Champagner aus Teetassen

Neulich fiel mir in meiner Lieblingsbuchhandlung Stephanus ein hübsch gemachtes Buch (leinengebunden, mit Lesebändchen) aus dem Aufbau Verlag ins Auge: Champagner aus Teetassen. Meine letzten Tage in Russland von einer gewissen Teffy. Der Kauf hat sich gelohnt! Ich habe nicht nur ein spannendes, mal absurd witziges, mal sehr trauriges Buch gelesen, sondern auch eine Schriftstellerin kennengelernt, von der ich noch nie hörte.

Und das ist erstaunlich, denn Teffy, die eigentlich Nadeshda Alexandrovna Lochwizkaja hieß und von 1872 bis 1952 lebte, gehörte zu den bekanntesten Schriftstellerinnen des Zarenreichs, die besonders wegen ihrer Satiren durch alle Gesellschaftsschichten hindurch gern gelesen wurde. Nun gut, mein Wissen über die russische Literatur hat sicher etliche Lücken, aber dass Teffy bislang nicht einmal in der deutschen Wikipedia einen Eintrag hat, verwundert mich. In der englischen Wikipedia gibt es übrigens etwas über die Schriftstellerin zu lesen. Zum Glück gibt das Nachwort von Christa Ebert Aufschluss über diese interessante, leider in Vergessenheit geratene Schriftstellerin. Auch ihre Anmerkungen und die der Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt sind überaus hilfreich. Darin erfährt man nämlich unter anderem, dass fast alle im Buch genannten Personen real existierende, teilweise sehr bekannte Schriftsteller und Künstler waren. Bei einigen wusste ich es, ihre Namen hatte ich schon gehört, von manchen auch etwas gelesen, doch viele andere waren mir ebenso unbekannt wie Teffy.

Die Anmerkungen und das Nachwort sind auch deshalb erhellend, weil die Erinnerungen Teffys ohne sie und ohne den autobiographischen Hintergrund zu kennen, durchaus als Roman durchgehen könnten. Teffy schreibt nicht nostalgisch verklärend oder todernst (was man erwarten könnte) oder zumindest weh- bis schwermütig über die sie umgebende Verwirrung, die täglichen Grausamkeiten, die willkürliche Gewalt und all die Menschen, die auf einmal verschwinden. Stattdessen lesen sich ihre Erinnerungen erstaunlich leicht trotz der gleichzeitigen Beklemmung. Dabei sind manche Ereignisse und Figuren sicher überzogen dargestellt, um das Groteske der Situation zu betonen. Teffy war wirklich eine gute Erzählerin. Entsetzen und Schmunzeln liegen beim Lesen ihrer Erinnerungen sehr nah beieinander.

Sie nimmt die Perspektive der meist heiter gelassenen, bekannten Schriftstellerin ein, die beobachtet, kommentiert, aber auch mitten hineingezogen wird in den Strudel des Emigrantenstroms. Ihre Flucht von Moskau durch Russland in die Ukraine und schließlich nach Noworossisk am Schwarzen Meer, wo sie ein Schiff besteigen und ihre Heimat für immer verlassen wird, ist rasant. Wir erfahren von ihren Begegnungen unterwegs mit freundlichen, hilfsbereiten Menschen, aber auch mit solchen, die aus lauter Angst ihre Fähnchen nach dem Wind drehen. Manche mit Erfolg, manche verschwinden genauso wie jene, die ihren Überzeugungen treu geblieben sind. Dabei ist es fast gleichgültig, welche Überzeugungen das sind. Die Willkür, mit der Menschen verhaftet, eingekerkert, erschossen, geblendet, geplündert werden, machen den unvorstellbaren Schrecken für diese Menschen in jener Zeit schmerzhaft spürbar. Und mittendrin in all dem Wahnsinn Teffy, die immer wieder gerade so viel Glück hat, dass sie weiterkommt, wegkommt, obwohl sie dies ihr restliches Leben lang betrauern wird. Unbedingt lesenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Champagner aus Teetassen

  1. Pingback: [Philea's] Champagner aus Teetassen - #Literatur | netzlesen.de

  2. Mina schreibt:

    Liebe Petra,
    das ist ja eine schöne Entdeckung!
    Als Du gerade Stephanusbuchhandlung geschrieben hast, dachte ich sofort: „wohnst Du in Trier?“ Aber dann folgte ich dem Link und fand heraus, dass die besagte Buchhandlung in Kassel zu verorten ist. Aber diese Erwähnung hat mich an eine meiner Lieblingsbuchhandlungen in Trier erinnert. Sowohl oben auf dem Campus, wo ich meist meine Uni-Bücher kaufte, als auch die kleine Filiale in der Stadt fand ich immer toll. Hach, jetzt schwelge ich wegen Dir in Trier-Erinnerungen; und daß, obwohl Dein Beitrag hier eigentlich gaaaar nichts mit Trier zu tun hat…tsss…
    Schönen vierten Advent, Dir!
    Mina

  3. buchpost schreibt:

    Das klingt wirklich spannend, danke für den Tipp, das Buch wäre sonst an mir vorbeigegangen. Dir und euch schöne Weihnachtstage und liebe Grüße, Anna

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Anna, ich freue mich, dass ich dich für das Buch interessieren kann, es ist wirklich ein feiner Fund. Außerdem habe ich nun Lust bekommen, mich weiter über die Künstlerinnen und Künstler des Silbernen Zeitalters zu informieren und lese gerade ein sehr interessantes Buch dazu, mehr darüber dann demnächst.
      Ich wünsche dir ebenfalls schöne Feiertage & schicke viele liebe Grüße!

  4. Liebe Petra,
    das ist ja eine sehr spannende Entdeckung. Nach Deiner Besprechung und dem, was ich bei Wikipedia über die Dame gelesen habe zu urteilen, klingt das nach einer zwingenden Lektüre. Ich habe mir den Titel jedenfalls für baldigst notiert. Zeit und Umstände finde ich höchst interessant – und mal nicht von den üblichen Verdächtigen geschildert!
    Vielen Dank für den tollen Tripp und Dir fröhliche Weihnachten
    Kai

  5. Kastanie schreibt:

    Neulich saß ich im Zug und eine junge Frau bei mir im Abteil las dieses Buch. Der Titel machte mich neugierig, habe ihn dann aber wieder vergessen. Jetzt stellst Du das Buch vor und der Inhalt scheint auch genau nach meinem Geschmack zu sein. Vielen Dank dafür🙂 , Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist ja ein schöner Zufall, liebe Claudia! Ich freue mich, wenn dich die Beschreibung zum Selberlesen anregt – und bin gespannt, ob du auch etwas dazu schreiben wirst auf deinem Blog : ) Liebe Grüße!

  6. Pingback: Netzalmanach Oktober bis Dezember 2014 | notizhefte

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