Bücherkoffer Nr. 24 von Dr. Peter Plener

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Ich freue mich sehr, dass Dr. Peter Plener, dem ich seit einiger Zeit auf Twitter folge (@peterplener), mir pünktlich zum Welttag des Buches einen sehr schönen Text für die Bücherkoffer-Serie gesendet hat. In seinem Falle handelt es sich allerdings um eine Bücherkiste; den Koffer bepackt er mit anderen Dingen wie seiner Urlaubsgarderobe oder auch Kaffee.

Dr. Peter Plener ist Germanist, Historiker, Kultur- und Medienwissenschaftler. Von 1993 bis 2005 Lehrtätigkeiten an Universitäten im In- (Österreich) wie Ausland, 2001 gründete und bis 2007 leitete er die wissenschaftliche Internetplattform Kakanien revisited. Seit 2004 Tätigkeiten im Parlament, Verteidigungsministerium und Bundeskanzleramt. Publikationen über Literatur, Medien, Kulturgeschichte, Fußball und die österreichisch-ungarische Monarchie.

Und hier seine Gedanken und Anregungen zum Thema Bücherkoffer bzw. -kiste:

„Der Bücherkoffer ist eine Kiste. Das war schon immer so. Da ich aus alten Schulen komme, ist meine medientechnische Flexibilität als ausgesprochen eingeschränkt zu bezeichnen. Eine ubiquitäre Konzentrationsfähigkeit, die sich auf elektronisch relevante Fingerfertigkeit erstreckt, ist mir nicht mitgegeben worden.

Lesen verbindet sich bei mir sehr unmittelbar mit Handhabung. Die Fingerspitzen brauchen die Haptik und eine Hand muss den Bleistift jederzeit führen können. Es gilt umzublättern. Deshalb konnte ich beim Lesen auch nie rauchen. Ich habe es natürlich probiert, doch eigentlich habe ich dann alle Hände voll zu tun, da kann ich nicht auch noch den Genuss der Tabakware beimengen. Oder jenen elektronischen Beiwerks.

Mit Roland Reuß, der in einem Buch des Wallstein-Verlags (der peu à peu eine sehr gute Reihe zur „Ästhetik des Buches“ herausbringt) Paul Valéry zitiert, brauche ich eine „perfekte Lesemaschine“ – und diese ist allein in Papierform an die Hand gegeben. Viele praktische Gründe (erfreulich mangelhafte Strom- und Netzabdeckung am Zielort, Bruchsicherheit des Buches vs. Selbstzerstörungsfreudigkeit eines Books mit „e-„, das daraus stets ableitbare Risiko des völligen Wegfalls von Lektüre bei Ausfall,… genug davon!) lassen sich dafür anführen, weshalb ich immer dann, wenn ich für einige Tage nicht in meiner kleinen Bibliothek oder bei meinem Buchhändler werde sein können, eine Auswahl an auf Papier gedruckten und sodann zu einem Buch gebundenen Zeilen mit mir führe. Zumeist nicht unter den von der UNESCO vorgeschriebenen 49 [! – dazu später] Seiten („A book is a non-periodical printed publication of at least 49 pages, exclusive of the cover pages…“). Seiten, Blätter und Zeilen: gut gemachte Bücher verfügen über genug Platz für lesensnotwendige Notizen, Striche. Sie haben einen Satzspiegel („Aurea prima sata est aetas…“), der klug berechnet und gesetzt ist, die Zeilen sind zur perfekten Lesbarkeit hin durchschossen und die Typografie ist von kundiger Hand gewählt worden. Gegen elektronisches Publikationsgut habe ich gar nichts (wenngleich ich angesichts der fortschreitenden Perfektionierung der Medienverbundmaschinen ahne, dass bis dato ungekannte Formen des Lesens und der Rezeption sich einstellen werden, die Ablenkungen und Verfügbarkeit von Anderem Teil dieses Lesens neueren Stils werden lassen – das ist wahrscheinlich gar nicht schlimm, nur eben anders), nutze es selbst immer wieder. Bloß wenn ich wegfahre, interessiert es mich nicht. Dann braucht es eben den Koffer, der eine Kiste sein wird.

