Bücherkoffer Nr. 22 von Perlengazelle

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Diesmal darf ich euch den Bücherkoffer von Perlengazelle präsentieren, so nennt sich die sympathische Bloggerin „aussem Pott“, deren Blog ich schon seit geraumer Zeit folge. Auch weil ihre Vorlieben, die sie im „About“ nennt, sich mit etlichen meiner eigenen decken, beispielsweise Woody Allen, Mascha Kaléko, Siri Hustvedt, Loriot, Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben etc. Nur eine Vorliebe teilen wir nicht: das Reisen. Deshalb packt die Perlengazelle in ihren Koffer lauter Bücher, die einem womöglich das Reisen vermiesen könnten.

„Ich verreise nicht gern. Wochen vorher werde ich schon hibbelig, schreibe ellenlange Listen, hake gewissenhaft ab, weil ich nichts vergessen möchte, weil ich auf alles vorbereitet sein will, weil es im Urlaub mindestens genauso gemütlich sein soll wie zu Hause. Und deshalb packe ich auch für jeden erdenklichen Notfall – viel zu viel, auch viel zu viele Bücher. Was weiß denn ich, wonach mir zu Mute sein wird. Wird es mir zu warm oder zu kalt? Möchte ich Anspruchsvolles oder Schmöker lesen? So viele Entscheidungen überfordern mich. Möchte lieber zu Hause bleiben, fahre nur HAL (= Herzallerliebster) zuliebe. Weil der mal raus muss. Weg von seinem Büro, das er oben im Dachgeschoss betreibt.

Bin skeptisch. Weil ich weiß, dass ich all die herrlichen Bücher nicht lesen werde. Ich weiß, was mich erwartet.

Es liegt an den Sitzgelegenheiten. Im Urlaub kann ich nicht sitzen. Die Sessel in der Unterkunft sind klein und eng, ohne Kopfstütze – man sitzt in ihnen wie in einem Schraubstock, kerzengerade, die Hände fest an den Körper gepresst. Die Füße hängen herunter und schlafen ein, will ich sie nicht höchst unfein auf den Tisch legen. Das Sofa verwandelt sich in kürzester Zeit in eine schiefe Ebene, auf der man langsam nach unten rutscht. Zudem besteht es aus Kunstleder. Man fühlt sich wie in einer Sauna. Alles klebt. Bäh.

Und der Strandkorb, der Gemütlichkeit verspricht mit seinem Fußschemelchen und ausklappbarem Tischchen, verwandelt sich in ein Folterinstrument. Die Polsterung ist notdürftig – schnell spürt man die Bretter. Ich beginne zu zappeln, herumzurutschen, bis ich entnervt mein Buch in die Tasche pfeffere und stundenlang am Strand spazieren muss. Dann hab ich Sand zwischen den Zehen. Was die Sache nicht besser macht.

Nach dem Urlaub habe ich regelmäßig Rücken und Nacken. Und ungelesene Bücher.

Also muss ich HAL überzeugen, den (nächsten) Urlaub sausen zu lassen. Und hinterlistig packe ich nur Bücher ein, die einem das Reisen gründlich vermiesen sollen.“

Perlengazelle_Marion

„David Foster Wallace berichtet in seinem Roman Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich über die seltsame Spezies der Kreuzfahrer und des Personals. Es wimmelt von ‚blasslila Hosenanzügen, Sakkos von menstrualem Rosa, braun-violetten Trainingsanzügen und weißen Freizeitschuhen ohne Socken‘. Wer nach dem Lesen noch immer mitfahren möchte, ist selber schuld.

Letzte Welten von Steven Heighton basiert auf einem einer tatsächlichen Ereignis:  die ‚Polaris‘-Expedition des US-Militärs (1872) an den Nordpol. Durch ein Unglück im Packeis werden neunzehn Menschen vom Schiff getrennt und treiben auf einer Eisscholle gen Süden. Und was passiert, wenn Menschen unterschiedlicher Nationalität ein halbes Jahr zusammen verbringen müssen? Klar, sie meutern und errichten einen Grenzzaun mit Schlagbaum und Wache. Währenddessen schmilzt die Eisscholle immer mehr …

Für den Roman Das geraubte Leben des Waisen Jun Do recherchierte der Autor Adam Johnson mehrere Monate in Nordkorea. Die irre turbulente Geschichte des Waisen Jun Do (John Doe?), der eigentlich kein Waise ist, wie er ständig behauptet, bekommt satirische Züge, als er in geheimer Mission nach Texas reist. Tägliche Ansprachen des geliebten Führers Kim Jong Il, ständige Überwachung und Terror, brutale Arbeitslager sorgen für das nötige Lokalkolorit. Ein Traumurlaubsland.

Für den Roman Das Narrenschiff wurde Katherine Anne Porter durch eine Schiffsreise nach Europa und das Buch Narrenschiff (1494) von Sebastian Brant inspiriert. Erzählt wird von der Überfahrt des Dampfschiffes ‚Vera‘ von Veracruz, Mexiko, nach Bremerhaven im Jahre 1931. Ein zentrales Thema des Romans ist das Aufkommen des Nationalsozialismus. Unterschiedliche Kulturen und Ressentiments prallen brutal aufeinander. Nach der Fahrt darf man mit Recht sagen: Die Hölle, das sind die anderen.

