Villa Triste

Mein dritter Roman von Patrick Modiano, Villa Triste, war wieder ein spannendes Leseerlebnis. Das ist fast paradox, denn Modiano erzählt zwar spannend von Geheimnissen und Rätseln, doch die meisten dieser Geheimnisse und Rätsel werden niemals völlig aufgeklärt. Noch paradoxer: Das macht gar nichts, ich will immer mehr davon.

Jahre später begibt sich ein Mann, der sich Graf Victor Chmara nennt, auf Spurensuche nach einem Sommer, einer Sommerfreundschaft und – natürlich – einer Sommerliebe. Mit 18, zur Zeit des Algerienkriegs, fährt er an den savoyischen Badeort am See, der die Kulisse für das Geschehen bildet. Woher er genau kommt, seine Geschichte, erfährt man ebenso bruchstückhaft wie die der beiden Menschen, die ihm diesen Sommer vergolden werden: die Schauspielerin Yvonne und der Arzt René Meinthe. Von sehr vielen, sehr schweren Gepäckstücken ist die Rede und von Alexandria – Victor schleppt sein Leben mit sich herum und hat vor allem Angst. Er glaubt, je näher er der neutralen Schweiz sei, desto eher könne er im Notfall dorthin fliehen. Seine Freundschaft zu Meinthe und seine Liebe zu Yvonne können diese Ängste meist bannen, er versucht, sich einer leichten Sommerlaune zu überlassen. Die Atmosphäre erinnerte mich ein bisschen an den Großen Gatsby oder auch Bonjour Tristesse. Ebenfalls Romane, die das Gold der Jugend, der Unbeschwertheit als Katzengold entlarven. Überhaupt: Wie sollte man die Stimmung, den Stil seiner Romane beschreiben? Krimi noir meets Nouvelle Vague meets Neue Sachlichkeit? (He had me at Krimi noir!)

Ich weiß nicht, wie es anderen Leserinnen und Lesern geht, aber erstaunlicherweise sind die vielen Rätsel, die unbefriedigt bleibende Neugier, die ungelöste Spannung am Ende keine Enttäuschung. Im Gegenteil, ich will immer mehr im Dunkel bleibende Geheimnisse von Modiano erzählt bekommen. Vielleicht denke ich, die Zusammenschau seiner Romane könnte am Ende das Muster verdichten, das ich bereits nach der Lektüre dreier Romane zu erkennen glaube. Es gibt immer mysteriöse Frauen und dunkle Gestalten aus der Vergangenheit, denen es ebenso wenig wie der erzählenden Figur gelingt, das Nebulöse zu durchschauen. Selbst die Erzählenden bleiben rätselhaft, niemand ist schwarz oder weiß, alles changiert in verschiedenen Grautönen. Die werden oft durch bildhafte Vergleiche und Beschreibungen durchbrochen. Denn bei aller Rätselhaftigkeit und Vagheit ist es durchaus nicht so, dass Modiano alles nur so ganz ungefähr erzählen würde. Im Gegenteil, es gibt viele sehr präzise Miniaturen, die immer wieder aufleuchten aus dem Grau.

Modianos Umgang mit Erinnerungen, den präzisen wie den verschwommenen, spiegelt gut das Empfinden bei eigenen Erinnerungen wider. Manche so klar, als sei es erst gestern passiert, andere bereits so verwaschen, dass man beim Erinnern das Gefühl hat, man würde sie während des Erinnerns weiter auswaschen, verändern durch das, was die Zeit und das Leben inzwischen mit einem gemacht hat. Oder wie jene Erinnerungen, an die wir uns gar nicht selbst erinnern, vielleicht aus frühester Kindheit, die uns aber so oft erzählt wurden, dass wir irgendwann glauben, es sei doch eine eigene Erinnerung. Das, was passiert, ändert sich nicht mehr. Aber wir verändern es, indem wir uns erinnern, davon erzählen, im Nachhinein meinen, eine neue Facette zu entdecken, oder versuchen, einen Sinn hinein zu interpretieren, Gründe, warum etwas auf welche Weise geschehen ist.

