Die Kleine Bijou

Die Kleine Bijou war der zweite Roman Patrick Modianos, den ich las. Wieder geht es um Erinnerungen, diesmal aus der Perspektive einer jungen Frau, die das Verschwinden ihrer Mutter zu enträtseln sucht. Was dieses Enträtseln der Vergangenheit und besonders einer bestimmten Frau betrifft, ähneln sich die beiden Romane Im Café der verlorenen Jugend und Die Kleine Bijou. Doch diesmal ist das Ende hoffnungsvoller.

Ihre Mutter hat sie Die Kleine Bijou genannt. Sich selbst gab die Mutter, eine erfolglose Tänzerin, ebenfalls einen anderen Namen, sogar mit Adelstitel: Comtesse Sonia O’Dauyé. Ein echtes Zuhause kannte die Kleine Bijou, die eigentlich Thérèse heißt, ebenso wenig wie ihren Vater. Vieles bleibt im Dunkel der Vergangenheit, die Thérèse viele Jahre später aufhellen will, als sie unvermutet einer Frau im gelben Mantel begegnet, die ihre Mutter sein könnte. Doch die soll vor 12 Jahren in Marokko gestorben sein. Sie folgt der Frau, ohne sie anzusprechen und zur Rede zu stellen. Ihre Mutter hatte weitere Namen, die ihr andere gaben, keine schmeichelhaften: La Boche ist einer, Täusche-den-Tod ein anderer. Fast wie eine Detektivin versucht Thérèse, mehr über diese Frau zu erfahren, aber stets schreckt sie vor einer entscheidenden Konfrontation zurück. Wie sie auch vor dem Leben selbst zurück zu schrecken scheint.

Um Geld zu verdienen, übernimmt Thérèse die Betreuung eines kleinen Mädchens, deren Eltern ihr ziemlich windig vorkommen. Sie glaubt, dass sie unter falschen Namen leben, noch dazu in einer kaum möblierten Wohnung als seien sie eher auf dem Sprung als dabei, sesshaft zu werden und ein normales Familienleben zu führen. Diese unklaren Verhältnisse lösen bei Thérèse immer wieder Déjà-vu-Erlebnisse aus, als liefen zwei Leben, das des kleinen Mädchens und ihres, als sie noch die Kleine Bijou war, zeitlich versetzt und doch parallel zueinander.

Wie schon beim Café der verlorenen Jugend fürchtet man um das Leben der jungen Frau, auch um die Zukunft des Kindes, das sie betreut. Man will Thérèse am liebsten helfen, alles aufzuklären, damit sie endlich abschließen und weitermachen kann mit ihrem eigenen Leben. Während ihrer Suche bekommt sie von verschiedenen Seiten Hilfe, sodass sie nicht völlig den Boden unter ihren Füßen verliert. Da ist einmal eine Apothekerin, die sich um ihr körperliches Wohlbefinden sorgt, und dann noch Moreau-Badmaev, ein Übersetzer, der viele Sprachen spricht, auch das „Persisch der Steppe“, einer Sprache, die Thérèse klingt, als habe sie „etwas vom Streifen des Winds im Gras und vom Rauschen der Wasserfälle“. Diese und weitere Bilder, die vielen Unschärfen und Spekulationen machen den Roman zu einer interessanten Spurensuche, die erstaunlich leicht wirkt. Man fühlt sich beim Lesen nicht erdrückt von der Schwere der vielen Geheimnisse. Es ist eher, als schwebe man mit Thérèse wie in einem Traum oder in Trance durch ihre Welten, die verlorene, die imaginierte und die als real wahrgenommene.

Übersetzt wurde der Roman von Peter Handke, der übrigens maßgeblich zum Bekanntwerden Patrick Modianos beim deutschen Lesepublikum beitrug.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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3 Antworten zu Die Kleine Bijou

  1. Pingback: [Philea's] Die Kleine Bijou - #Literatur | netzlesen.de

  2. Ulli schreibt:

    ich werde neugierig … danke dir und herzliche Grüsse

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