Ein Frauenherz

Eine Frau zwischen zwei heimlichen Lieben – das ist der Stoff, aus dem der dramatische und spannende Roman Ein Frauenherz von Paul Bourget gemacht ist. Der Roman ist so wunderbar 19. Jahrhundert, dass man beim Lesen ein bisschen aus der Zeit fällt.

Auch der Autor Paul Bourget war mir bislang kein Begriff, nun aber schon, dank Stephans herrlichen Manesse-Bändchen aus dem Nachlass seiner Eltern. Eigentlich erstaunlich, denn der französische Schriftsteller (1852-1935) war mit seinen Werken sehr erfolgreich. Auf dem Klappentext ist zu lesen, dass Heinrich Mann ihm seinen ersten Roman gewidmet und Henry James für seine Bücher geworben habe. Und doch erschien Ein Frauenherz erst 2006 erstmals in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur in deutscher Sprache. Übersetzt wurde der Roman von Caroline Vollmann.

Die attraktive junge Witwe Juliette wird bei der Leserschaft als geradezu mustergültiges Beispiel für tugendhafte Lebensführung eingeführt. Wer würde vermuten, dass die reizende junge Frau, die mit ihrer Mutter zusammenlebt und sich wenig um die gesellschaftlichen Spielchen ihres Standes kümmert, eine heimliche Affäre hat? Ihr Geliebter Henry bastelt an seiner politischen Karriere und vertraut Juliette nicht nur in Herzensdingen. Wahrscheinlich würden die beiden heiraten, doch Henry ist bereits verheiratet. Seine Frau hat ihn allerdings wegen eines anderen verlassen.

Über ihre beste Freundin Gabrielle lernt Juliette eines Abends einen bekannten Frauenverführer kennen. Ausgerechnet in ihn wird sie sich verlieben – und Raymond sich in sie. Binnen kurzem verändert er seinen Lebenswandel in der Hoffnung, Juliette für sich zu gewinnen. Von Henry weiß er nichts und Henry nichts von ihm. Juliette, die zwar tatsächlich eine tiefe Zuneigung für Henry empfindet, bringt es aus Mitleid nicht übers Herz, ihm endlich die Wahrheit zu sagen. Über geschickte Nachfragen, dezente Andeutungen, kleine Intrigen und eigenes Zusammenpuzzeln kommen die beiden Männer von selbst darauf, dass sie Konkurrenten sind. Und immer noch kann Juliette ihnen nicht die volle Wahrheit gestehen und sich für einen von ihnen entscheiden.

Was sich so recht nach Herz-Schmerz-Schnulze anhört, ist wesentlich raffinierter als das, was man üblicherweise damit verbindet. Bourget lässt uns tief in das Innenleben Juliettes blicken, um ihr Zögern verständlich zu machen. Dazu kommen natürlich die Umstände ihrer Zeit, Ehrlichkeit würde Juliette auch gesellschaftliche Ansehensverluste bringen. Im 19. Jahrhundert konnte man zwar heimliche Affären haben, aber die durften eben nicht öffentlich werden. Auch ihre beiden so unterschiedlichen Liebhaber Henry und Raymond werden genau betrachtet, vor allem im Blick darauf, wie sie sich als Konkurrenten, aus Eifersucht, Enttäuschung und Wut gegenüber Juliette und gegeneinander verhalten. Ich hab’s gern gelesen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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14 Antworten zu Ein Frauenherz

  1. Mina schreibt:

    Ich kann dein Gefühl gut verstehen, liebe Petra. Ich höre gerade ein wundervolles Hörspiel von E.T.A. Hoffmann und habe ebenfalls das Gefühl völlig aus der Zeit gefallen zu sein. Zusammen mit dem heutigen Regen ein ganz besonderes Hörvergnügen. Liebe Grüße, Mina

  2. andreabreuer schreibt:

    Hach, das würde ich jetzt gerne lesen!

  3. Pingback: [Philea's] Ein Frauenherz - #Literatur | netzlesen.de

  4. Tobi schreibt:

    Hallo Petra,

    du knallst hier ja die Geheimtipps nur so raus. Das kommt auch mal direkt auf die Liste. Echte Raritäten, gibts auch nur gebraucht in dem Manessebändchen.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, diese Manesse-Bändchen sind wirkliche Schätze, da kann ich sicher noch mehr Geheimtipps raushauen ; ) Ich hab auch gesehen, dass der Bourget nicht mehr in der Manesse-Gesamtübersicht auftaucht. Aber gebraucht findet sich bestimmt noch ein gut erhaltenes (ist ja noch recht neu, 2006) und günstiges Exemplar. Die Mode, der Zeitgeschmack, das sind wirklich strenge Richter … Sicher ist das Buch nicht unserer Zeit gemäß, aber das macht für mich eigentlich gerade den Reiz aus. Na ja … Liebe Grüße!

  5. hokuspokus77 schreibt:

    Klingt sehr interessant, liebe Petra. Gutenberg.org hat das französische Original http://www.gutenberg.org/ebooks/44161

  6. buchpost schreibt:

    Ha – kaum hatte ich deinen Beitrag gelesen, habe ich mir rasch ein gebrauchtes Exemplar bestellt. Freu. Schöner Tipp.

  7. Pingback: Blogbummel Juli 2015 – Teil 2 | buchpost

  8. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    so, nun habe ich das Buch gelesen und bin sehr begeistert davon. Vielen Dank für diesen hervorragenden Tipp, den ich ohne diesen Blogbeitrag wohl nicht gefunden hätte. Bourgets Stil erinnert stark an die Romane seiner Zeitgenossen, der vielen Naturalisten und Realisten, trotzdem hat sein Roman einen anderen Schwerpunkt. Scheinbar hat er sich ja vom Naturalismus distanziert. Mit seinem „psychologischen Roman“ erinnert er von der Erzählweise ein wenig an Henry James, nur das dieser sich immer auf die Gesellschaft und ihr Zusammenwirken konzentriert hat und Bourget sich mehr auf das Innenleben der einzelnen Personen konzentriert. Er macht das aber mit der gleichen klaren Sprache, die wirklich klasse ist. Mit dem Thema, Setting und seinen Figuren erinnert er tatsächlich sehr stark an Maupassant („Unser einsames Herz“). Aber insgesamt sehr spannend und unterhaltsam. Ein echt guter Tipp!

    Liebe Grüße
    Tobi

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