Genau das tut Modiano. Ganz ohne kopflastiges, verkrampftes Bemühen um eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Von Arbeit keine Spur – obwohl es sicher Arbeit ist, so mühelos zu erzählen. Oder Talent. Was auch immer, mich hat die Modiano-Sucht jedenfalls fest im Griff!

Villa Triste wurde übrigens von Walter Schürenberg übersetzt, außerdem gibt es eine Verfilmung des Romans unter dem Titel „Das Parfüm von Yvonne“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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29 Antworten zu Villa Triste

  1. saetzebirgit schreibt:

    Du scheinst ja richtig im Modiano-Lese-Rausch zu sein. Aber es liebt eben auch an diesen unaufgelösten Geheimnissen – nach jedem seiner Romane (ganz typisch auch dafür „Unfall in der Nacht“) legt man das Buch weg, ist ein wenig verwirrt (traumverloren wäre vielleicht das richtige Wort), ich war auch ein ganz klein wenig unzufrieden (weil ich Geheimnisse gerne gelöst haben will) und wollte dann meist auch den nächsten Roman von ihm…wer weiß, vielleicht kommen wir bei der Lektüre seiner Bücher dem Geheimnis auf die Spur: Nämlich, dass das Leben eben einfach ein Rätsel ist.

  2. Du hast gewonnen, Petra. Er kommt auf meine Leseliste.🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Finde ich prima : ) Übrigens: Diese Übersetzung gefiel mir besonders gut. Ich kann leider nicht so brillant Französisch, dass ich die Romane im Original lesen könnte … Wäre interessant zu wissen, ob der Roman auch im Original sprachlich „besser“ ist als Die Kleine Bijou oder Im Café der verlorenen Jugend …

  3. Mina schreibt:

    Mich wundert es ja gar nicht, dass Du ihm so verfallen scheinst, liebe Petra.
    Denn wenn man Deine Beiträge so liest, kommt so ganz leise das Gefühl von „Midnight in Paris“ in einem auf…:)

  4. entdeckeengland schreibt:

    Nach all Deinen Besprechungen fühle ich mittlerweile auch die ersten Symptome der Modiano-Gier. Mir scheint, sie ist ansteckend… Lieben Gruß aus dem nasskalten Greenwich, Peggy

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das kann gut sein, liebe Peggy : ) Hier ist es auch ganz schön kalt geworden, allerdings eher feuchtkalt, novemberlich (dezemberlich müsste mehr klare Kälte haben, für meinen Geschmack). Liebe Grüße!

  5. Brasch & Buch schreibt:

    Es könnte sein, dass ich doch noch mal einen der Modianos in die Hand nehme und wieder lese. Drei davon fand ich in meinem Regal als ich von der Preisverleihung hörte. Ich war wirklich irritiert. Es ist zwar nicht gänzlich ungewöhnlich, dass man die Inhalte von Büchern fast völlig vergisst, doch zumindest erinnere ich mich dann doch an die Stimmung, in die sie mich brachten oder in der ich damals war. Doch selbst das gelang mir bei den Büchern von Modiano nicht mehr. Ich wußte nur noch, dass ich das dritte abgebrochen hatte.

    Ist es nicht skurril, dass ein Autor, der vorwiegend Bücher über das Erinnern schreibt, die dann so wenig erinnert werden? Denn meine Irritation teilten auch die wenige Bekannten, die einen Modiano zu Hause hatten.

