Im Café der verlorenen Jugend

Dieser kleine Roman des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano hat bei mir eine kleine Modiano-Sucht erzeugt, deren Ende noch nicht ganz abzusehen ist. Das ist schön, denn die kurzen Romane (meist um die 150 Seiten) besitzen genau den Grad an Nostalgie und Vagheit (viel Raum für eigene Vorstellungen!), der mir persönlich sehr gut gefällt.

Schon, als ich damals die Besprechung bei der Durchleserin las – ja, bereits als ich den Titel las – hat mich der Roman gereizt, geriet dann aber, wie es so geht, wieder in Vergessenheit, bis ich neulich Lesestoff für eine Zugfahrt suchte und mir der Titel freundlicherweise ins Auge sprang. Wie man bei Wikipedia nachlesen kann, ist der Titel „Teil eines Zitats von Guy Debord, das als Motto vorangestellt ist und seinerseits den Beginn der Göttlichen Komödie von Dante parodiert.“ Überhaupt gibt es offenbar viele Querverweise in diesem Roman zu entdecken. Sie sind allerdings kein Muss, um den Roman zu verstehen oder zu genießen.

Mich haben die verschiedenen Perspektiven fasziniert, aus denen versucht wird, das Leben und den Charakter der geheimnisvollen Jacqueline, genannt Louki, zu rekonstruieren. Wo kam sie her, was hat sie getan, bevor sie regelmäßig im Café auftauchte und dort mit der Zeit in Beziehungen zu anderen Stammgästen trat, wieso ist ein Detektiv hinter ihr her und weshalb muss sie immer wieder gehen, sozusagen Situationen – und natürlich Menschen – verlassen? Will sie sich immer wieder neu erfinden? Ist sie rasch gelangweilt? Liegt der Grund für ihr Verhalten in der Kindheit? Louki bleibt im Unbestimmten, obwohl sie selbst zu Wort kommt und aus ihrer Perspektive erzählt. Das ist im Rahmen der Geschichte – und auch sonst – sehr stimmig. Denn wir können selten „alles“ über eine Person wissen, weil wir stets nur bestimmte Seiten von ihr zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Zusammenhängen sehen. Niemand kennt je die ganze Wahrheit, immer nur Teile davon, die man sich beim Lesen zusammenpuzzlen kann. Und doch werden stets entscheidende Teile fehlen.

Vergessen und Erinnern sind – soweit ich das nach der bisherigen Lektüre einiger seiner Romane sagen kann – wichtige Themen bei Modiano. Auch ich finde diese Themen überaus interessant und vor allem das, was er daraus macht, wie er damit umgeht bei seinen Romanen. Das Café der verlorenen Jugend hat einen ganz typischen „Sound“, der sich auch bei anderen Romanen Modianos wiederfindet, ohne dass dieser Sound langweilig wird. Es muss an dieser Vagheit liegen, die dennoch der Spannung beim Lesen keinen Abbruch tut. Denn diese Rekonstruktionen lesen sich manchmal spannend wie ein Krimi, allerdings wie ein sehr melancholischer. Alles schön übersetzt von Elisabeth Edl. Ich rate zu!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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31 Antworten zu Im Café der verlorenen Jugend

  1. nweiss2013 schreibt:

    Sehr schön! Ich habe bislang ja erst „Der Horizont“ gelesen und war sehr angetan. Neulich kaufte ich „Villa Triste“ und bin schon neugierig. Auf das Café freue ich mich nach Deiner Empfehlung besonders🙂

  2. juttareichelt schreibt:

    Liebe Petra, kürzlich blätterte ich in einer Buchhandlung in mehreren Mondiano-Büchern, fühlte mich sehr angesprochen – und konnte mich dann doch nicht entscheiden. Jetzt weiß ich, womit ich meine Lektüre beginnen werde … Besten Dank!

  3. text+art©lz schreibt:

    Oh welch feine Besprechung.
    Habe es auch gerade gelesen.
    Und empfinde es als eines seiner für mich stärksten Bücher.

  4. mickzwo schreibt:

    Das „Vergessen und Erinnern“, klingt spannend. Ich habe gerade „Gräser der Nacht“ begonnen.
    Mal sehen, was als Nächstes kommt. „Das Cafe‘ der verlorenen Jugend“ könnte es sein.

  5. Pop-Polit schreibt:

    Auch der neue Roman „Gräser der Nacht“ ist sehr zu empfehlen: http://pop-polit.com/2014/11/12/patrick-modiano-graser-der-nacht-roman/

  6. durchleser schreibt:

    Ach, wie schön – vielen Dank für die Verlinkung! Das „Café“ ist wirklich mein absolutes Modiano-Lieblingsbuch und jedes Mal, wenn ich in einem Café im St. Germain-du-Près sitze, muss ich – egal was ich gerade lese, oder beobachte – immer ganz unbewusst an Louki und Patrick Modianos „Café“ denken. In diesem Sinne herzlichste Grüsse aus dem literarischen Paris, Durchleserin

  7. Xeniana schreibt:

    Liebe Petra! Mir ging es ebenso , wie Jutta …auch ich stand kürzlich in einer Buchhandlung und blätterte durch ein Modianobuch, nach deiner Besprechung werde ich es wohl nicht beim Durchblättern belassen. Dafür vielen Dank. LG Xeniana

  8. Mina schreibt:

    Hach, wie schön, dass Du wieder schreiben kannst!
    Ich habe Deine Beiträge doch sehr vermisst.🙂
    Und hier im Exil ist es gleich viel schöner, wenn ich ein Glaserl Rosé trinken und in Deinem Salon herumwandeln kann.
    Drück Dich,
    Mina

  9. perlengazelle schreibt:

    Habe es gerade ausgelesen – mein erstes von Mondiano. Eins der Bücher, das ich sofort noch einmal lesen möchte. Bin nun gespannt auf weitere. Hach, der Weihnachtswunschzettel wird lang und länger. Und das Portemonnaie leer und leerer …

  10. Das Café der verlorenen Jugend hat mir ebenfalls gefallen. Nun lese ich Place de l’Etoile … doch das kann mich leider nicht überzeugen …

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich hatte es aus Neugier auch schon mal angefangen, es scheint mir im Ton ganz anders, geht fast in Richtung Edgar Hilsenrath, klang aber interessant. Erst mal mache ich mit Villa Triste weiter. Liebe Grüße!

  11. seestern12 schreibt:

    Ich habe das Buch, vor erst, nach 40 gelesenen Seiten vorläufig abgebrochen aber ich werde demnächst noch einen Versuch starten. Vielleicht war es einfach das falsche Buch.

  12. philipwernerk schreibt:

    Finde ich gut, denn eine 2. Chance hat jeder verdient!

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