Fanny

Das Manesse-Bändchen von Ernest Feydeaus Roman Fanny eignet sich – wie alle Manesse-Bändchen – perfekt für unterwegs. Allerdings ist der kleine Roman so fesselnd, dass man sich mühsam losreißen muss, damit man nicht vergisst, an der richtigen Haltestelle auszusteigen.

Noch eine Entdeckung, die ich meinem Freund verdanke, der mir diese wunderschönen Manesse-Bändchen aus dem Nachlass seiner Eltern geschenkt hat. Ernest Feydeau – ich kannte ihn bislang nicht. Er wurde im gleichen Jahr wie Gustave Flaubert geboren und war mit ihm befreundet. Aber ihn verbindet noch mehr mit Flaubert: Auch Fanny wurde zu einem Skandalerfolg wie zuvor Madame Bovary. 1858 erschien Fanny, kurz nachdem der Prozess um Flauberts Roman gewonnen war und Flaubert wohl auch einen Bekanntheitsschub für die Madame verschaffte. Heute finden wir vermutlich weder die Kutschenszene noch die Szene, die bei Fanny für moralische Erschütterung sorgte, besonders anstößig. Mich freute eher, wie wenig früher ins letzte Detail bei einer Schlafzimmerszene gegangen wurde. Aber natürlich empfand die Leserschaft das vor 150 Jahren völlig anders.

Zum Inhalt: Der vierundzwanzigjährige Roger, der die Ereignisse schildert, ist unsterblich verliebt in die schöne Fanny, die allerdings verheiratet ist und drei Kinder hat. Auch Fanny liebt den elf Jahre jüngeren, ungestümen Mann, doch es ist klar, dass sie ihre Familie, vor allem ihre Kinder, nicht für ihn verlassen wird. Zumindest war mir das beim Lesen klar. Roger, der im Rückblick von seiner Liebe und vor allem von seiner ihn fast in den Wahnsinn treibenden Eifersucht auf den Ehemann erzählt, war das anfangs gar nicht klar. Er nährt die Hoffnung, dass Fanny ihm eines Tages allein gehören wird. Immer höher werden seine Ansprüche an sie, je tiefer sich die Eifersucht auf ihren Mann in sein Herz bohrt. Dieses rauschhafte Erleben der Liebe, das Schwelgen in der Eifersucht scheint in einem Schreibrausch niedergeschrieben zu sein. Kein Wunder, dass die Leserschaft in großen Teilen davon ausging, Feydeau habe hier von Ereignissen geschrieben, die ihm selbst oder zumindest einem seiner Freunde zugestoßen waren. Die Hauptfiguren Fanny und Roger, ihre Gefühle, Dialoge, Handlungsweisen wirken so echt und nachvollziehbar, dass man es selbst glauben mag. Wer je unglücklich geliebt hat und/oder einmal wahnsinnig eifersüchtig war, wird die Wahrhaftigkeit der beschriebenen Gefühle bestens nachvollziehen können. Übersetzt hat diesen Roman N. O. Scarpi.

Der Skandal um Fanny bestand wohl aus mehreren Teilen: Dass man an die Echtheit der Geschichte glaubte und vielleicht auch versuchte, die wahre Identität Fannys zu ergründen. Dass der Roman von Ehebruch und vor allem von der Eifersucht eines Liebhabers handelte, der ja einen Betrug beging und daher nicht als moralisch einwandfrei gelten konnte. Die Eifersucht des Gatten wäre sozusagen moralisch gerechtfertigter gewesen. Und dann natürlich eine Schlafzimmerszene, die nach heutigen Maßstäben erfrischend harmlos scheint. Ich könnte mir vorstellen, dass sich auch damals schon in den Köpfen der Leserschaft deutlich mehr abspielte als in den Zeilen der Geschichte.

Die Frage nach den wahren Hintergründen war offenbar dringlich, denn in meiner Ausgabe ist der Geschichte eine persönliche Stellungnahme Feydeaus angefügt, die er als Vorwort für die Ausgabe von 1870 geschrieben hatte. Er ist nicht Roger, aber ein Vorbild für die Ausgestaltung der Fanny gab es doch. Nur, dass der Schriftsteller und sein Vorbild keine Affäre hatten, sie war eher eine Art Muse.

Insgesamt sehr empfehlenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Fanny

  1. Pingback: [Philea's] Fanny - #Literatur | netzlesen.de

  2. gkazakou schreibt:

    Deine Manesse-Beiträge sind klasse!

  3. mannigfaltiges schreibt:

    Interessant.
    Jetzt fehlt nur noch “ Bis in den Tod“ von Guy de Maupassant. Dann wäre das Fremdgeher-Meisterwerks-Dreigestirn der Belle Epoque komplett. Auch bei Maupassant kommt – wenn ich mich recht entsinne – eine Kutschenszene vor.
    Aber warum muss ich jetzt plötzlich an „Titanic – der Film“ denken?
    lg

  4. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    das Buch ist ja ein echter Geheimtipp. Ich liebe dieses Ehebruchthema im 19. Jahrhundert. Und wenn das sogar der Spezi vom Flaubert war, gleich noch ein Gütesiegel. Seltsam: Es gibt keine Neuauflage. Hätte jetzt schon mit einer dtv Verlag Version gerechnet. Das Buch scheint doch nicht so bekannt zu sein.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi, erstaunlich, was alles durchs Raster fällt. Und sehr schade natürlich. Umso schöner, dass man das Büchlein bei Manesse noch bekommt. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen! Liebe Grüße!

  5. Pingback: Fanny von Ernest Feydeau

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