Schmökerzeit

Draußen Regen, Sturm, Schneegestöber gar – drinnen Kerzen, Tee, Sofa und dicke Schmöker zum Versinken. In den letzten Tagen machte die Parallelleserei bei mir Pause und ich vertiefte mich jeden Nachmittag in einen anderen spannenden Unterhaltungsroman. So macht schlechtes Wetter Spaß!

Den Anfang machte Das Buch der Fälscher von Charlie Lovett (übersetzt von Lutz-W. Wolff). Der Roman, stilistisch typisch für einen guten Unterhaltungsroman, also kein Sprachereignis, sondern spannend und nicht zu schnell, erzählt auf mehreren Zeitebenen verschiedene Handlungsstränge. Da ist zum einen der Antiquar Peter, der sich in ein Cottage in Wales zurückgezogen hat, um den Tod seiner geliebten Frau zu verarbeiten. Eines Tages macht er einen Ausflug ins Bücherdorf Hay-on-Wye, wo er in einem alten Buch das Aquarellporträt einer Frau findet, die seiner eigenen verblüffend ähnelt. Er versucht, mehr über den Maler, einen gewissen B. B., herauszufinden. Außerdem gelangt ein Manuskript mit handschriftlichen (!!!) Anmerkungen von Shakespeare in seine Hände – sollte dieses Manuskript echt sein, wäre dies eine wahre Sensation. Bei seinen Bemühungen wird Peter tatkräftig unterstützt von Liz, die er im Zuge seiner Recherchen kennenlernt. Auf anderen Zeitebenen wird Peters Geschichte mit Amanda, seiner verstorbenen Frau, erzählt – eine hübsche, wenn auch kitschige und nicht sehr wahrscheinliche Liebesgeschichte – sowie eine weitere Liebesgeschichte auf einer anderen Zeitebene. Hinzu kommt die Geschichte des Manuskripts, wie es von Hand zu Hand ging – verkauft, vererbt, überlassen, gestohlen, versteckt. Natürlich sind das geheimnisvolle Aquarell, das Manuskript sowie seine eigene Geschichte, die seiner Frau und die zweite Liebesgeschichte ordentlich miteinander verwoben, wie es sich für dieses Genre gehört. Angenehme Unterhaltung, vermutlich besonders für Shakespeare-Fans, da es sich bei dem Manuskript um den Schäferroman Pandosto des einst populären englischen Dramatikers Robert Greene handelt, der Shakespeare zu seinem Wintermärchen inspirierte.

Daraufhin las ich einen älteren Roman (Das Labyrinth von Wakefield Hall von Francesca Stanfill) wieder, der gut zwanzig Jahre früher erschien, weshalb ich mich zum Glück nicht mehr genau an das Ende erinnern konnte. Insgesamt fand ich ihn allerdings beim Wiederlesen ziemlich nineties und fragte mich, ob es nicht doch ein Verfallsdatum, zumindest für diese Art von Romanen, gibt. Dann begann ich mit der Dreizehnten Geschichte, die war mir allerdings noch so gut erinnerlich, dass ich dringend einen neuen Schmöker brauchte.

Ich entschied mich für Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joël Dicker und las den Roman gebannt von nachmittags bis nachts um halb eins. 724 Seiten, übersetzt von Carina von Enzenberg und keine Sekunde Langeweile oder ein Hänger, den man mal lieber querliest. Mara hatte über das Buch schon vor längerer Zeit eine Besprechung geschrieben, der ich wenig hinzuzufügen hätte. Vielleicht so viel: Es ist wirklich enorm, wie amerikanisch einem dieser Roman des Schweizer Autors vorkommt, in allem – Plot, Setting, Stil etc. Ein bisschen erinnerte er mich an Vincent, wohl wegen der satirischen Seitenhiebe auf die Verlagswelt. Zudem könnte ich mir den Roman bestens als Miniserie – irgendwas zwischen Castle und Fargo – vorstellen. Für mich war dies jedenfalls einer der spannendsten Unterhaltungsromane der letzten Jahre. Außerdem habe ich bei der Gelegenheit festgestellt, dass bei dieser Art von Literatur meine Lesegeschwindigkeit mindestens 100 Seiten pro Stunde beträgt (ohne querzulesen, also wirklich gelesen). Bei Proust lasse ich mir deutlich mehr Zeit.

Fazit: Mit guten Schmökern macht auch schlechtes Wetter Spaß.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Schmökerzeit

  1. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    eigentlich waere, bei kuehlem und regnerischem Wetter, auch hier die Schmoekerzeit angesagt, aber im Augenblick verfolge ich auf WDR2 die Bundesliga und schreibe parallel dazu eine ausfuehrliche E-Mail an meine Freunde ich Deutschland ueber meine „Herzgeschichten“.
    Hab‘ ein feines und ruhiges Wochenende,
    Pit

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Aha, ein Fußball-Fan weiß sich die Zeit natürlich auch gut zu verbringen : ) Ich hoffe sehr, dein Herz macht keine G’schichten mehr, sondern was es soll. Dir auch ein schönes Wochenende & liebe Grüße!

      • Pit schreibt:

        Hallo Petra,
        ja, die Bundesliga lässt mich einfach nicht los. Mit (American) Football kann ich nämlich nicht viel anfangen. Ich schaue das zwar zusammen mit meiner Frau, insbesondere morgen Superbowl, aber meine Lieblingssportart ist das nun wirklich nicht. Wenn Alles gut geht, gibt es hier ab der nächsten Saison die Bundesliga live. Das wäre dann wirklich was!
        Zum Herzen: das scheint jetzt, nach Katheter und Stent, in Ordnung zu sein. Sportliches Gehen und auch Fahrradergometer klappen jedenfalls wieder. Mit dem Pedalieren muss ich allerdings noch etwas vorsichtig sein. Nach vorhin 30 Minuten fühle ich doch die Stelle ganz gut, wo sie mit dem Katheter reingegangen sind, und wo noch für einige Zeit ein Stopfen sitzt, bis der sich aufgelöst hat.
        Hab‘ einen schönen Sonntag, und auch Dir liebe Grüße,
        Pit

  2. Pingback: [Philea's] Schmökerzeit - #Literatur | netzlesen.de

  3. andreabreuer schreibt:

    100 Seiten pro Stunde. Nicht schlecht. 🙂

  4. Petra Wiemann schreibt:

    Mit dem Fall Harry Quebert möchte ich am liebsten gleich loslesen! Ich liebe Bücher, in denen man so versinken kann. Danke, dass du mich an dieses Buch erinnert hast!

  5. Pingback: Sonntagsleserin Februar 2015 | buchpost

  6. Chapitre Onze schreibt:

    I’m glad you enjoyed reading this book 🙂

  7. mickzwo schreibt:

    Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joël Dicker und Die Buchhandlung von Penelope Fitzgerald habe ich beide auf meine Leseliste gesetzt. Ich bin gespannt, welches davon ich als erstes lese. In jedem Fall: Danke für die Hinweise 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ist mir ein Vergnügen : ) Den Dicker würde ich mir für eine Zeit vorknöpfen, wenn wenig Termine anstehen, man möchte die Lektüre nämlich eigentlich nicht unterbrechen ; ) Die Buchhandlung ist ja dagegen recht dünn, die kann man mal an einem gemütlichen Abend lesen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s