Online nichts Neues: Zeitungsfrühstück, Folge 79

Foto: (c) Gerda Kazakou

Foto: (c) Gerda Kazakou

Wie macht man es sich gemütlich an einem verregneten Sonntagmorgen? Am besten die Kerzen an und ein ausführlichen Zeitungsfrühstück genießen. Am Zeitungsfrühstücksbüffet serviere ich euch meine Highlights aus dem Zeitmagazin und der ZEIT Nr. 36 vom 28. August 2014. Allerdings stoße ich dabei auf unerwartete Schwierigkeiten: Offenbar hat DIEZEIT seit meinem letzten Frühstück im März ihr Konzept verändert, sodass ich euch keine Links mehr zu den ZEIT-Artikeln anbieten kann. Online nichts Neues, könnte man überspitzt formulieren. Da hilft nur: Regenschirm aufspannen und auf zum nächsten Kiosk.

Mit Traditionen brechen

Traditionell habe ich das Zeitungsfrühstück immer mit der Kolumne von Harald Martenstein begonnen, diesmal macht er sich Gedanken „Über ungerecht verteilte Intelligenz“ und wundert sich darüber, dass in der Oberstufe statt Goethe Brecht gelesen wird. Brecht sei „näher an der Lebenswirklichkeit der Schüler“. Mein Lieblingssatz aus seiner Kolumne: „Ich dachte immer, bei ‚Bildung‘ gehe es darum, den Horizont der Schüler zu erweitern, nicht darum, ihren Horizont widerzuspiegeln.“ Leider muss ich bei dieser traditionellen Eröffnung mit der Tradition des passenden Links brechen.

Im Bett mit Havis Amanda

Im Reiseteil konnte ich euch schon bei früheren Zeitungsfrühstücks selten die passenden Links zum Online-Artikel anbieten, daran ändert sich auch beim neuen Online-Konzept nichts. Dennoch der Hinweis auf den interessanten Artikel „Bettgeflüster mit Nixe“ von Jessica Braun über den Künstler Tatzu Nishi, der um das berühmte Wahrzeichen Helsinkis, die Brunnenfigur Havis Amanda, herum ein Hotelzimmer errichtet hat. Der japanische Künstler nämlich ist fasziniert von den vielen Statuen, Denkmälern großer Denker, Herrscher etc., in Europa, die es so in Japan nicht gibt, und bedauert, dass diese Kunstwerke von den Passanten oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Die Autorin des Artikels hat eine Nacht mit der Havis Amanda, auch Manta genannt, im temporären „Hotel Manta“ verbracht. Mehr zu diesem Projekt lest ihr hier.

Marina Abramović: Aus der Zeit rutschen

Ganz besonders bedaure ich, dass Hanno Rauterbergs Artikel „Vom Brüllen zum Schweigen“ über die großartige serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović nicht online ist. Er berichtet darin unter anderem von ihrer letzten Performance „512 Hours“ in der Serpentine Gallery im Hyde Park. Das Museum selbst war ganz leer, die Besucher, die von der Künstlerin per Handschlag begrüßt und verabschiedet wurden, sollten ihre Mobiltelefone, Uhren und Kameras am Eingang abgeben und konnten so selbst Teil einer Performance werden, bei der es um die entlastende Erfahrung der Zeitlosigkeit, der Leere ging. Klingt unheimlich interessant! Auf Englisch könnt ihr in einem Artikel im Guardian darüber lesen.

Mein Liebster und ich hatten das Glück, sie vor vier Jahren Im MoMA bei ihrer Performance „The Artist is Present“ zu erleben, eines meiner intensivsten Erlebnisse mit Performances, von denen ich eigentlich kein großer Fan bin. Mehr dazu in einem Artikel der Art.

Renaissance des weißen T-Shirts?