Zumindest zwei der Belletristik im Wortsinn zuzurechnende Romane sind stets darin (aus erfindlichen Gründen immer einer aus dem 19. Jahrhundert), einige Kriminalromane, etwas Fachliteratur zu meinen Arbeitsgebieten und ein Band Lyrik. Weiters packe ich in diese Kiste zwei Bleistifte, einen Spitzer (gerne auch ein Federmesser; es ist schön anzusehen und passt zusammen mit den Bleistiften gut zum Papier), zwei Schreibblöcke in DIN lang (aus einer Druckerei meines Vertrauens und exakt so gefertigt, wie ich sie brauche: Munken Lynx, 100er Grammatur). Dies ist die Grundausstattung, die verbleibenden Plätze in der Kiste werden an jene Druckwerke verlost, die als Ungelesenes bzw. Angelesenes „vor dem Gesetz“ an den dafür vorgesehenen Orten (Nachtkasten, Schreibtisch, Aktentasche) sich ablegen ließen. (Dies ist eigentlich sehr banal, so macht das doch jede und jeder, denke ich.)

Kurzum: Die Bücherkofferkiste für den Sommer 2015 ist – wie sich nun leicht folgern lassen wird – aufgrund der Ungewissheit, was ich bis zum Zeitpunkt der Abreise noch gelesen haben werde, bislang nur eingeschränkt vorherschreibbar; gewiss sind lediglich diese Bände (NB: Empfehlungen):

# Horcynus Orca von Stefano D’Arrigo, in der Übersetzung von Moshe Kahn (hebe ich gut originalplastifiziert bis dahin auf und habe noch keine Ahnung, ob dieses Monster sich mit der sirrenden Sonnenluft vertragen wird);

# Moby-Dick von Herman Melville (die Northwestern-Newberry Edition; Aufsätze zu den Kapiteln 69 und 38 sind zu schreiben und ich will über diese in Ruhe nachdenken können);

# Ameisengesellschaften von Niels Werber (ich schätze die Arbeiten von Niels ohnehin sehr und überdies braucht es die notwendige Fachliteratur zu systemischen Vergesellschaftungen, um der Fauna vor Ort die Referenz zu erweisen)

# Was ist Dichtung? von Jacques Derrida (bei Brinkmann & Bose, einem meiner drei Lieblingsverlage; eine viersprachige Ausgabe von 48 [! – s.o.] Seiten – und die Antwort auf die Frage ist wohl einfach die, dass Dichtung das ist, was man auswendig lernt; Derrida summt und raunt immer so nett, man muss das aber nicht ganz ernst nehmen);

# Coppelius, Cagliostro und Napoleon von Michael Rohrwasser (bei Stroemfeld, einem weiteren meiner drei Lieblingsverlage; ein Buch von Michael – lesen Sie unbedingt seinen Band Freuds Lektüren; etwas Besseres kriegen Sie zu dem Thema nicht in die Finger! – ist immer eine Herausforderung und ein Gewinn zugleich; und: ich habe noch ein wenig über E.T.A. Hoffmann nachzulesen);

# Kulturmanöver. Das k.u.k. Kriegspressequartier und die Mobilisierung von Wort und Bild, herausgegeben von Sema Colpan, Amália Kerekes etc. (weniger weil ich einen Beitrag darin stehen haben werde, sondern weil mich die Aufsätze zur Konferenz aus 2013 in Einem zu lesen interessiert; immer vorausgesetzt, dass der Bibliophilie nicht in sein Geschäftsmodell integrierende Lang-Verlag bis zu meinem Kistenpacken einen Druck zuwege bringt).