    Nachdem ich jetzt aber wieder diese Begeisterung hier lese, regt es mich nun doch an, es noch einmal zu versuchen. Aber vielleicht schenke ich mir dafür dann wenigstens den neuen Roman.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Du hast Recht, lieber Thomas, meist erinnert man sich ja wenigstens noch daran, ob man das Buch mochte oder nicht. Wenn ich mich an gar nichts mehr erinnere, ist das meist kein gutes Zeichen. Aber vielleicht gelingt es dir, seinen Romanen noch mal etwas abzugewinnen unter dem Aspekt, wie er mit Erinnerungen in seinen Romanen umgeht … Und in der Tat, das ist wirklich skurril, dass dir seine „Erinnerungsbücher“ nicht in Erinnerung geblieben sind – ich glaube allerdings, dass das bei mir nicht der Fall sein wird. Vielleicht verschwimmen sie, aber das ist ja nicht ungewöhnlich für Erinnerungen.

  6. nweiss2013 schreibt:

    Das habe ich jetzt nicht gelesen, weil das Buch am Wochenende dran ist (Bahnfahrt). Ich schaue mir Deine Meinung dann nach der eigenen Lektüre an🙂

  7. dasgrauesofa schreibt:

    Liebe Petra,
    Deine Modiano-Besprechungen sind wirklich ansteckend. Langsam machst Du mich ja doch neugierig…
    Viele Grüße, Claudia

  8. Maren Wulf schreibt:

    Liebe Petra, ich bin mir nicht sicher, ob mich die Modiano-Lektüre ähnlich begeistern würde wie dich oder vielleicht doch etwas unbefriedigt zurückließe. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis ich nicht mehr anders kann, als mir selbst ein Bild zu machen.😉 Deine Besprechungen seiner Bücher gefallen mir jedenfalls gut, diese besonders. Schön, was du über Erinnerungen und das Erinnern schreibst. Herzliche Grüße!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke für das Lob, liebe Maren : ) Ich könnte mir vorstellen, dass Leserinnen und Leser, die gern Krimis oder Thriller mit Auflösung lesen, sich vielleicht mit dieser Unaufgelöstheit weniger anfreunden können. Mich stört es nicht, weil diese Vagheiten viel Raum für eigene Gedanken und Spekulationen lassen. Man ist als Leserin oder Leser sozusagen auf Augenhöhe mit der erzählenden Figur, deren Neugier ja ebenfalls nicht gestillt wird. Liebe Grüße!

      • Maren Wulf schreibt:

        Krimis und Thriller sind nun nicht so mein Gebiet… Aber was du über die nicht gestillte Neugier schreibst, nährt tatsächlich meine Befürchtungen. So wunderbar ich es finde, beim Lesen in eigenen Erinnerungen zu schwelgen, zu assoziieren und zu spekulieren, so sehr liebe ich es, eine Geschichte erzählt zu bekommen. Und dazu gehört für mich tatsächlich, dass nicht alle Geheimnisse im Dunkeln bleiben. Ich sehe schon: Es führt kein Weg am Selbsttest vorbei…;-)

  9. Dina schreibt:

    Interessante Lektüre, liebe Petra! Ich habe bis jetzt nichts von Modiano gelesen, welches Buch schlägst du für Einstieg vor?

  10. Pingback: Literatur in 300 Wörtern (24): Patrick Modiano – Villa Triste | Sommerdiebe

  11. sommerdiebe schreibt:

    Schöne Rezension! Hab dich in meinem Blog mal verlinkt🙂 (https://sommerdiebe.wordpress.com/2015/04/25/literatur-in-300-wortern-24-patrick-modiano-villa-triste)
    Gebe dir recht: Modiano lässt einen wirklich oft in einem etwas verwirrten Zustand zurück. War zwar bei mir erst das zweite Buch, was ich von ihm gelesen habe, aber das scheint bei ihm ja irgendwie Programm zu sein. Das ist wohl der „Modiano-Effekt“😉

    Liebe Grüße
    Deborah von Sommerdiebe

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke dir! Für weitere angenehme Modiano-Effekte kann ich dir noch seine Romane Im Café der verlorenen Jugend, Sonntage im August (fast mit einer Auflösung!) und Die Kleine Bijou empfehlen. Einen völlig anderen Effekt erzielt übrigens sein Debüt-Roman Place de l’Etoile – harter, verstörender Stoff, aber ebenfalls lesenswert. Liebe Grüße!

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