Natürlich darf Moby Dick von Herman Melville nicht fehlen. Der Untergang des Walfängers Essex, ein Artikel von Jeremiah Reynolds im New Yorker Knickerbocker Magazine sowie eigene Erfahrungen auf einem Walfänger inspirierten Melville zu diesem Buch. Im Anhang dieser Ausgabe findet sich Hintergrundmaterial wie Notizen von Melville über den Schiffbruch der Essex, Tagebuchnotizen von J. Reynolds, Briefe von Melville an Sophia und Nathaniel Hawthorne, mit dem Melville befreundet war. Die Hintergründe sind wie immer das Salz in der Suppe.

Und wenn man mit dieser Welt als Reiseziel abgeschlossen hat, bleibt einem nur noch ein Ausflug in extraterrestrische Gebiete. Aber Vorsicht. Im Roman Solaris von Stanislaw Lem ist der Planet Solaris von einem gallertartigen Ozean bedeckt. Dieser kann das Objekt der geheimsten Schuld von Menschen in ihrer Psyche ausfindig zu machen und reproduzieren, in Form von sogenannten ‚Gästen‘. Diese sind sich darüber nicht bewusst, sondern glauben, die jeweilige Person zu sein und verhalten sich genau so. Im Fall des Erzählers ist es eine junge Frau, an deren Tod er sich schuldig fühlt.“

Das ist ja wirklich eine tolle Mischung, liebe Perlengazelle! Einige der Bücher kenne ich und muss dir sagen: Bei mir funktioniert das nicht, ich bin immer noch reiselustig ; ) Dir jedenfalls ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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23 Antworten zu Bücherkoffer Nr. 22 von Perlengazelle

  1. Pingback: [Philea's] Bücherkoffer Nr. 22 von Perlengazelle - #Literatur | netzlesen.de

  2. Gute Auswahl! Über den Untergang der Essex gibt es übrigens auch einen faszinierenden Bericht. Grüße. Leo

  3. Achim Spengler schreibt:

    Die Taktik verschlägt bei mir nicht. Ich würde diese Bücher auf jede meiner Reisen mitnehmen wollen 🙂

  4. nweiss2013 schreibt:

    Wunderbarer Text. Aber die Bücher sind nicht schuld am Reiseverdruß. Niemals nicht.

  5. konradkat schreibt:

    „Letzte Welten“ klingt nach einem super Buch! Muss ich sofort recherchieren, wo ich das herbekomme. Mag das Maratime-Thema, das sich durch den Bücherkoffer zieht.

  6. perlengazelle schreibt:

    Hat dies auf gazelleblockt rebloggt und kommentierte:
    Danke an Petra, die meinen Bücherkoffer in ihrem tollen blog vorgestellt hat.
    Ich fürchte ja, dass meine Taktik, mit diesen Büchern das Reisen zu vermiesen, gründlich schief geht. 😉

  7. juttareichelt schreibt:

    Wunderbar! Habe große Freude an diesem Beitrag gehabt und sehr gelacht 😉

  8. dasgrauesofa schreibt:

    Es stimmt! Jedes Wort über die ungemütlichen Sitzgelegenheiten im Urlaub stimmt. Und dann das Licht! Leselicht kennt man nicht, in keinem Hotel, keiner Pension, keiner Ferienwohnung, nicht im Norden, im Süden, Westen oder Osten. Lesen ist einfach nicht vorgesehen und wer es doch möchte, dem wird es mit Funzellicht gründlich verdorben. Da kommt man also erst gar nicht dazu, die Bücher zu lesen, die einem das Reisen vermiesen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich glaube, ich bin beim Licht nicht so verwöhnt, ich lese auch bei Funzellicht, vielleicht sind deshalb meine Augen so schlecht … Und lesen kann ich überall, im Café, auf dem Hotelbett, auf dem Stuhl des Hotelbalkons, geht alles : ) Außer im Gehen, das geht gar nicht.

    • perlengazelle schreibt:

      Stimmt haargenau!! Wir hatten diesmal nicht mal Nachttischlampen. Gar keine. Nur das ungemütliche Deckenlicht. Auch keinen Stecker am Bett. Grausam.
      LG perlengazelle

      • perlengazelle schreibt:

        Im Café kann ich schon mal gar nicht lesen. Da muss ich den Gesprächen an den Nachbartischen lauschen. Das ist oft Loriot pur. Und noch besser als Lesen. 🙂

      • dasgrauesofa schreibt:

        So ist das in Hotels, Ferienwohungen usw. Und genau aus diesen Gründen, also quasi, um den Lesegenuss auch im Urlaub aufrechterhalten zu können, haben wir uns für einen Wohnwagen entschieden: Es stehten unterschiedliche bequeme Leseplätzchen und überall tollstes Leselicht zur Verfügung. Nun ist das Reisen wieder ein (Lese-)Spaß 🙂
        Viele Grüße,Claudia

  9. Maren Wulf schreibt:

    Herrlich! Immer noch kichernd, aber unverdrossen reiselustig sende ich herzliche Grüße an die Perlengazelle und die liebe Salonière. 🙂

  10. Kastanie schreibt:

    Danke für den amüsanten Beitrag! Mit den Sitzmöbeln geht es mir ganz genauso und die Beleuchtung ist in fast allen Unterkünften, die ich kenne, wirklich eine Zumutung. Aber das hält mich nicht vom Lesen während der Ferien ab und vom Reisen schon gar nicht, aber ein gewisser Mindestkomfort muss schon sein ;-). Viele Grüße von Claudia

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