Lesung nach Budapest nicht nur den Background für allerlei feinfühlige Beobachtungen in der Fremde, sondern auch für ein Resümee des eigenen Lebens mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Zum Schluss noch zwei Bücher, in denen die Reisen keine so große Rolle spielen, deren Autoren ich aber so sehr liebe, dass ich der Versuchung nicht widerstehen kann, hier für sie Werbung zu machen. Na, immerhin kommt in Travestie von Mircea Cărtărescu ein Schulausflug vor. Vielleicht eine der fremdbestimmtesten Arten des Vereisens und auch in dieser vielschichtigen, unglaublich expressiv geschriebenen Selbstfindungsgeschichte trägt der Ich-Erzähler ein Trauma davon, das sich erst Jahrzehnte später lösen wird. Giorgio Bassani schließlich, der große Melancholiker unter den italienischen Nachkriegsautoren, berichtet in der Erzählung Die Brille mit dem Goldrand von Liebe, Verrat und Ausgrenzung vor dem Hintergrund des faschistischen Italiens. Die wichtigsten Ereignisse tragen sich in einem Ferienort an der Adriaküste zu – hinter der Kulisse des sonnenverwöhnten Urlaubsdomizils lauern die menschlichen Abgründe und Bassani schreibt darüber mit unvergleichlicher sensibler Eleganz.“

Auch aus diesem Koffer nehme ich wieder viele Anregungen für meine Lesewunschliste mit. Besonders interessant klingen für mich Shuichi und Karl-Markus Gauß.

Dir, lieber Tobias, herzlichen Dank fürs Mitmachen!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Bücherkoffer Nr. 20 von Tobias Lindemann/Libroskop

  1. saetzebirgit schreibt:

    Was für eine tolle Auswahl – einiges davon kenne ich und käme auch in meinen Koffer (Bassani, Sebald, Gauß), einiges muss noch er-fahren (oder er-laufen) werden – ich freue mich auf den Espedal und Tobias hat mich auf Özdamar neugierig gemacht.

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Oh wie toll, Mirko Bonnés Roman habe ich auch sehr gerne gelesen, den Rest kenne ich noch nicht, ich darf aber verraten, dass meine Wunschliste enorm gewachsen ist! 🙂

  3. tobiaslindemann schreibt:

    Hat dies auf libroskop rebloggt und kommentierte:
    Es ist mir eine große Ehre, in der Reihe Bücherkoffer bei Philea’s Blog dabei zu sein. Vielen Dank, liebe Petra, für die Einladung!

  4. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  5. zeilentiger schreibt:

    Ui, da bräuchte ich aber einen wirklich langen Urlaub für einen solchen Bücherkoffer! Zumal ich dabei lieber in Bewegung Eindrücke sammle statt die anderer zu lesen. Ein sehr schöner Bücherkoffer!

  6. Pingback: Bücherkoffer für Philea’s Blog gepackt… | Libroskop

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