Ein Drama in Musselin

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Das Manesse-Bändchen von George Moores Roman Ein Drama in Musselin eignete sich bestens für den Urlaubskoffer, nicht nur wegen der geringen Größe und des leichten Gewichts. Halb befürchtete ich arg Melodramatisches wegen des Titels und in Unkenntnis des irischen Schriftstellers, wurde aber angenehm enttäuscht.

Wenn mir mein Freund und Kollege Stephan nicht diese herrlichen Manesse-Bändchen aus dem Nachlass seiner Eltern geschenkt hätte, hätte ich vermutlich immer noch nichts von George Moore gehört. Moore, ein Zeitgenosse Wildes und Shaws, wollte ursprünglich Künstler werden und studierte unter anderem an der Ecole des Beaux-Arts in Paris. Da er sich als nicht gut genug befand, wandte er sich dem Schreiben zu. Beeinflusst war er vom Naturalismus, besonders Zola, und Realismus. Gerade letzteres zeigt sich auch in Ein Drama in Musselin.

Zum Inhalt: Mehrere junge Mädchen sollen nach dem Besuch einer Klosterschule in die Gesellschaft eingeführt und idealerweise gut verheiratet werden. Unter den Mädchen sind einige vor allem auf sich und ihr Aussehen – und natürlich eine gute Partie – bedacht, nur wenige andere interessieren sich dafür eigentlich gar nicht. Dazu gehört die beliebte und begabte Alice Barton. Ihre eigene Mutter rechnet sich für sie kaum Chancen aus. Umso mehr aber für ihre jüngere Tochter, Olive, eine blonde Schönheit mit viel Stroh im Kopf und leicht zu lenken. Alice interessiert sich vor allem für Literatur und kann dem Getue um das gesellschaftliche Debüt kaum etwas abgewinnen. Sie ist eng befreundet mit Cecilia, die unter einer Behinderung leidet und nicht nur aus diesem Grund dem ganzen Rummel ums Debüt gern fernbleibt. Sie hasst Männer, vor allem das, was sie aus den Frauen machen: abhängige, leicht zu beeinflussende Geschöpfe. Ihre Liebe zu Alice hat allerdings etwas Obsessives und wird beinahe das Ende der Freundschaft bringen.

Doch zuallererst muss das perfekte Debüt vorbereitet werden. Dabei nimmt die intrigante Mrs. Barton das Heft in die Hand und versucht, Olive unter die lohnendste Haube zu bringen. Als sich die beste Partie in ein anderes Mädchen verkuckt, werden Mrs. Bartons Bemühungen, doch noch die erwünschte Verbindung zustande zu bringen, immer peinlicher. Außerdem verbietet sie Olive den weiteren Umgang mit einem Captain, der Olive von Herzen zugetan ist. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Ganz unauffällig, im Hintergrund des Hauptgeschehens, das ihr vielleicht eine gute Tarnung bietet, entwickelt sich Alice und wächst über sich hinaus. In all dem Gewese um Hochzeiten, Männer und Intrigen schafft sie sich ihre Unabhängigkeit. Angeregt von der Bekanntschaft mit Mr. Harding beginnt sie, selbst zu schreiben und hat ein eigenes Einkommen. Sie ist die einzige, die das Drama in Musselin relativ unbeschadet überstehen wird.

Besonders interessant ist der Roman auch wegen der Bezüge zur damaligen politischen Situation in Irland. Die Land Leagues beginnen, sich gegen die englischen Großgrundbesitzer aufzulehnen. Die Verhältnisse sind feudal, irische Bauern zahlen hohe Pachten für ein bisschen Land, arbeiten hart und leben in Armut, während die Landlords kassieren und ein gutes Leben führen können. Die Aufstände werden gewalttätig, es gibt Tote auf beiden Seiten. Die Realität greift immer wieder in das Geschehen des Romans hinein, doch die jungen Mädchen, die nur auf ihre persönliche Zukunft bedacht sind, flattern wie die Schmetterlinge umher auf der Suche nach der schönsten Blume.