Moritz von Uslar schreibt in seinem Beitrag „Eine Erholung“ über das neue, häufige Auftauchen weißer T-Shirts und sinniert über Interpretationsmöglichkeiten dieser Erscheinung. Mir persönlich ist das relativ schnurz, zumal ich euch auch hier keinen Link anbieten kann. Ich erwähne das eigentlich nur, um ein Foto von Stephan Porombka mit einem weißen, beschrifteten T-Shirt unterzubringen. Denn ich habe gar keine weißen T-Shirts, aber dieses hier würde ich eventuell auch anziehen.

Foto: © Stephan Porombka

Foto: © Stephan Porombka

So, liebe ZEIT, früher konnte ich immer auf eure Artikel verweisen, nun verweise ich auf die anderer Online-Zeitungen – ist das jetzt besser?

Euch, meinen lieben Bloggästen, wünsche ich noch einen gemütlichen Sonntag!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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29 Antworten zu Online nichts Neues: Zeitungsfrühstück, Folge 79

  1. Danke, Dir auch einen gemütlichen und schönen Sonntag!

  2. Pingback: [Philea's] Online nichts Neues: Zeitungsfrühstück, Folge 79 - #Literatur | netzlesen.de

  3. Petra Wiemann schreibt:

    Schade, dass sich die ZEIT gegen die Möglichkeit zum verlinken entschieden hat. Die gelungene Verbindung zwischen Online und Print ist immer noch ein Problem. Da erwarten wir Leser wohl einfach zu viel 😉 Ach, wo gibts denn dieses weiße T-Shirt? Das würde ich auch tragen.
    Liebe Grüße, Petra

  4. Stefan schreibt:

    Bei Martenstein kann ich weiterhelfen: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/33/harald-martenstein-universalgenies Seine Artikel laufen über die zeit-magazin.de Seite. Die Zeit macht es wie z.B. auch die Süddeutsche, dass deren Artikel teils über andere Portale verkauft werden und schalten sie online nicht mehr zeitgleich frei. Danke Petra, dass Du trotzdem die schöne Tradition wieder aufleben lässt.
    Hab‘ einen schönen entspannten Sonntag
    Stefan

  5. zolaski_lz schreibt:

    Toll toll toll

    Bis auf weiße Shirts.
    Kommt gleich nach weiße Socken.

  6. saetzebirgit schreibt:

    Endlich vernünftiger Lesestoff an diesem Wet-T-Shirt-Sonntag. Draußen regnest, drinnen lese ich jetzt deine Tipps.

  7. Trippmadam schreibt:

    Mit Martenstein bin ich in puncto Horizonterweiterung einverstanden. Was nützt es dem Menschen (Schüler oder nicht), wenn er immer nur zu sehen bekommt, was er schon kennt.

  8. hokuspokus77 schreibt:

    Vielen Dank für das leckere Frühstück.
    Hm, es tauchen also wieder mehr weiße T-Shirts auf? Das Schöne an ihnen ist ja, dass sie nicht weiß bleiben müssen, wie man sieht. Selbst ist die Frau mit Textilfarbe und eigener Message.

    Dass in der Oberstufe Brecht gelesen wird, ist eigentlich gar nicht so schlecht. Ich finde Brecht sehr horizont-erweiternd, immer noch, während Goethe eher meiner „Schulbildung“ zu gute kam, ohne mir wirklich neue Einsichten zu vermitteln. Ganz ehrlich, ich finde Goethe ziemlich überbewertet. Schiller ist der bessere Dramatiker, das fand auch Goethe selbst, als Erzähler ist er auch nicht so beeindruckend (nicht mehr, zum Glück). Lyrik kann man eh kaum vermitteln. Er hat aber ein paar großartige Balladen geschrieben. Die werden hoffentlich auch in 100 Jahren noch gelesen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, ich wollte auch nichts gegen Brecht sagen, aber Goethe gleich ganz unter den Tisch fallen zu lassen (wie’s mit Schilller aussieht, weiß ich nicht), finde ich dann doch schade. Insbesondere wegen der Begründung.