In meinen Koffer packe ich hingegen nur Sonnenbrille, Badehose, Pétanque-Kugeln, Espresso-Kanne, ein Kilo neapolitanischen Kaffee und … ein Buch. Ich reise gerne mit leichtem Gepäck, mithin Koffer und Kiste.“

Mit leichtem Gepäck würde ich auch gern verreisen, doch spätestens der Koffer, die Tasche oder gar die Kiste (du bringst mich auf Ideen!) vereiteln diesen Plan stets. Dir, lieber Peter, ganz herzlichen Dank für deine persönlichen Gedanken zu Büchern und zum Lesen und für deine sehr interessanten Lektüre-Anregungen. Denen werde ich noch näher nachgehen …

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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11 Antworten zu Bücherkoffer Nr. 24 von Dr. Peter Plener

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  2. Maren Wulf schreibt:

    Köstlich. Mich würde brennend interessieren, wohin die Reise geht. 😉

  3. dasgrauesofa schreibt:

    Ein toller „Bücherkoffer“! Wie ich mich im Konzept der Bücherkiste wiederfinde – auch wenn es bei mir meistens mehrere Rucksäcke sind, denn dann lässt sich die Umpackung auch im Urlaub noch nutzen. Nicht nur Bücher kommen da hinein (und zwar natürlich „paperbased“ Versionen, das Digitale und die möglichen Probleme im Urlaub wegen technischer Defekte überhaupt nicht lesen zu können, erschrecken mich zu sehr und werden ja in Peter Pleners Text auf wunderbare Weise geschildert), sondern auch notwendige Stifte und weiteres Papier zum Anstreichen und Notieren, kleine Post-its auch, zum schnellen Wiederfinden wichtiger Textstellen. So ein Urlaub will schon umfassend geplknt sein, soll die Lektüre dann rund um perfekt sein.
    Viele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Claudia, nun hab ich aber großes Interesse an deinen Bücherrucksäcken bekommen – hast du Lust, sie uns hier näher vorzustellen? Ich würde mich freuen! Gern auch mit Fotos und Lieblings- oder Sehnsuchtszielen : ) Liebe Grüße!

      • dasgrauesofa schreibt:

        Hm, muss ich mal drüber nachdenken. Ich lese die „Bücherkoffer-Beiträge“ immer gerne und bin immer sehr beeindruckt über die Themenwahl und Konsequenz, mit der die Schreiber ihre Bücherkoffer packen und vorstellen. So thematisch suche ich ja meine Reiselektüre gar nicht aus. Aber ich verspreche: Ich werde den Gedanken mal weiterverfolgen und schaue mal, ob mir ein schöner Rucksackbericht einfällt.
        Viele Grüße, Claudia

  4. Tobi schreibt:

    Tja, was die eBook Frage angeht, kann ich nur zustimmen. Ich hab mir auch einige Gedanken zu dem Warum gemacht, aber am Ende ist die Affinität zum Gedruckten wohl irgendwas, das tief in mir vergraben ist und eigentlich auch nicht entdeckt werden muss, denn mit den Seiten zwischen den Fingern fühle ich mich ja sehr wohl.

    Die Auswahl ist hervorragend. Moby Dick steht bei mir ziemlich weit oben auf der Liste. Tja und Horcynus Orca, da kann ich nur sagen: pack es aus und fang am besten noch auf dem Weg zu fremden Gestaden mit dem Lesen an. Habe soeben die Rezension zu diesem Meisterwerk gebloggt.

    Liebe Grüße
    Tobi

  5. Augenfalter schreibt:

    Schon das Notierte von Dr. Peter Plener ist Literatur. Bei der ersten Lektüre seines Textes vergaß ich mir die Titel seiner Bücherkiste zu vergegenwärtigen, so sprachgenüsslich ist sein Geschriebenes. Auch meinen Dank für diesen Bücherkofferbeitrag!

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