Teile des Romans scheinen auf den ersten Blick oberflächlich, zu seicht. Wobei es etliche sehr poetische Passagen gibt. Doch vor allem die Entwicklung Alices, ihre Gespräche mit Cecilia, aber auch die Darstellung ihrer kaltherzigen, janusköpfigen Mutter und der verschiedenen Mädchenschicksale sind sehr mitreißend. Obwohl einem das Thema heute weit weg und etwas angestaubt vorkommt, liest sich der Roman leicht und flüssig (die Übersetzung stammt von Elisabeth Schnack). Ich rate zu.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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18 Antworten zu Ein Drama in Musselin

  1. Pingback: [Philea's] Ein Drama in Musselin - #Literatur | netzlesen.de

  2. perlengazelle schreibt:

    Eine hübsche Idee, uns mit deiner Urlaubslektüre nach und nach bekannt zu machen, liebe Petra. Und ein Dank unbekannterweise an den Buchspender, ohne den ich nie etwas von diesem Büchlein gehört hätte. Schon der Titel klingt äußerst vielversprechend – Drama in Musselin. Einfach herrlich! Man sieht geradezu die Mädchen in ihren hübschen Sommerkleidern mit Bändern und Rüschen und Schärpen … und wie gut, dass es daneben auch politische Bezüge gibt und ein Mädchen, das sich emanzipiert. George Moore hat einen interessanten Lebenslauf, habe ich gerade entdeckt. Und von Manet ist er gemalt worden …hach!!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke dir, liebe Perlengazelle : ) Ich finde Moores Lebenslauf auch sehr interessant. Diese Manesse-Bändchen enthalten einige Perlen, die es noch zu entdecken gilt, daneben auch viele Autoren, die ich bereits kenne und schätze (Flaubert, Maupassant et al.), eine feine Fundgrube jedenfalls. Und natürlich perfekt in ihrer Größe und Leichtigkeit fürs Reisegepäck.
      Gerade zu den Mädchen gibt es bei Moore ganz zauberhafte Beschreibungen, zum einen als sie die Stoffe für ihre Kleider aussuchen, und dann noch eine besonders hübsche Stelle, als sie auf dem Debütantinnenball sind und die ganzen weißgekleideten Mädchen nur von hinten anhand ihrer Schultern beschrieben und mit verschiedenen Rosensorten verglichen werden. Sehr gelungene Passagen!

      • perlengazelle schreibt:

        Meine Mutter war Schneiderin und ich habe meine Kindheit quasi in den Stoffabteilungen der Kaufhäuser verbracht – von daher ist die Passage mit dem Stoffaussuchen ganz besonders interessant für mich. Das Buch muss ich haben. Hab schon bei ZVAB geschaut … 🙂

  3. Das muss ich lesen! Danke für den Tip. Gibt es das noch zu kaufen??
    Liebe Grüße Wortgestoeber

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, fein, dass ich dich auch dafür gewinnen kann : )
      Ich denke schon, dass man es noch bekommt, vermutlich beim Buchhändler bestellen – oder 2nd Hand versuchen? Liebe Grüße!

  4. haushundhirschblog schreibt:

    Dieses Buch könnte auch in meinem Reisekoffer einen Platz finden, nicht nur, weil die Manesse-Bändchen einfach wunderbar sind, oder weil ich mich auf Reisen gerne auf ganz neue, andere Stoffe, Themen einlasse, als ich das im Alltag kann. Vor allem aber, weil Du hier wieder einmal so begeistert und begeisternd Lust auf dieses Buch zu machen verstehst!
    Ja, herrlich!

    Liebe Grüße und danke dafür, mb

  5. alexandrakloeckner schreibt:

    Liebe Petra, Du hast mir mit Deinem schönen Blogbeitrag richtig Lust auf dieses Buch gemacht. Ich werde es lesen. Vielen Dank und liebe Grüße!
    Alexandra

  6. Liebe Petra,
    das klingt nach einem sehr lesenswerten Buch eines Autors, den ich überhaupt nicht kenne. Aber er ist Ire, dann kann das fast nicht schlecht sein (ich mag dieses gebeutelte Land und seine trinkfreudigen Einwohner und ihre vielen Geschichten sehr).
    Worauf ich aber nach wie vor geradezu neidisch bin, das ist Deine Sammlung alter Manesse-Bändchen…
    Liebe Grüße
    Kai

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Kai, heute hat mir mein Freund im Büro erzählt, dass er noch zwanzig weitere Manesse-Bändchen für mich hat! Ich freu mir noch ein drittes Auge in den Kopf : ) Liebe Grüße!

      • Liebe Perra,
        also Du hast tolle Freunde, die Dir solche Preziosen schenken. Wie kommt man an solche? Die auch noch ihre Manessebändchen nicht behalten wollen – was mir ja andererseits leicht suspekt wäre…
        Liebe Grüße
        Kai

  7. Pingback: George Moore – Esther Waters | Meine Leselisten

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