      • Trippmadam schreibt:

        Wieso, Hokuspokus, kann man Lyrik nicht vermitteln? Gerade das eine oder andere Brecht-Gedicht wäre doch sicher ein guter Anfang. Man sollte vielleicht im Schulunterricht für Teenager und Pubertierende die Finger vom allzu Bekannten lassen und eher das Ungewöhnliche und Abseitige behandeln.

        • hokuspokus77 schreibt:

          @Trippmadam
          Man kann Lyrik kaum vermitteln, weil das Leseerlebnis ein sehr persönliches ist. Das Echo ist bei jedem anders. Man kann heranführen, muss dabei aber behutsam sein, Respekt haben vor der Gefühlswelt des Anderen. Tausend Fallstricke für den praktischen Schulunterricht. Es gibt nur wenige Lehrer, die das nötige Fingerspitzengefühl dafür haben. Andererseits tut es Lyrik gar nicht gut, wenn man sich nur mit dem Können der Kunst beschäftigt und die Maschinerie hinter der Magie analysiert.
          Wir haben im Deutschunterricht damals Rilke gelesen, weil er auf dem Lehrplan stand. Wir haben das Reimschema analysiert. Das ist schon ein Trauma 😉

        • Trippmadam schreibt:

          Da habe ich wohl andere Erfahrungen gemacht. Ich meine übrigens, dass Lesen immer etwas sehr persönliches, ganz gleich, ob Lyrik oder Prosa. Vielleicht haben wir einfach zu viel Respekt/Angst vor der Lyrik?

      • hokuspokus77 schreibt:

        Ach, liebe Petra, jetzt liegt mir ganz viel auf der Zuge, was uns ruck zuck in eine Bildungsdebatte führen könnte, und hier ist nicht der rechte Platz dafür. Über Lehrpläne und deren Begründung könnte man sich ohne Zweifel endlos die Haare raufe.
        Am Ende ist es doch viel wichtiger, wie gelesen wird, gar nicht so sehr, was. Ein Lehrer, der seine Schüler begeistern oder wenigstens interessieren kann, schafft das mit Goethe, Brecht oder sonst wem.

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Das stimmt. Ich freue mich ja schon, wenn überhaupt noch gelesen wird … Manchmal fürchte, ich, wir Vielleserinnen und Vielleser sind fast eine schützenswerte, weil seltene Spezies ; )

  9. Xeniana schreibt:

    „The Artist is present“ habe ich leider nur auf DVD sehen können und war sehr beeindruckt. Den Artikel in der Zeit habe ich dann auch sofort verschlungen. Toll das ihr sie live erleben konntet.
    Martenstein fand ich auch sehr spannend. …
    Brecht gehört leider zu jenen die mir im Deutschunterricht der DDR , also ich vermute es lag an der Lehrerin, gründlich verleidet wurde. Habe erst bei einem Besuch in Buckow wieder erste Annäherungen gewagt.
    Schön das es das Zeitungsfrühstück wieder gibt. Ich habe es so vermisst! LG Xeniana

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, liebe Xeniana, der Unterricht bzw. die Lehrerinnen und Lehrer können einem ein Thema wirklich versüßen oder verleiden. Das ist sehr schade, aber wohl kaum zu ändern. Ich finde es schön, dass du einen neuen Versuch wagst, ganz unbeeinflusst diesmal „von oben“. Liebe Grüße!

  10. Ich bin heilfroh, dass der Spruch auf dem T-Shirt nicht zutrifft. Wer weiß denn schon, was dieser Tätowierte und andere Weißhemden sich als Lektüre so reinziehen? Denen möchte ich lieber nicht im Dunklen begegnen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Aber das große Problem liegt natürlich auch und vor allem – und das sollte hier nicht verschwiegen werden – darin, dass man, so es dunkel ist, gar nicht mehr sieht, ob jemand tätowiert ist. Und ruckzuck kann man in die unglaublichsten Situationen geraten! Muss sich plötzlich über Texte unterhalten, denen man nicht mal am hellichten Tag hatte begegnen wollen – und wer weiß, was nocht alles!

  11. Das verbiestert natürlich erst recht.

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