Von Verführern und reisenden Frauen

Heute stelle ich euch zwei Bändchen mit Erzählungen von Djuna Barnes vor: Verführer an allen Ecken und Enden und Die Frau, die auf Reisen geht, um zu vergessen (beide übersetzt von Inge von Weidenbaum). Beide enthalten Artikel, die die Schriftstellerin unter anderem für die Vanity Fair, den New Yorker und die Charm schrieb und die ihre verschiedenen Facetten wunderbar zeigen: Bissig, kultiviert, romantisch, melancholisch – eine Frau nach meinem Geschmack.

Verführer an allen Ecken und Enden

Der Untertitel zu Verführer an allen Ecken und Enden lautet Ratschläge für die kultivierte Frau. Tatsächlich enthält er weniger Ratschläge – außer „Was ist Lebensart beim Sterben?“, worin es um Empfehlungen für den passenden Selbstmord beispielsweise für Blondinen, Dunkelhaarige oder auch Rothaarige geht – sondern vor allem Geschichten von Liebe und Einsamkeit. Wie romantisch bei aller Bissigkeit Djuna Barnes gewesen sein muss, zeigt gleich ihre erste Erzählung „Der 1. April“ über ein Liebespaar, das gemeinsam altert. Die beiden sind anderweitig verheiratet und treffen sich jedes Jahr im April in Rom. Die jeweiligen Ehepartner wissen von dem Verhältnis und glauben nun, nach 30 Jahren, endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben, wie sie das Liebespaar trennen könnten.

Rührend auch ihre Geschichte darüber, wie man „Unsolides“ solide macht, und zwar solide genug, dass es Gnade vor Mamas Augen findet. Dabei dabei geht es keinesfalls um Gegenstände, wie man meinen könnte, sondern um faszinierende Personen, die die Erzählerin gern näher kennenlernen, sammeln würde wie Schätze. „Madame wird älter“ erzählt in Tagebucheinträgen von einer Frau mittleren Alters, die noch einmal versucht, jung zu sein, und in „Gegen die Natur“ geht es nur oberflächlich um eine Frau, der alles Natürliche und Einfache zuwider ist.

Die Frau, die auf Reisen geht, um zu vergessen

Ebenfalls lesenswert ist Die Frau, die auf Reisen geht, um zu vergessen. Dieses Bändchen enthält überdies ein interessantes Nachwort der Übersetzerin sowie zahlreiche Fotos und Illustrationen, auch von Djuna Barnes selbst. Auf die beiden Bändchen war ich übrigens über die Empfehlungen am Ende des Bandes Englische Exzentriker gekommen. Da ich vor Jahren Djuna Barnes herrlich verrätselten, barocken Ladies‘ Almanach gelesen hatte, der übrigens überaus putzig von ihr illustriert wurde und mir in guter Erinnerung geblieben war, bestellte ich mir die beiden Bändchen. Doch zurück zur Sache, also zur Frau auf Reisen.

Im Nachwort ist zu lesen, dass Djuna Barnes beruflich bedingt viel reiste, da sie als Freie für verschiedene Magazine schrieb. Bei alledem lernte sie berühmte Persönlichkeiten ihrer Zeit kennen wie James Joyce oder Gertrude Stein bzw. traf viele alte Bekannte, die sie noch aus New York kannte, wieder wie Marcel Duchamp, Man Ray oder Elsa von Freytag-Loringhoven. Anders als viele ihrer berühmten Bekannten wie Nathalie Barney, die Stein oder Peggy Guggenheim musste Djuna Barnes sich ihren Lebensunterhalt verdienen – durchs Schreiben. Das Nachwort – das ich wie üblich zuerst las – endet mit den Worten „Solange Djuna Barnes und Lydia Steptoe [ihr Pseudonym] auf Reisen gehen, gehört die elegante, parodistische Pose zu ihrem esprit de conduite als hochmütige Ladies, erfahren in continental chic und Old World sophistication“ [S. 71]. Eine gute Einstimmung auf die Texte, die Djuna Barnes in den 1920-er Jahren verfasste.

Die vorangestellten Worte zum Bändchen fand ich sehr passend zu den Texten: „Bilder von der Lust des Reisens, witzig, selbstironisch, exzentrisch: Sie reißen den Stadtbewohner in die Ferne und den Reisenden aus der Ferne heimwärts.“

Der erste der Texte, nach dem das Bändchen benannt ist, geht wieder melancholisch das Thema Frau mittleren Alters an. Diesmal am Beispiel einer Amerikanerin, die auf Reisen ihre gescheiterte Ehe vergessen, aber – ganz wichtig! – dabei keineswegs selbst vergessen werden will. „Ein Hauch von Indiskretion“ nimmt die Klischees, die offenbar bereits damals über amerikanische Touristen im Umlauf waren, auf die Schippe anhand einer Bildungsreise, die am Ende nicht unbedingt den Horizont erweitert: „In einer Demokratie ist es immer von Nutzen, wenn man ein wenig französisch ist in der Kleidung, ein wenig italienisch im Schmuck, ein wenig englisch im Benehmen und ein wenig russisch im Denken. Schließlich macht einen das so amerikanisch!“ [S. 23]

Zwischen Ernst und Augenzwinkern schlägt Djuna Barnes mit „Französische Etikette für Ausländer“ in eine nahegelegene Kerbe und erteilt Ratschläge für den „ahnungslosen amerikanischen Touristen, der in Paris frei herumläuft“. Sehr amüsant ist „Die Sehnsucht nach Einsamkeit“ über eine Frau, die es genießt, zwischen lauter berühmten Leuten in einem Pariser Café zu sitzen und von „Eremiten und Einsamkeit“ zu träumen. Tatsächlich macht sie sich auf die Reise nach den Balearen und kehrt recht gern wieder zu den Annehmlichkeiten der Großstadt zurück. Gut gefiel mir auch die letzte Geschichte, die eine Rückkehr nach New York beschreibt, das zwar ebenso wenig ideal ist wie etwa Paris, aber eben nun mal die Heimat.

Leseempfehlung für beide Bändchen, die im schönen Verlag Klaus Wagenbach erschienen sind!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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11 Antworten zu Von Verführern und reisenden Frauen

  1. Pingback: [Philea's] Von Verführern und reisenden Frauen - #Literatur | netzlesen.de

  2. Herr Ärmel schreibt:

    Schön, dass Sie auf die Anregung reagiert haben und noch schöner, wie Sie über Ihre Leseerlebnisse schreiben.
    Das Bändchen von Djuna Barnes habe ich ebenfalls dieser Anregung zu verdanken und ich bin begeistert. Dabei wollte ich das garnicht lesen, sondern verschenken.
    Abendschöne Grüsse aus dem buchstabierenden Bembelland

  3. Trippmadam schreibt:

    Danke. Ich sollte wirklich mal wieder Djuna Barnes lesen.

  4. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra, Djuna Barnes ist auch ein fester Bestanteil meines Bücherregals. Ich mag die Melancholie der Geschichten.
    Einen schönen Freitag wünscht dir Susanne

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